Ludwigshafen
Ludwigshafener Integrationsbeirat: Neues Führungsduo hat große Pläne
Joannis Chorosis ist in Griechenland geboren. Er verbrachte seine ersten Lebensjahre in einem Ort in der Nähe von Thessaloniki. Er war sechs Jahre alt, als er 1960 mit seinen Eltern nach Deutschland kam. „Als Ausländer waren wir damals noch etwas Besonderes. Meine Familie wurde nie ausgegrenzt“, erinnert sich der 66-Jährige. Nach sechs Jahrzehnten ist Chorosis bestens integriert: Er hat einen deutschen Pass, führt den Sportverein DJK Oppau, engagiert sich im griechischen Kulturverein Orpheus, sitzt für die CDU im Stadtrat und nun ist er Vorsitzender des Beirats für Integration und Migration.
Ihm zur Seite steht als stellvertretender Vorsitzender Ibrahim Yetkin. Er stammt aus der Zwei-Millionen-Stadt Ufra in der Türkei, die in der Nähe der Grenze zur Syrien liegt. Während der türkischen Militärdiktatur floh seine Familie nach Deutschland. 18 Jahre alt war Yetkin damals. Heute ist er 57 Jahre alt. Er ist Sozialpädagoge und leitet den „Treff International“ im Hemshof. Seit über 20 Jahren hat er einen deutschen Pass. Auch er sitzt im Stadtrat, ist Mitglied der Fraktion der „Grünen im Rat“. Ehrenamtlich engagiert er sich für ein Asylcafé, den Förderverein des Carl-Bosch-Gymnasiums und im Freundeskreis Gaziantep, der türkischen Partnerstadt von Ludwigshafen.
Akzeptanzprobleme
Das deutsch-griechisch-türkische Duo hat sich vorgenommen, den Integrations- und Migrationsbeirat in den kommenden fünf Jahren zu einem Faktor in der Stadt zu machen. Das Gremium ist aus dem früheren Ausländerbeirat hervorgegangen. Der Beirat ist in der Vergangenheit oft mit sich selbst beschäftigt gewesen. Die Mitglieder haben in den Sitzungen ausgiebig über seinen Sinn und Zweck diskutiert. Unterm Strich kam bisher wenig dabei heraus, ein eigener Neujahrsempfang oder ein mau besuchtes Fußballturnier. Bei einigen Sitzungen waren von den 33 Mitgliedern so wenige gekommen, dass der Beirat gar nicht beschlussfähig war. Manche Mitglieder empfanden ihn als „Alibiveranstaltung“, andere nutzten ihn als Sprungbrett in die Kommunalpolitik.
Auch bei seiner Zielgruppe hat der Beirat ein Akzeptanzproblem: Die Wahlbeteiligung war bei der Wahl des neuen Gremiums im vergangenen Jahr erneut schlecht: Von den über 62.000 Wahlberechtigten haben noch nicht einmal zehn Prozent ihre Stimme abgegeben, obwohl alle die Wahlzettel nach Hause geschickt bekamen und per Briefwahl wählen konnten. Der Kreis der Wahlberechtigten war zudem erweitert worden. Wählen durften ausländische Staatsangehörige und Einwohner, die neben der deutschen andere Staatsangehörigkeiten besitzen, sogenannte Doppelstaatler. Wählen konnten außerdem eingebürgerte Deutsche. Das hat jedoch nicht viel mehr Leute an die Wahlurne gebracht.
Vom Lauftreff bis zum Fasnachtsumzug
Chorosis und Yetkin kennen die Akzeptanzprobleme des Integrations- und Migrationsbeirats (BMI). Beide haben sich vor vielen Jahren über die Arbeit im Beirat kennengelernt. „Wir sind ein starkes, erfahrenes Team und wollen den BMI neu aufziehen“, sagt Chorosis. „Wir wollen ein Sprachrohr für die Migranten in der Stadt sein und überparteilich das Thema Integration angehen“, ergänzt Yetkin. Denn Integration sei nichts Abstraktes: In Kitas, Schulen und Arbeitsstätten hätten sich schließlich alle Bürger damit auseinanderzusetzen. „Wir gehören doch alle zusammen“, sagt Yetkin.
Um den Beirat in der Stadtgesellschaft bekannter zu machen, hat das Duo nach seiner Wahl Ende Januar eine ganze Reihe Ideen entwickelt: So soll ein BMI-Lauftreff ins Leben gerufen werden, eine internationale Gesundheitsmesse ist ebenso geplant wie die Teilnahme am Fasnachtsumzug, bei dem die Vielfalt in Ludwigshafen gezeigt werden soll. Auch kulturelle Projekte wie Konzerte, Lesungen oder Theater sind in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule, dem Pfalzbau und der Staatsphilharmonie angedacht. Es soll ein jährlicher Preis vergeben werden für vorbildliches interkulturelles Miteinander, den Vereine oder Einzelpersonen verliehen bekommen. Für die Migranten wollen die BMI-Vorsitzenden eine monatliche Sprechstunde anbieten, die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter des Ausländeramts soll gefördert werden. Und bei den Einbürgerungsterminen im Rathaus sowie Infotagen an der Hochschule und den Berufsschulen will der Beirat ebenfalls Flagge zeigen.
Unterstützung der Stadt gefordert
„Das ist alles noch ganz viel Zukunftsmusik. Wir werden sehen, was wir davon umsetzen können“, sagt Yetkin. Der Beirat brauche dabei auch Unterstützung der Stadtverwaltung, „sonst reiten wir ein totes Pferd“. Es fehle bisher ein Integrationskonzept der Stadt. Der ehrenamtliche BMI könne dafür nur Impulse geben. Gerade wegen der aktuellen Rassismusdebatte und einer möglichen neuen Flüchtlingswelle sei das Thema Integration aktueller denn je. „Der Beirat und die Stadt müssen aktiv werden. Es reicht nicht, nur über Integration zu reden. Wir werden Migranten auch für die Zukunft unserer Gesellschaft brauchen“, meint Chorosis.
Einwurf: Gute Ideen
Der Beirat für Migration und Integration (BMI) hat ein Akzeptanzproblem. Damit steht er nicht alleine: Auch in anderen Kommunen kommen diese Institutionen nicht recht vom Fleck. Der BMI wurde ins Leben gerufen, weil die Wahlbeteiligung für seinen Vorgänger, den Ausländerbeirat, so gering war, dass die Wahlen ungültig waren. Noch immer ist die Beteiligung an der Wahl unterirdisch. Das neue Duo Chorosis/Yetkin will den Beirat nun aus seinem Schattendasein holen. Das ist ehrenwert. Die Ideen, die von den beiden entwickelt wurden, sind gut. Den beiden ist viel Glück zu wünschen. Was sich tatsächlich von den Plänen umsetzen lässt, wird sich am Ende der fünfjährigen Amtszeit zeigen.