Ludwigshafen
Maibaum in West: Stolz auf gemeinsames Engagement
„So einen Maibaum habt ihr bestimmt noch nirgends gesehen – der ist ganz eigen hier in West, und wir sind stolz, dass wir ihn haben“, ruft Petra Schmitt über ihr Mikrofon aus. Die 60-Jährige ist eine echte Stadtteil-Patriotin: Seit 17 Jahren beteiligt sie sich in der Interessengemeinschaft West, deren Mitglieder neben weiteren sozial engagierten Einrichtungen Teil des Arbeitskreises „Go West“ sind. Und dieser Kreis werde immer größer, sagt Schmitt. Sie schätzt die Vernetzung innerhalb ihres Stadtteils und den Menschen, „die sich hier zusammen tun, um zusammen was zu erreichen“, formuliert sie ihr Arbeitscredo.
Zum gemeinsamen Auftakt haben sich Kinder der Kindertagesstätte Lummerland und des Caritas Kinderhorts Don Bosco bereits zusammengefunden, um den Kranz am Maibaum feierlich zu schmücken. Zwei Wirbelwinde machen das zu einem freudigen Spektakel: Jene kleinen Gäste auf dem Boden und jene, die die Äste und Blätter in der Luft bewegen. Schmitt kommentiert das Geschehen: „Ich sehe hier Blumen und ganz tolle Schleifen. Der wird richtig toll und bunt, der Maibaumkranz.“ Für die bunten Bänder waren die Kita-Kinder, für den wetterfesten Schmuck – laminierte Blumen sowie Schmetterlinge – die Schulkinder aus dem Hort verantwortlich.
Dieser Tradition haben die jungen Westbewohner lange entgegengefiebert, erzählt eine Erzieherin. Schließlich zieht Ortsvorsteher Osman Gürsoy (SPD) mit Verstärkung den Kranz am Maibaum hoch. Sonnenstrahlen fallen durch die Öffnung des Baumschmucks und die Bänder wehen im Wind wie kleine Flaggen. An diesem Nachmittag ist alles in Bewegung: An der Baumspitze, auf dem Rudolf-Hoffmann-Platz und um ihn herum auf den Straßenbahnschienen, den Autospuren und an den Bushaltestellen. Auch Schmitt steht selten still: Die Vorsitzende der IG West huscht hinter die Kuchentheke, schenkt Getränke aus, macht Menschen miteinander bekannt – und auf Herausforderungen im Stadtteil aufmerksam.
Was liegt dem Stadtteil schwer im Magen? Darüber sprechen die Westbewohner in der IG West und im Arbeitskreis „Go West“ regelmäßig. Die Kinder- und Jugendarbeit – etwa im Jugendclub Mädchentreff in der Bliesstraße oder in der Spiel- und Lernstube „Abenteuerland“ in der Bayreuther Straße, beides Angebote der Ökumenischen Fördergemeinschaft Ludwigshafen – soll schulischen Problemen mit kostenloser Hausaufgabenbetreuung und Freizeitaktivitäten entgegenwirken.
Vor allem Stadtteilbewohnern mit Migrationshintergrund „möchten wir etwas anbieten, dass die Leute sich hier zu Hause fühlen: Es soll mehr sein, als nur essen, schlafen und der Weg zur Arbeit“, wünscht sich Schmitt. Das Kooperationsprojekt der Jona-Kirchengemeinde und der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz „Ansprechbar@Matthäus“ bietet genau für solche Anlässe niederschwellige Unterstützung für Menschen aus dem Quartier in der Matthäuskirche an.
„West muss sich zeigen“
Zusammenkommen, wohlfühlen, stolz sein: Die Gemeinde in West möchte zusammenhalten, und zeigt das auch. Genau das sei entscheidend. „West als kleinster Stadtteil von Ludwigshafen muss sich nach außen zeigen, um wahrgenommen zu werden“, betont Ortsvorsteher Gürsoy. Die Bewohner konservieren trotz allem ihre eigene Stadtteil-Geschichte: So lebt der ehemalige Schlachthof in der Identität einiger Alteingesessener weiter, die sich augenzwinkernd „Schlachthöfer“ nennen, erzählt der SPD-Politiker.
Geschichtsträchtig ist vor allem der 9. Mai, an dem das Fest begangen wird: Vor 80 Jahren wurde die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet. Das erwähnt auch Petra Schmitt, doch Kinder in Sommerkleidern und Fußballtrikots schauen abgelenkt durch die Öffnung des Maikranzes gen Himmel.
Dann ziehen sich zwei Erzieherinnen zurück, stellen sich vor die Horde und bewegen sich zur lauten Musik – die Gruppe macht es ihnen enthusiastisch nach. Schnell bildet sich eine Traube von Müttern: Die Frauen filmen ihre Sprösslinge, lachen miteinander, halten gestreckte Daumen nach oben. Petra Schmitts Herzenswunsch scheint für die Dauer dieses Tanzes erfüllt.