Ludwigshafen Mittwochs eine Flasche Sekt
Hanns-Josef Ortheil beobachtet genau. Ebenso wie der Protagonist Matteo in seinem 2017 erschienenen Roman „Der Typ ist da“. Matteo ist Restaurator und zeichnet detailliert auf Papier, was er sieht. Ortheil ist Autor, ein erfolgreicher. Beim Festival „lesen.hören“ hat er das Buch in Mannheim vorgestellt.
Mit auf die Bühne bringt er einen schlichten, schwarzen Rucksack und vier Bücher, die er akkurat gestapelt in der Tischecke platziert. Außerdem bringt der 66-Jährige – optisch Typ Oberstudienrat, weißer Hemdkragen unter unauffälligem Pullover – den Zuhörern in der ausverkauften Alten Feuerwache seine Beobachtungen mit. Es sind Details, Begegnungen, Gespräche aus seinem Leben, von denen viele in seinen Geschichten auftauchen. Beobachten hat Ortheil früh gelernt, sich schnell aufs Zuschauen und Zuhören spezialisiert. Als er drei Jahre alt war, hörte seine Mutter auf, zu sprechen – eine Reaktion auf traumatische Erlebnisse. Der Sohn tat es ihr gleich: Bis er sieben Jahre alt war, blieb Hanns-Josef stumm. In seinem Kölner Heimat-Stadtteil liefen die beiden immer dieselben, kurzen Wege. Der Junge beobachtete genau. Bis heute haben Wege für Ortheil eine besondere Bedeutung. Das alles erzählt er in Mannheim, changiert fließend zwischen biografischen Erzählungen und Lesung. „Geschichtengirlanden knüpfen“ nennt er die mannigfaltigen Verbindungen zwischen den Büchern untereinander und diesen mit dem Erlebtem. Während seine Kindheit in dem Buch „Die Erfindung des Lebens“ von 2009 Thema ist, ging es in Mannheim um den neuen Roman „Der Typ ist da“. Er habe das erste Kapitel geschrieben, ohne zu wissen, wie es weiter geht, gibt Ortheil zu. Aber es sei „ganz ausgezeichnet gelungen“, ergänzt er trocken-selbstironisch. Es ist nicht das einzige Lachen, für das er an diesem Abend sorgt. Die Geschichte von einem jungen Venezianer, der nach Köln kommt und dort in einer Dreier-Studentinnen-WG aufgenommen wird, schließlich das Leben der jungen Frauen ordentlich umkrempelt – Ortheil hat es so ähnlich erlebt, sich in Venedig mit einem Restaurator angefreundet, der schließlich nach Köln kam. Daraus wurde die Hauptfigur des Buches: Matteo. Der sagt im Buch so schlaue Sätze wie: „Kaufhäuser sind voller Waren, die man gar nicht braucht.“ Den jungen Venezianer, die drei Studentinnen – all das habe Ortheil auch „in echt“ weiterverfolgt, der Wohngemeinschaft mittwochnachmittags Besuche abgestattet. „Das Geschehen verwandelte sich durch die Zufuhr des Sekts in etwas Fiktionales“, sagt er schelmisch. Einmal die Woche vorbeikommen, eine Flasche Sekt alleine wegtrinken – das macht im Buch der Vater der Studentin Mia. „Der Typ ist da“ ist eine Geschichte, die man einerseits mal eben so weg liest, die andererseits aber eine zweite Ebene besitzt. „Eine tieferliegende, spirituelle Linie“ nennt Ortheil es. Matteo beginnt, das mittelalterliche Köln, vor allem den Dom und dessen Reliquien mit seinem eigenen Leben in Venedig und seiner Familie zu verbinden. Der Leser folgt ihm auf unterschiedliche Wege – auch Lebenswege. Wenn Ortheil aus seinen Büchern liest, hört man vieles, was man selbst vorher überlesen hat. Schön ist auch eine Passage aus seinem vor zwei Jahren erschienen Buch „Was ich liebe und was nicht“. Es beschreibt hier – erneut – einen Weg. Ortheil läuft darin durch ein Dorf im Westerwald. Es ist, neben Köln, eine weitere Heimat. Dort steht das Haus seiner Großeltern. Dort hat er sprechen gelernt. Ortheil spaziert umher, small-talkt mit den Dorfbewohnern über den örtlichen Männergesangverein. Es ist schlicht beschrieben, aber treffend beobachtet. Dann macht der echte Hanns-Josef Ortheil auf der Bühne seinen Rucksack auf, packt die Bücher ein und geht. Er macht sich wieder auf den Weg.