Satirischer Jahresausblick auf 2023 RHEINPFALZ Plus Artikel Miró-Marathon mit Kachel-René

Beim Blick in die Glaskugel für LU kann es selbiger schon mal mulmig werden.
Beim Blick in die Glaskugel für LU kann es selbiger schon mal mulmig werden.

Ein Blick in die Glaskugel offenbart ein turbulentes Jahr 2023 für Ludwigshafen. An allen Ecken und Enden muss gespart werden. Dafür schlüpft die Oberbürgermeisterin sogar in einen schwarzen Umhang. Am Ende geht alles gut, wäre da nicht ... Aber lesen Sie selbst!

Eine Ansprache mit Wirkung

Januar: Bei ihrer Neujahrsansprache sorgt Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck in doppelter Hinsicht für Entsetzen. Zunächst kündigt die 60-Jährige an, wie die Sparliste bestückt sein wird, damit die Finanzaufsicht ADD endlich den Ludwigshafener Haushalt genehmigt. Bis auf Weiteres geschlossen werden demnach: Pfalzbau, Eberthalle, Hackmuseum, Wild- sowie Stadtpark auf der Parkinsel. Dann setzt die SPD-Politikerin noch einen drauf. Möglicherweise werde sie ihre bis 2025 laufende Amtszeit nicht vollenden. Denn im Juni wolle sie sich um die Nachfolge von Peter Kurz bewerben – und Mannheimer OB werden. Den Zuhörern klappt die Kinnlade runter. Einige Sozialdemokraten fallen in Ohnmacht.

Und plötzlich stürzt wieder was ein: OB Jutta Steinruck vor einem Bagger an der Südtrasse.
Und plötzlich stürzt wieder was ein: OB Jutta Steinruck vor einem Bagger an der Südtrasse.

Ein gemeinsamer Bewerber

Februar: Die ADD akzeptiert die Sparvorschläge – sie gehen ihr aber nicht weit genug. Von einer Schließung des Ebertparks sieht die Behörde zwar ab, allerdings nur unter der Bedingung, dass die alten Kassenhäuschen reaktiviert werden – um Eintritt zu verlangen. Deren Renovierung soll aus Mitteln der „Aktion 72“ bestritten werden. Unterdessen schlagen die politischen Wellen hoch nach Steinrucks OB-Kandidatur auf der anderen Rheinseite. Die CDU fordert ihren sofortigen Rücktritt. Die Genossen verharren in Schockstarre. Die grünen Fraktionen im Stadtrat wittern ihre Chance, fusionieren und präsentieren einen gemeinsamen OB-Bewerber: Bau- und Umweltdezernent Alexander Thewalt, Parteiloser mit grüner Vergangenheit.

Ein gemobbter Kandidat

März: Vorm Pfalzbau, der Eberthalle, dem Hackmuseum sowie am Wild- und Stadtpark campieren Menschen in Zeltlagern und protestieren gegen die Schließungen. Der Kommunale Vollzugsdienst stellt Wachen auf. Die Kassenhäuschen am Ebertpark werden gestohlen. Weil ihnen die Spielstätte fehlt, melden sich die Eulen aus der Zweiten Handball-Bundesliga ab. Die Union bringt den in Mainz gemobbten Ex-CDU-Vordenker Christian Baldauf aus Frankenthal als Steinruck-Erben ins Spiel. Thewalt kündigt an, die Hochstraßen bei einem Wahlsieg zu reinen Brücken für Fußgänger und Radler umzuwandeln. Bundesverkehrsminister Volker Wissing will für diesen Fall den Geldhahn zudrehen. Die BASF droht, ihr Stammwerk nach China zu verlagern. „Viel Spaß“, kommentiert das Thewalt trocken. Die Linken feiern ihn als Che Guevara der Vorderpfalz.

Ein Mann für alle Fälle: Dezernent Alexander Thewalt.
Ein Mann für alle Fälle: Dezernent Alexander Thewalt.

Ein Scherz von Steinruck

April: Steinruck düpiert alle: Ihre Kandidatur in Mannheim sei nur ein vorgezogener Aprilscherz gewesen. Natürlich werde sie ihre volle Amtszeit in LU absolvieren, sagt sie bei der Eröffnung des Winterdorfs vor der Rhein-Galerie. Thewalt zieht erst mal einen Joint durch, als er beim Start der Mannheimer Bundesgartenschau davon erfährt. Steinruck feuert ihn aus dem Stadtvorstand. Die Grünen machen ihre Fraktionsfusion rückgängig. Der nächste Schock: Überarbeitete Kalkulationen für die Sanierung des Hochstraßensystems ergeben Kosten von 4,5 Milliarden Euro. Die ADD fordert daraufhin weitere Einsparungen. Die OB ordnet an, die Fußgängerzone zu schließen. Auch für Radfahrer. Bei Filmfestivalchef Michael Kötz werden die vermissten Kassenhäuschen aus dem Ebertpark entdeckt. Sein Erpressungsversuch scheitert. Er wollte Politiker zwingen, die Parkinsel zum Großraum-Kino-Weltkulturerbe erklären zu lassen. Die Platanen sollten nach seinen Plänen in die künftige City West verpflanzt werden und dort irgendwann die neue Kohl-Gorbatschow-Bush-Mitterrand-Thatcher-Allee schmücken.

Ein Umhang als Zugeständnis

Mai: Gefrustet von der Schließung reißt Hackmuseumsleiter René Zechlin jede der 7200 Miró-Kacheln eigenhändig von der Fassade. Raffinierte ADD-Mitarbeiter sammeln sie heimlich ein und versteigern sie bei Ebay. Ein Gericht spricht den Erlös der Stadt zu, die damit alle längst veräußerten Wildpark-Tiere zurückkauft und das Areal im Mai wieder öffnet. Thewalt bewirbt sich als Parkwächter und bezieht einen Stall. Kötz denkt über ein Open-Air-Kino zwischen Ziegen und Luchsen nach mit Stargast Uwe Ochsenknecht. Wissing lässt mit einem One-LU-Love-Finanzfax wissen, dass die Verhandlungen zur Hochstraßenfinanzierung vorm Abschluss stehen. Prozentuale Aufteilung: Bund, Land und Stadt übernehmen jeweils zehn, Investoren aus Katar 70 Prozent der Kosten. Damit erwerben die Scheichs auch den Ludwigshafener Teil des Rheins. Die OB muss als Zugeständnis einen schwarzen Umhang tragen und bekommt den Spitznamen Messi-Jutta verpasst. Elf Stadträte halten sich vor Scham die Hände vor den Mund.

Ein grüner OB

Juni: Erstmals wird ein Grüner OB von Mannheim. Sein Ziel: Bis Jahresende autofreie Quadrate. Im Ludwigshafener Hemshof beginnt die Quadratur des Kreises: das Pilot-Projekt für eine Kameraüberwachung gegen Müllsünder. Die ADD genehmigt allerdings nur einen einzigen Observierungspunkt vor einem Lieferservice am Goerdelerplatz. Zechlin muss als Strafe alle inzwischen konfiszierten Miró-Kacheln wieder einzeln ankleben. Pfalzbau-Intendant Tilman Gersch inszeniert das als Open-Air-Oper mithilfe der Staatsphilharmonie, deren Instrumente nur deshalb nicht gepfändet werden. Im Hemshof, wo aus Spargründen alle Mülleimer entfernt worden sind, wird der erste Täter geschnappt. Erschreckt von einer Kameralinse ließ er seinen Pizzakarton fallen. Statt eines Bußgelds muss er fünf Stadtratssitzungen hintereinander live verfolgen – bis zum bitteren Ende.

Geschafft: Alle sind wieder dran. „Kachelmann“ René Zechlin vor der Miró-Wand.
Geschafft: Alle sind wieder dran. »Kachelmann« René Zechlin vor der Miró-Wand.

Ein anonymer Investor

Juli: Der Sparmarathon geht weiter: Das Rheinuferfest wird ebenso abgesagt wie der Bliesrave. Am Berliner Platz eröffnet der Weihnachtsmarkt, diesmal mit vier Riesenrädern. In den Gondeln, eine pro Fraktion, tagt der Stadtrat, weil der Pfalzbau weiter geschlossen ist. Der Rückbau des Rathaus-Centers läuft auf Hochtouren. Für das fast gescheiterte „Metropol“-Hochhausprojekt findet sich ein Investor, der aber anonym bleiben will. Ins Freibad darf nur, wer nicht abtaucht. Ist aber kein Problem, weil die Becken aus Spargründen nicht mit Wasser gefüllt werden. In ihnen soll das Straßentheaterfestival stattfinden, weil ja die Fußgängerzone dicht ist. René Zechlin ist fleißig, hat inzwischen 2345 Kacheln geschafft. Es heißt, er klebe an seinem Direktorenstuhl. Am Museum findet die nächste Hol die OB-Aktion statt. Messi-Jutta ist Kachel-René auf den Leim gegangen. Er hatte via Mängelmelder hochrangige Unterstützung für seine Kunst am Bau angefordert.

Ein Festival auf dem Acker

August: Der neue „Metropol“-Investor hält sich weiterhin bedeckt, lässt aber durchblicken, dass er das Südwest-Stadion für die Fußball-EM 2024 fitmachen will. LU müsse dafür keinen Cent in die Hand nehmen. Nach hartnäckigen Recherchen der RHEINPFALZ sickert durch, dass der vermögende Mann eine Villa am See in Zürich besitzt. Unterdessen war die Ausschreibung für den Lückenschluss der Hochstraße erfolgreich. Angeblich hat den Zuschlag eine Firma aus dem Emsland erhalten. Auf Konrad-Adenauer- und Kurt-Schumacher-Brücke Richtung Mannheim geht nichts mehr, weil der designierte grüne OB – Dienstfahrzeug: ein Dreirad – langsam ernst macht mit der Pkw-freien Innenstadt. Da die Parkinsel gesperrt ist, wird das Filmfestival auf einen Kartoffelacker bei Ruchheim verlegt.

Eine Tüte Chips

September: In der Branche wird Festivalchef Kötz schon als Potato-Mike verspottet. Aber clever wie er nun mal ist, macht der Intendant aus der Not eine Tugend. Da genug Platz ist, stellt er 100 Zelte auf. 20 Prozent davon vermietet er an die überall in der Stadt campierenden Protestler, die freien Eintritt ins Kino und dazu eine Tüte Chips erhalten. Der Regiepreis geht in diesem Jahr an das Produzentenduo Thewalt/Ochsenknecht für die Wildpark-Doku „Wisente sind auch nur Menschen“. Fern vom Rhein wird das Festival überschwemmt von Besuchern. Widerstand signalisiert nur eine berüchtigte Ruchheimer Bürgerinitiative, deren Mitglieder der grüne Mannheimer OB während der Festivaltage Asyl gewährt. Zechlin schuftet unterdessen weiter und ist bei Kachel 3456.

Wilder Stargast im Wildpark: Schauspieler Uwe Ochsenknecht.
Wilder Stargast im Wildpark: Schauspieler Uwe Ochsenknecht.

Ein Brotzeit-Tower

Oktober: Die Katze ist aus dem Sack. Der neue „Metropol“-Investor ist ... Peter Görtz. Mit einer Briefkastenfirma in der Schweiz hat der Unternehmer die investigativen Journalisten an der Nase herumgeführt. Die Villa steht nicht am Zürichsee, sondern am Luitpoldhafen. Am Berliner Platz plant Bäcker Görtz einen Brotzeit-Tower, zwei in den Himmel ragende Gebäude in Baguette-Form. Im Erdgeschoss ist eine Markthalle in Brezel-Optik vorgesehen. Als Tribut an den norwegischen Mehrheitseigner des Unternehmens bietet Görtz täglich die Nationalspeise Rømmegrøt zum Mittagstisch an – ein Brei aus Sauerrahm und Mehl mit Zucker und Zimt oder gepökeltem Lammfleisch. Lammfromm muss LU sportlich kleinere Brötchen backen, denn der Traum vom Südwest-Stadion als EM-Standort erfüllt sich nicht. Stattdessen soll das auf manchen Rängen bereits dschungelartig anmutende Oval zum zweiten Wildpark-Standort ausgebaut werden. Ein Herzenswunsch von Thewalt, den er mit dem Filmfestival-Preisgeld realisieren will. Unterdessen klebt Zechlin Kachel um Kachel. Mittlerweile haftet Nummer 5572 an der Fassade.

Eine Maut über den Fluss

November: Die ADD würdigt die Sparbemühungen der Stadt. Der Pfalzbau darf wieder öffnen, der Stadtrat die Riesenrad-Gondeln verlassen und wieder im Konzertsaal tagen. Immer noch gewöhnungsbedürftig: der schwarze Umhang der OB, den die AfD mit „Ausziehen, Ausziehen“-Rufen als Kniefall vor den Arabern brandmarkt. Die Lücke der Südtrasse wird kleiner, obwohl die Spezialisten aus dem Emsland eher dafür bekannt sind, Brücken ab- statt aufzubauen. Plakate mit der Aufschrift „Uns stehen noch sieben Millionen Euro zu“ irritieren nicht nur Thewalt. Da auf Kreuzfahrtschiffen, die an der Rhein-Galerie anlegen, immer mehr Menschen mit schwarzen Umhängen gesichtet werden, verdichtet sich der Eindruck, dass die Hochstraßenfinanziers ihre Androhung wahrmachen wollen: eine Fluss-Maut. „Nur noch 457 Kacheln“, ächzt Zechlin. Die Miró-Wand ist nahezu komplett.

Ein lauter Knall

Dezember: Kämmerer Andreas Schwarz legt im Stadtrat den Etatplan für 2024 vor. Ludwigshafen glänzt mit einem Überschuss von 18,60 Euro. Alle Restriktionen werden aufgehoben. Die „Eberthölle“ wird wieder zum Eulen-Nest. Mit der letzten angeklebten Kachel darf auch das Hackmuseum wieder öffnen. Arche Noah-like ziehen die ersten Schafe und Ponys ins Südwest-Stadion ein. Die BASF verwirft ihre Asienpläne, die CDU scheitert mit einem Amtsenthebungsverfahren. Die OB sitzt fester denn je im Sattel. Was die Schwarzen viel mehr schmerzt: Mit dem neuen Kollegen aus Mannheim schmiedet Steinruck eine rot-grüne Zukunftsallianz über den Rhein hinweg. Und als der liberale Landauer Wissing endlich mal selbst unter den Hochstraßen aufkreuzt, ist die Rhein-Neckar-Ampel perfekt. Ein Knall zerstört die Idylle. Augenzeugen berichten, dass die ersten neuen Pfeiler des Südtrassen-Ersatzbaus von Unbekannten gesprengt wurden. „Rache ist süß, es grüßt die Firma Moß!“, steht auf einem Bekennerschreiben. Ganz bitter für René: Durch die Erschütterung lösen sich alle Kacheln von der Miró-Wand. Die FAZ titelt: Ludwigshafen – ein Scherbenhaufen.

Kann Filmfestival auch auf dem Kartoffelacker: Intendant Michael Kötz.
Kann Filmfestival auch auf dem Kartoffelacker: Intendant Michael Kötz.
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