Mannheim
Münchner Philharmoniker auf Abwegen: „Blechschaden“ im Mannheimer Rosengarten
Dazu kamen der Bayerische Kulturpreis und die rare Auszeichnung „München leuchtet“: Allesamt Preise, die die Philharmoniker nie bekommen haben. Das hat bis heute mit dem quirligen Schotten Bob Ross zu tun, der auf recht malerische Art und Weise den Taktstock schwingt und mit „Dirigenten und andere Katastrophen“ ein Buch vorgelegt hat, das schon im Titel seinen nicht ganz so ernst zu nehmenden Inhalt beschreibt.
Die Katastrophe, die 1985 zur Gründung und damit zur Erfolgsgeschichte von „Blechschaden“ führte, war „Celi“, mit vollem Namen Sergiu Celibidache, der diktatorisch auftretende Chefdirigent der Münchner, unter dem alle stöhnten und erst hinterher und nach großen Erfolgen sagten, es sei eine Gnade gewesen, unter ihm zu spielen. Trompeter Bob Ross, 1,58 Meter großer Schotte aus dem Bergarbeiterstädtchen Kirkcaldy, suchte einen Ausgleich, erinnerte sich an die legendären Brass Bands seiner Heimat und trommelte zehn Blechbläser-Kollegen und einen Schlagzeuger zusammen (aktuell ist neben Ross nur noch einer aus der Gründungstruppe dabei). Man spielte und spielt Bearbeitungen aus Klassik und Unterhaltung und scheut weder Jodler noch Volkslieder (meist schottische) und Märsche.Das hoch professionelle Experiment glückte und wurde zum Selbstläufer.
Aufgekratztes Publikum
Pro Arte hatte gerufen und der Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens war rappelvoll und das Publikum aufgekratzt wie selten in der letzten Zeit. Willig folgte man der humoristischen bis klamaukigen Conférence des agilen Bob Ross, der es, das so nebenbei, meisterhaft ersteht, die Leute am Bändel zu führen, sie klatschen zu lassen nach seinem Belieben und selbst die zum Singen zu animieren, die das gar nicht können. Schon mit den drei Anfängsstücken, „Zarathustra“-Fanfare (Strauss), Aida-Triumphmarsch (Verdi, auf Trichtern) und d-Moll-Orgeltoccata (Bach) hatten die Gäste alle im Sack – und gleich klar gemacht, dass hier Meister ihres Fachs an der Arbeit waren und kritische Einwendungen hier bitte zu unterbleiben hätten. Hatte auch niemand welche bei diesem Weihnachtskonzert, das genau genommen keines war, denn „Stille Nacht“, „Oh du fröhliche“ oder „Es ist ein Ros' entsprungen“ wurden gnädig verschont. Dafür gab es „White Christmas“ und als definitiven Rausschmeißer das unsägliche „Jingle Bells“ kollektiv mitgesungen.
Es geht um den Spaß an der Freud und da sind die tollsten Mésaillancen erlaubt. Was hätte wohl der alte Gabrieli gesagt, wenn er eine seiner doppelchörigen Canzonen in dieser blechgestählten Luxusversion gehört hätte? Was Johann Stamitz zur angekündigten, aber genau genommen unauffindbaren „Mannheimer Rakete“? Ein Flötensolo (Bach), brillant gespielt von der Tuba? Ein Jodler vom Euphonium? Man hört ihn förmlich, den Spaß, den die ausgebufften Münchner Virtuosen haben, mal aus ihrer philharmonischen Haut zu in eine andere zu fahren, bei den Beatles („Penny Lane“) oder „Marching the Blues“ und anderen populären Ohrwürmern anzudocken und dem Schlagzeuger ein zu Recht bejubeltes Solo zu „gönnen“.
Internationale Herkunft
Gejubelt und geklatscht wurde sowieso nach und mitten in den Stücken, letzteres auf gern befolgte Zeichen von Bob Ross, den „Hobby-Bayern“ im karierten Frack, der den Berufs-Schotten gab, sein Rednerpult mit dem Andreaskreuz der schottischen Flagge auf bayerischen Rauten geziert hatte und „Blechschaden“-Musiker auch mal singen (mäßig) und irisch volkstanzen ließ (dito). Die demonstrierten ihre gebremst internationale Herkunft mit ähnlichen Tüchern vor den Pulten, die sie als Bayern, Franken, Österreicher, Tiroler kenntlich machten, ein Portugiese und ein Schweizer. waren die Ausreißer. Man hatte seinen Spaß und so war es gut.