Ludwigshafen Manche mögen’s heiß

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«Neuhofen.» Für den Neuhofener Chemotechniker und Naturschützer Thomas Dolich ist es eine spannende Zeit. Er beobachtet seit Jahrzehnten die Vogelwelt in der Region. „Wir wissen, dass Wetterextreme zunehmen. Das kann für manche Vogelarten gefährlich werden, andere könnten von der Klimaerwärmung profitieren. Klar ist: Es wird Verschiebungen bei Verbreitungsgebieten der Arten geben“, sagt der Ornithologe. Gerade jetzt seien Beobachtungen ganz wichtig, um daraus Naturschutzmaßnahmen abzuleiten. Darum suchen die Naturschutzverbände immer wieder für Vogelzählungen Mitstreiter (siehe „Zur Sache“). Thomas Dolich arbeitet hauptberuflich bei einem großen Chemieunternehmen in der Region und ist seit mehr als 40 Jahren Mitglied bei der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor). Seit 1979 koordiniert er ehrenamtlich für die Gnor die Internationale Wasservogelzählung in Rheinland-Pfalz. Selbst hält der Neuhofener mit Gleichgesinnten im Raum Waldsee/Otterstadt Ausschau nach Gänsen, Enten, Reihern und anderen Vögeln, die auf, in und an Gewässern leben. Seine Zählgebiete sind Marx’scher Weiher, Schulgutweiher, Otterstädter Altrhein und Alter Baggersee im nördlichen Bereich des Naturschutzgebiets Böllenwörth. An diesem Sonntag im Januar ist die Luft kurz nach 9 Uhr acht Grad kühl. Wegen des Dauerregens fühlt es sich für Dolich, Doris Hofscheuer und Andrea Wegner am Ufer des Marx’schen Weihers trotz wasserdichter Kleidung bald kälter an. „Wir sind bei jedem Wetter draußen, um die Wasservögel zu zählen“, sagt Dolich. Gezählt wird von September bis April jeweils an dem Sonntag, der der Monatsmitte am nächsten liegt. Ab Herbst kommen zigtausend Wasservögel aus Skandinavien und Osteuropa als Wintergäste in unsere Breiten, weil sie offene, nicht von Eis bedeckte Gewässer als Nahrungsquelle brauchen. Am Marx’schen Weiher herrscht herrliche Ruhe. Dolich und Hofscheuer schauen von einer Landzunge am Westufer aus durch ihre Spektive auf eine Ansammlung von Wasservögeln. An diesem Sonntagmorgen sichten die Drei am Weiher alte Bekannte wie die weit verbreiteten Stockenten (64 Exemplare), Reiherenten (15), Graureiher, Kormorane (jeweils zwei), Blässhühner (zwölf) und Haubentaucher (sieben). Neulinge sind die 13 Mandarinenten. Typische Wintergäste wie etwa die Tafelente hingegen fehlen. Nach ungefähr fünf Stunden haben die Naturschützer in ihren Gebieten 1307 Wasservögel aus 23 Arten notiert. „Die Zahlen sind insgesamt recht niedrig, bedingt durch den bisher recht milden Winter. In kalten Wintern hatten wir schon allein am Otterstädter Altrhein mehr als 2000 Wasservögel, vor allem Wintergäste“, sagt Dolich. Zu den buntesten Vögeln zählen an diesem Sonntag neben den aus Asien stammenden Mandarinenten, die in unseren Breiten vermutlich durch Zoo-Flüchtlinge heimisch wurden, drei Eisvögel. „Nach einem milden Winter gibt es von ihnen im Frühjahr relativ viele“, sagt Dolich über den metallisch glänzenden Alcedo atthis, wie sein wissenschaftlicher Name lautet. Eisbedeckte Gewässer mag der auf Fische als Nahrung spezialisierte Eisvogel nicht, weil er dann hungern muss. Von der Hitze und Trockenheit in diesem Sommer profitierten laut Experten Grau- und Silberreiher, Lach- und Mittelmeermöwen sowie Weißstörche. Aufgrund des niedrigen Wasserstands im Rhein, in Altrhein-Armen oder Baggerseen wurden zum Beispiel Muschelbänke freigelegt. „Fische waren im flachen Wasser leichter zu erbeuten“, erklärt Dolich, der Tisch für diese Vögel also üppig gedeckt. Verlierer der Trockenheit sind dagegen die Rohrweihen. „Sie hatten wesentlich weniger Jungvögel“, sagt der Fachmann. Die Greifvögel bauen ihre Nester im Röhricht – das sind schilfartige Pflanzen am Ufer von Gewässern. „Die Bruten der Rohrweihen sind oft trockengefallen, so dass Landtiere wie Füchse, Wildschweine und Marder leichter dorthin kommen und Eier oder Jungtiere erbeuten konnten“, erklärt er. Der Ornithologe hat auch beobachtet, dass manche Zugvögel wie der Trauerschnäpper früher aus ihren südlichen Überwinterungsgebieten in unsere Region zurückkehren. „Sie haben dadurch mehr Zeit für ihr Brutgeschäft. Es sind auch schon zweite Bruten bei manchen Paaren festgestellt worden“, erklärt er. Ein eindeutiger Klimagewinner ist bisher der Bienenfresser. „Er hat sich in der Pfalz etabliert“, sagt Dolich über den türkis-, gelb- und rostbraunen Vogel, der tatsächlich auch Bienen und Hummeln frisst. Zwischen Maxdorf und Frankenthal gibt es einen der pfalzweit größten Bestände des Bienenfressers, der in steilen Lehmwänden seine Bruthöhlen anlegt. Aber wahrscheinlich haben die bunten Vögel ab dem Hochsommer vor ihrem Flug ins Winterquartier in Afrika den Rückgang der Fluginsekten auch noch zu spüren bekommen. Auf den Streuobstwiesen im Kreis habe ab August kaum noch etwas geblüht, nennt der Experte den Hauptgrund dafür. Dem Raubwürger hat laut Dolich die Klimaerwärmung hingegen offenbar nichts genutzt. „In der Pfalz gilt er als Brutvogel inzwischen als ausgestorben. Früher hat er auch im Rhein-Pfalz-Kreis gebrütet“, informiert er. Der grau-beige gefiederte Mäuse-, Insekten- und Kleinvogel-Jäger mit schwarzen Augenstreifen und Flügelfedern hat Fachleuten zufolge unter der Intensivierung der Landwirtschaft gelitten. Mit dieser sind Bäume und Hecken an Ackerrändern verschwunden. Solche Gehölze benötigt er als Ansitz zur Jagd.

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