Ludwigshafen Mächtige Väter, ängstliche Söhne

Der japanische Theaterautor, Regisseur und Theaterleiter Kuro Tanino ist in Europa noch kaum bekannt. Beim Festival „Theater der Welt“ war nun sein Stück „Kiste im Koffer“ zu sehen. Es zieht den Zuschauer in eine Traumwelt hinein und bezaubert durch fantastische Bilder.
Im Studio des Mannheimer Nationaltheaters ist eine Guckkastenbühne aufgestellt. Ein violetter Vorhang verbirgt vorerst, was den Zuschauer erwartet. Wo die deutschen und englischen Übertitel während der Aufführung auf Japanisch erscheinen werden, stimmen schon einmal Begriffe aus der Sprache der Psychoanalyse auf das Stück des Theaterregisseurs und Psychiaters ein. „Was genau ist ein Ödipuskomplex?“ ist da etwa zu lesen. Wenn dann das Licht aus- und der Vorhang aufgeht, blickt der Zuschauer auf eine puppenstubenartige Bühne. In einem Studierstübchen büffelt am Boden kauernd ein junger Mann. Die Bücherregale in dem engen Raum scheinen ihn schier zu erdrücken. Aber auch die ehrfurchtgebietenden Porträts seiner Vorfahren oben an der Wand tragen zu der beklemmenden Enge bei. Ein massiger Mann, sein Vater, zwängt sich in das Zimmer. Mit mächtig erhobener Stimme ermahnt er den Studenten. Der Zuschauer erfährt, dass Kenji so schon 28 Jahre studiert und sich auf eine Aufnahmeprüfung vorbereitet. Niedergedrückt und von Versagensängsten geplagt, bleibt der ewige Student allein zurück und verkriecht sich in einen Wandschrank. Das Licht geht aus. Das zweite Bild der Drehbühne besteht aus einem hellen, weniger engen Raum. Vögel zwitschern, Licht fällt durch zwei kleine Fenster. Hinter ihnen ranken grüne Pflanzen. In den Raum ragen von oben und unten zwei Baumstämme, die von zwei koboldartigen Gestalten gehegt und gepflegt werden. Es sind Schwein und Schaf, die sich von dem weißen Saft, den die Bäume abgeben, ernähren. Und zur Verblüffung der Zuschauer wird in einem Untergeschoss ein weiterer Raum sichtbar. Wie in einer Höhle liegt hier Kenji, von einer Modelleisenbahn umfahren. Sein Unterleib ist gefangen von den Wurzeln eines Baumes, dessen kräftiger Stamm aufrecht in das obere Zimmer hineinragt. Befreit, aber erschreckt von einem toten Vogel, der aus einer Kuckucksuhr fällt, kriecht Kenji in das nächste Zimmer. Ausgestopfte Tierköpfe und Schädel schmücken die Wände, ein geheimnisvolles, schwarzgekleidetes Wesen mit langen Hörnern spielt Klavier. Der Schweinekobold serviert ein gekochtes Gürteltier, Suppe von Hirschkäferlarven, Knochen der Vögel aus der Kuckucksuhr und ein mikroskopisch winziges Ei. Kenji spielt auf einem kleineren Klavier im Duett mit dem Gehörnten, hinter dem sich, wie unschwer zu erraten ist, sein Vater verbirgt. Als der Gehörnte durch eine Luke verschwunden ist, trinkt der Sohn ein Glas mit weißem Saft, nach dessen Genuss das Schwein ihm den Himmel versprochen hat. Der wird ihm auch im letzten Bild beschert. An der Seite seines wie ein König in Purpur gekleideten Vaters darf er Flöte spielen. „War dies ein Traum?“ heißt es scheinheilig auf der Übertitelanzeige. Aber am Ende hetzt Kenji noch einmal durch alle Räume der Drehbühne. Er hat nämlich etwas Wichtiges verloren: seinen Penis. Manches an dem nicht ohne Humor inszenierten Stück mag erst aus den japanischen Lebensumständen verständlich werden. Dazu gehören der hohe Leistungs- und gesellschaftliche Anpassungsdruck, aber auch die sehr beengten Wohnverhältnisse in dem dicht besiedelten Inselstaat, die die puppenstubenartige Theaterbühne erklären. Manches an Kuro Taninos Stück wirkt auch arg aufdringlich. Ödipuskomplex, Phallussymbole und Kastrationsangst sind dick aufgetragen. Die von den Schauspielern Ichigo Iida, Taeko Seguchi, Momoi Shimada und Ikuma Yamada verkörperten Figuren sind karikaturhaft überzeichnet. Uneingeschränkt faszinierend jedoch wirken die Bühnenbilder und die bis ins kleinste Detail liebevoll ausgemalten Szenen. Kuro Tanino ist nicht nur als Regisseur und Stückeschreiber für sein seit 14 Jahren in Tokio bestehendes Theater Niwagekidan Penino (Gartentheatertruppe) tätig. Er arbeitet auch als Maler und Bildhauer. Das betörte, manchmal auch amüsierte Publikum feierte die Aufführung mit langanhaltendem Applaus.