Quintessenz
Mehr Hoffnung als Sorgen: Geht das in Krisenzeiten?
Ich bin nicht gerade als Leseratte bekannt. Lassen es Job und Familie zu, mache ich lieber Sport. Der hält den Geist ebenfalls frisch und den Körper einigermaßen in Schuss. Außerdem sind meine Augen von dem vielen Bildschirmgeglotze und der Lektüre der eigenen Zeitung sowie der Konkurrenzblätter häufig müde.
Als Heranwachsender hatte ich mal eine Phase, in der ich mir einige – aus meiner Sicht – wichtige Klassiker zur Brust genommen habe. Von Heinrich Böll („Ansichten eines Clowns“), Ernest Hemingway („Der alte Mann und das Meer“), Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“) über John Steinbeck („Die Straße der Ölsardinen“) bis zu Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“). Sein RAF-Standardwerk von 1985 hat mich nachhaltig geprägt.
Ein fesselndes Thema
Als Jugendlicher haben mich die Nachrichten über die Vorkommnisse rund um den „Deutschen Herbst“ 1977 und den Terror der Roten Armee Fraktion sehr irritiert. Ich konnte das Ganze nicht einordnen. Die überall aufgehängten Fahndungsplakate der gesuchten RAF-Mitglieder erzeugten bei mir eine diffuse Angst. Dass einer der prominentesten Terroristen, Christian Klar, lange im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Bruchsal einsaß, im Krankenhaus direkt daneben wurde ich 1969 geboren, empfand ich irgendwie als bedrohlich. Es ist wohl auch kein Zufall, dass auch meine Magisterarbeit vom Terror handelte – von jenem der ETA im Baskenland und wohin er sich in der Nach-Franco-Ära entwickelt hat. Das Thema und die Literatur dazu fesselten mich.
Die Sinnlosigkeit von Gewalt und Gegengewalt
Irgendwann riss der Lesefaden wieder ab – mehr oder weniger für Jahrzehnte. Im letzten Sommerurlaub wagte ich mich dann an einen Wälzer, den mir meine Frau geschenkt hatte. „Patria“ („Vaterland, Heimat“) von Fernando Aramburu – ein gefeierter Roman mit 125 Kapiteln auf gut 700 Seiten. Das Buch erzählt von zwei baskischen Familien zur Hoch-Zeit der ETA. Der Autor erzählt sehr empathisch in Zeitsprüngen von der Sinnlosigkeit von Gewalt und Gegengewalt. Wie dies das Leben der Menschen auf den Kopf stellt, wie Argwohn und Denunziation ihren Alltag bestimmen, wie Freundschaften zerbrechen. Ich habe das Werk verschlungen. Ich fand mich, meine wissenschaftliche Arbeit und das so raue wie bezaubernde Baskenland darin wieder.
Als Student habe ich die Autonome Gemeinschaft im Norden Spaniens selbst bereist. Schwerbewaffnete Polizisten vor Banken und Geschäften gehörten in Städten wie Bilbao oder San Sebastian zum gewohnten Bild. Vor Ort traf ich einen Politiker, dessen Familie von einer Entführung der den Zentralstaat bekämpfenden ETA direkt betroffen war, und wertete eine aktuelle Umfrage zur Euskadi ta Askatasuna (Baskenland zur Freiheit) für meine Abschlussarbeit aus. Ich schoss unzählige Fotos und unterhielt mich mit vielen Menschen. Allen gemein war, aus welchen Lagern sie auch stammten: Sie waren mürbe von dem Konflikt, hatten ihn satt – die Anschläge, die Bomben, die Opfer, das Klima der Angst.
Terror bestimmt aktuell wieder die Schlagzeilen, diesmal in Nahost. Es droht ein Flächenbrand in der Region. Als gäbe es nicht schon genug Krisen und Kriege. Das belastet, macht nachdenklich, hinterlässt Spuren.
Vor wenigen Tagen habe ich ein neues Buch angefangen. „Das Café ohne Namen“ von Robert Seethaler. Es spielt Mitte der 1960er-Jahre in Wien. Sechs Kapitel und 45 Seiten habe ich bisher gelesen. Auf Seite 26 steht ein bemerkenswerter Satz einer Kriegerwitwe, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Man sollte sich immer ein bisschen mehr Hoffnung als Sorgen machen. Alles andere wäre doch blödsinnig, oder?“
Wie recht sie doch hat.
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.