Ludwigshafen
Ludwigshafen: Lore Metzger erzählt über die Kriegszeit
Als der Zweite Weltkrieg begann, war Lore Metzger, geboren in der Ludwigshafener Ebertstraße 26, neun Jahre alt. Die Erinnerungen an die Kriegszeit hat sie mittlerweile weitgehend verdrängt. Sie besitzt auch keinerlei Fotos und Dokumente oder Sonstiges, was die Erinnerung daran öfter aufleben lassen könnte.
Nur wenige Erlebnisse kommen Lore Metzger hin und wieder in den Sinn. Die furchtbare Angst aber, die sie selbst und ihr Umfeld beherrschte, besonders bei Luftangriffen, kann sie nicht vergessen. Sie weiß noch, dass nach Kriegsbeginn der Schulunterricht – sie besuchte das Mädchengymnasium am Depot – nach nächtlichen Bombenangriffen ausfiel. „An einem Abend“, erzählt die Zeitzeugin, „kamen wir hoch, und im Wohnzimmer war ein Loch in der Decke. Sonst war nichts zu sehen; es war nichts irgendwie aufgerissen. Meine Schwester fand dann zwischen den Kissen auf dem Sofa eine Brandbombe. Mein Vater hat diese geistesgegenwärtig gepackt und schnell auf einer Schippe draußen abgelegt. Das war eine Aufregung, sie hätte ja noch hochgehen können!“
Und sie denkt an die unter ihr wohnende Frau, eine Lehrerin, die nachts auf der Couch in der Loggia schlief, um herannahende Flugzeuge zu hören. Dann rannte sie rauf und holte die Mädchen – Lore hatte noch eine jüngere Schwester – mit ihrem Gepäck in den Keller. „So ist uns weiter nichts passiert!“, sagt die 89-Jährige und lächelt. Ihr fällt noch ein, dass sie nach Fliegerangriffen oft mit ihrer Schwester Bombensplitter gesucht hatte.
In ländliche Gegenden evakuiert
Wegen der häufigen Bombenattacken auf Ludwigshafen wurden Familien und Frauen mit Kindern 1943/44 in ländliche Gegenden evakuiert. Lores Vater war zwar eingezogen, aber nach Erkennen einer Krankheit aus dem Ersten Weltkrieg wieder entlassen worden. Und in dessen Heimatort, Albisheim, wurde die Familie Metzger evakuiert.
Die Zeitzeugin berichtet über ein Erlebnis, das sie dort hatte: „Mit einigen Schulkameradinnen wollten wir bei herrlichem Wetter und herbstlicher Färbung der Natur zum Saukopf, einer Erhöhung mit Bäumen, Bäumchen und Hecken. Um 14 Uhr ging es los, wir marschierten stramm und fingen an, Brombeeren zu pflücken. Reiche Ernte war uns gewiss. Schon bald hörten wir ein wohlbekanntes Brummen, und schon sahen wir die Jabos auf uns zukommen!“ Die seien so tief geflogen, dass die Mädchen die Gesichter der Piloten sehen konnten. Unbewusst seien sie auf den nächsten Baum mit tiefliegenden Ästen zugestürzt, um dort Schutz zu suchen. „Erst kam ein Flugzeug, dann ein zweites – und mehr. Es war wie im Traum. Aber der Spuk war schnell vorbei. Vielleicht hatten uns die Soldaten als Kinder erkannt und ließen uns laufen. Kaum war Ruhe eingekehrt, packten wir unsere Kannen und Töpfe, verließen den Schutz der Bäume und eilten in den Ort, wo unsere Mütter warteten. Die hatten die Jabo-Geräusche ja auch gehört und waren aufgeregt und hatten Angst um uns“, sagt die ehemalige kaufmännische Angestellte nachdenklich.
In Angst und Schrecken versetzt
Ein weiteres Erlebnis Lore Metzgers war nicht so glimpflich verlaufen. Sie schnauft etwas durch und erzählt: „Eines späten Vormittags flog ein Geschwader von ungefähr 20 Bombern in Richtung Ludwigshafen und wurde bei Monsheim von Fliegerabwehrkanonen beschossen. Im Gegenzug warfen die Flugzeuge mehrere Bombenladungen ab, unter anderem auch auf Albisheim. Es gab mehrere Tote. Wir waren zu zwölft – ich, ein Schüler in meinem Alter, eine Frau und einige Albisheimer. Der Schüler und sein Bruder lagen bei dem Angriff zum Schutz nebeneinander in einem Graben. Der etwas ältere Bruder, von Geburt an krank, blieb unbehelligt, während meinem Schulkameraden ein Arm und ein Bein abgerissen wurde; er starb.“ Die Seniorin atmet tief durch. „Wie entsetzlich für die Mutter! Und der Vater war an der Front! Erinnerungen an solche entsetzlichen Geschehnisse versetzen einen in Angst und Schrecken.“ Und Bombentrichter habe es gegeben, wie in Ludwigshafen.
Zu ihrer Schulzeit sagt die Zeitzeugin, die zwischenzeitlich eine Schule in Kirchheim-Bolanden besuchte: „Das war schlimm. Wir hatten Angst, hinzugehen. Man wusste ja nicht, ob man gut wieder heimkam!“ Weil die Brücke gesprengt worden war, habe man eine Station vor Kirchheim-Bolanden in einen anderen Zug steigen müssen. „Und als die Amis kamen, schossen sie auf uns. Da blieb der Zug stehen, und alle mussten raus. Wir rollten uns dann einfach die Böschung runter und blieben liegen, bis es vorbei war.“
Verwundete Soldaten versorgt
Die Zeit bei den „Jungmädels“ empfand sie als recht schön. „Wir waren ja noch jung – 13, 14 Jahre alt. Da war das für uns interessant, und wir hatten eine gute Führerin“, erzählt Lore Metzger lächelnd. Sonntags sei es – statt zur Kirche – raus gegangen. Da sei man marschiert und habe Lieder eingeübt. Ihrem Vater habe das nicht gepasst, aber ihr. Und man habe so einiges gelernt: Es ging zur Krankenstation, um verwundete Soldaten zu versorgen. Es gab Flicknachmittage, an denen unter Anleitung zum Beispiel zerrissene Kleidungsstücke ausgebessert wurden, damit sie wieder tragbar waren. Es wurden für die Soldaten Bilder gemalt und Plätzchen gebacken. Etwas für die kranken Soldaten zu tun, habe alle motiviert.
Bei Weinlese und Pflaumenernte geholfen
Auch wenn die Arbeit schwer war, denkt die Zeitzeugin gern daran, wie sie bei der Weinlese und der Pflaumenernte geholfen hatte. Sie erinnert sich noch genau, wie die Pflaumen gekocht und zu Mus verarbeitet wurden. Ihre Schwester war immer dabei, und oft habe es geheißen: „Ach, die Kleinesje – was sind sie so fleißig!“ Das sei immer ein Plus für sie gewesen, und sie hätten oft was extra dafür gekriegt. Und dann erinnert sie sich noch daran, wie die Amis kamen. „Da wurden alle daheim gebliebenen Männer auf Lkw verladen und mitgenommen. Da hatten alle Angst, was mit ihnen passieren würde. Aber nach zwei oder drei Tagen kamen alle wieder zurück – nach Verhören und so.“
Nach Kriegsende zog die Familie der Zeitzeugin zurück nach Ludwigshafen. Es wurde wieder eine Wohnung in der Ebertstraße gefunden – gegenüber ihres Geburtshauses. Und dort wohnt sie noch heute.
Geschichten gesucht
Der Zweite Weltkrieg hat in vielen Gemeinden ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Über 60 Millionen Menschen starben. Das darf sich nicht wiederholen! Darum wollen wir, dass das nicht vergessen wird, und in loser Folge „Kriegsgeschichten“ erzählen. Möchten auch Sie uns Ihre Erlebnisse rund um die Kriegsjahre schildern? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an stadtteilelud@rheinpfalz.de oder postalisch an Die RHEINPFALZ, „Marktplatz LU“, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen.