Ludwigshafen Ludwigshafener Türken zur "Trikot-Affäre"

Mesut Özil, Fußball-Weltmeister und Spielmacher bei Arsenal London, schenkte dem türkischen Präsidenten ebenfalls ein Trikot.
Mesut Özil, Fußball-Weltmeister und Spielmacher bei Arsenal London, schenkte dem türkischen Präsidenten ebenfalls ein Trikot.

Treffen der Fußball-Nationspieler Özil und Gündogan wird diskutiert

„Das Verhalten der Nationalspieler ist inakzeptabel. Unser Präsident heißt Frank-Walter Steinmeier“, sagt Baris Yilmaz. Der 43-Jährige sitzt für die SPD im Ludwigshafener Stadtrat und ist im Vorstand des Unterbezirks Vorderpfalz. Er hat kein Verständnis dafür, dass sich Özil und Gündogan in London mit Recep Tayyip Erdogan getroffen und für Fotos posiert haben. Auf dem Trikot, das Gündogan dem türkischen Staatschef überreichte, stand handschriftlich die Widmung: „Für meinen verehrten Präsidenten.“

"Nicht mehr für Deutschland spielen"

Am 24. Juni wird in der Türkei der Präsident gewählt. Erdogan ist im Wahlkampfmodus. Millionen Türken, die außerhalb ihrer Heimat in Europa leben, sind wahlberechtigt. Deutschland und Österreich lehnen es ab, dass türkische Spitzenpolitiker auf ihrem Boden Wahlkampfauftritte absolvieren. Yilmaz ist überzeugt, dass Erdogan deshalb die in England spielenden Profis bewusst in London getroffen hat, um mit den Promi-Kickern aus Deutschland Wahlkampf zu machen. Seitdem die Bilder veröffentlicht wurden, wird heftig diskutiert – auch unter Ludwigshafener Türken. „Es gibt viele Leute, die finden das toll – andere wie ich üben Kritik“, sagt Yilmaz. Özil und Gündogan hätten mit ihrer Wahlkampfhilfe für Erdogan der Integration der Türken in Deutschland Schaden zugefügt. Rechte Parteien wie die AfD würden das Fehlverhalten nun nutzen, um die Gesellschaft weiter zu spalten. Das werde sich auch bei Spielen der DFB-Elf auswirken. Yilmaz rechnet mit Parolen und Protestplakaten in Stadien. Deshalb könne es nur eine Konsequenz geben: „Özil und Gündogan sollten nicht mehr für Deutschland spielen.“

"Debatte ist überzogen"

Soweit würde Cem Cantekin (SPD) nicht gehen. Der 30-Jährige ist Vorsitzender des Ludwigshafener Integrationsbeirats. „Die Debatte über Özils und Gündogans Verbleib im Nationalteam ist überzogen“, sagt er. Die beiden Stars hätten türkische Wurzeln. Erdogan als ihren Präsidenten anzusehen, sei deren gutes Recht. Das Posieren mit dem in Deutschland umstrittenen Politiker sei indes nicht geschickt gewesen. „Özil und Gündogan sind in der Türkei und in ganz Europa populär – von Erdogans Seite steckt hinter so einem Treffen auch Kalkül“, vermutet Cantekin Wahlkampfmotive dahinter. Der deutsche Nationalspieler Emre Can vom FC Liverpool habe daher die Einladung nicht angenommen. „Natürlich habe ich mich gefragt: Muss das sein? Aber man darf bei der Debatte nicht vergessen: Die zwei Spieler kicken gerne im DFB-Team und haben viel geleistet. Sie haben nichts verbrochen, was einen Rauswurf rechtfertigen würde.“

"Die beiden sind naiv"

So ähnlich sieht das der seit 1979 in Ludwigshafen lebende Schriftsteller Hasan Özdemir (54): „Ich glaube, die beiden Spieler haben eine naive Haltung. Aber ich weiß nicht, wo sie politisch stehen. Es wäre aber übertrieben zu sagen: Die dürfen nicht mehr spielen.“ Die Meinungsfreiheit sei im deutschen Grundgesetz verankert – man könne niemandem seine politische Meinung verbieten. Bundestrainer Jogi Löw habe richtig gehandelt, die Jungs nicht aus dem WM-Kader zu streichen. Erdogan und seine Partei AKP seien in Deutschland sehr erfolgreich bei Wahlen. Für den türkischen Präsidenten sei das Treffen ein Pluspunkt im Wahlkampf. Für den Schriftsteller lenkt die „Trikot-Affäre“ den Blick auch auf das seiner Ansicht nach unzureichende Wahlrecht in Deutschland. Viele Türken, die seit Jahrzehnten hier leben, dürften noch nicht mal einen Oberbürgermeister wählen – das zeige, dass die Integration nicht gut funktioniere. Umso empfänglicher seien Migranten für Versprechungen von Politikern aus der Türkei.

"Hetze der Bild-Zeitung"

Die Welle der Empörung und die „Hetze der Bild-Zeitung“ gegen Özil und Gündogan ärgern Ediz Sari (48), der „weder Freund noch Feind Erdogans“ ist. Beide hätten zwar einen Fehler gemacht und naiv gehandelt, sagt der gebürtige Ludwigshafener, dessen Eltern von der türkischen Schwarzmeerküste stammen. „Das war nicht in Ordnung. Das torpediert leider das Miteinander von Deutschen und Türken. Aber beide haben sich entschuldigt, und speziell Özil hat schon viel für den deutschen Fußball geleistet“, hält der Trainer von Phönix Schifferstadt dagegen. Er ist überzeugt: „Wenn Özil im ersten WM-Spiel den Siegtreffer schießt, haben ihn alle wieder lieb.“

London, 13. Mai: Ilkay Gündogan, Profi beim englischen Meister Manchester City, überreicht Erdogan ein Trikot mit Widmung.
London, 13. Mai: Ilkay Gündogan, Profi beim englischen Meister Manchester City, überreicht Erdogan ein Trikot mit Widmung.
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