Ludwigshafen Mädchentraum von Glanz und Gloria
„Das kunstseidene Mädchen“ war ein Bestseller in der Endzeit der Weimarer Republik. „Als ich den Text das erste Mal gelesen habe, habe ich mich sofort in ihn verliebt“, sagt Fritzi Haberlandt. Vor zehn Jahren las die Schauspielerin den tragikomischen Roman für eine Hörbuch-Edition ein. Nun hat sie ihn zusammen mit dem Musiker Jens Thomas in einer äußerst gelungenen szenischen Lesung in der Mannheimer Alten Feuerwache präsentiert.
„Gilgi, eine von uns“ hieß 1931 der erste Roman von Irmgard Keun. „Das kunstseidene Mädchen“ folgte im Jahr darauf. Keun war erst 27 Jahre alt, als er erschien und ein Verkaufserfolg wurde, bevor ihn die Nazis wiederum ein Jahr später verboten und beschlagnahmten. Auf ihren Schwarzen Listen, die „schädliche und unerwünschte“ Autoren verzeichneten, fand sich die gebürtige Berlinerin Irmgard Keun, gebrandmarkt als Verfasserin von „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“. Haberlandt sieht ihre Lesung auch als „eine Art Wiedergutmachung“ für das Unrecht, das Keun, die 1982 verarmt in Köln starb, zugefügt wurde. „Sie hätte mehr Ruhm und Ehre verdient gehabt in ihrem Leben“, urteilt die 41-jährige Schauspielerin. „Ich will zeigen, dass ihr Text stärker ist als das Unrecht, das ihr widerfahren ist.“ So lässt Haberlandt Doris wiederauferstehen, die 18 Jahre junge Titelheldin aus Keuns Roman, dieses naive und doch in gewisser Weise lebenskluge Mädchen. Nach damaligem Gesetz ist Doris noch drei Jahre von der Volljährigkeit entfernt, als sie aus der Provinz in die Haupt- und Weltstadt Berlin geht, um dort, privat und auf der Bühne, ihr Glück zu suchen. Als Bürokraft entlassen, schlägt Doris sich ohne Geld, Papiere oder festen Wohnsitz durch den Großstadtdschungel. Es zieht sie zum Theater, weil sie meint, dass sie ganz anders sei als die anderen ehrgeizlosen Kolleginnen im Büro, weil sie „fast ohne Dialekt“ zu sprechen vermöge und schon in der Mittelschule der Lehrerin Fräulein Vogelsang „einen Erlkönig hinlegte, dass alles starr war“. „Ich will ein Glanz werden, der oben ist“, formuliert sie. Sie will den Glanz, damit die Leute sie hochachten und nicht länger auf sie „runterlachen“, wenn sie nicht weiß, „was ein Kapazität ist“ und andere Bildungslücken offenbart. Sie will besonders sein, sichtbar, keine jederzeit ersetzbare Stenotypistin. „Und ich denke, dass es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin“, trägt Haberlandt vor. „Ich denke nicht an Tagebuch – das ist lächerlich für ein Mädchen von 18 und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein.“ Fritzi Haberlandt, die demnächst im Fernsehen in der Krimikomödie „Der Chef ist tot“ brilliert, liest nicht erkennbar aus Irmgard Keuns Buch, sondern aus einem schwarzen, dicken Heft, wie Doris es führt. Sie schreibt hinein, wie Doris es tut. Anstatt des Feh-Mantels aus Eichhörnchenfell, den Doris für sich klaut, trägt sie Kunstpelz mit Animal Print wie die Frauen von heute. Nur selten sitzt sie auf der ganz in Rot getauchten Bühne hinter einem Tisch, wie bei Lesungen üblich, sondern auf der Tischplatte, spielt, tritt vorne an den Bühnenrand oder in den Hintergrund, hockt und kramt in ihrer billigen, prallen Reisetasche, tanzt oder singt solo und im Duett mit Jens Thomas. Zu einem Teil liest Haberlandt aus Doris` Heft, zum Teil trägt sie frei vor, und so verschwimmen die Romanfigur und ihre Darstellerin ineinander. Haberlandt lässt die Buchheldin sehr lebendig und sehr heutig erscheinen, allen altertümlichen Ausdrücken im Roman und allen zeittypischen Schilderungen der ausgehenden Weimarer Republik zum Trotz. Sie hat Passagen aus Keuns Roman ausgewählt und klug neu angeordnet. Gesanglich und am Flügel begleitet wird sie dabei von Jens Thomas, der überzeugend und genau abgestimmt zu agieren weiß. Mal tritt er in Dialog mit ihr, mal zupft er die Klaviersaiten und mal lässt er seine Stimme wie ein Didgeridoo erklingen, während sie in mehreren Strängen von den Männern berichtet, auf die Doris sich manchmal berechnend und manchmal kopflos verliebt einlässt, von ihrer Erschöpfung und wiederum ihrem Ehrgeiz, von Hubert, der sie verlassen hat, von ihren Anfängen in der Statisterie, von verzweifelten Versuchen, vielleicht als Hure ein wenig Geld zu verdienen, oder von Ernst, der sie am Straßenrand trifft und bei sich aufnimmt, ganz ohne Gefälligkeiten zu erwarten. Aber auch ihre Liebe zu ihm bleibt letztlich unerfüllt, denn Ernsts Herz gehört einer Verflossenen. „Er liebt sie so, da kann man nichts machen“, weiß Doris.