Ludwigshafen Lotterie um Hortplätze

Nach Schulschluss sind viele Eltern auf Nachmittagsbetreuung für ihre Kinder angewiesen.
Nach Schulschluss sind viele Eltern auf Nachmittagsbetreuung für ihre Kinder angewiesen.

Michael (43) und Miriam (40) Karch sind Eltern von drei kleinen Kindern. Die Familie ist in Edigheim zu Hause. Alle Kinder werden im Kinderhaus „Wolfsgrube“ betreut. Nun wechselt der älteste Sohn im Sommer in die Grundschule. Ob er einen der wenigen Hortplätze bekommt, steht noch in den Sternen. Vater Michael engagiert sich im Elternausschuss der Kita. „Seit zirka einem Jahr kämpfen wir um zusätzliche Hortplätze in Edigheim“, erklärt der 43-Jährige. Bisher allerdings vergeblich. Die Lage ist brenzlig: Auf drei Plätze, die zum nächsten Schuljahr im Hort frei werden, kommen 19 Schulanfänger. Und zwar allein aus der Kita „Wolfsgrube“, schildert der IT-Berater das Problem. Zehn dieser Schulanfänger brauchen einen Betreuungsplatz im Hort, weil jeweils beide Elternteile berufstätig sind. Wie viele Eltern aus den übrigen Edigheimer Kitas auch auf Betreuungsplätze für ihre Erstklässler angewiesen sind, weiß der 43-Jährige nicht. Erst Ende April erfahren die Familien, wer das große Los gezogen hat. Miriam Karch arbeitet als Grundschullehrerin in Mannheim. Für das Paar ist jetzt schon klar: „Sobald alle drei Kinder die Schule besuchen, muss ein Elternteil beruflich kürzer treten, falls nicht alle Kinder einen Hortplatz bekommen.“ Die betreuende Grundschule ist für die Eheleute keine Lösung. Denn dort werden die Kinder nur bis 14 Uhr beaufsichtigt, und es gibt weder ein warmes Mittagsessen noch Hausaufgabenbetreuung. Außerdem ist die Familie durch den Arbeitsplatz von Miriam Karch im Nachbarbundesland Baden-Württemberg doppelt belastet. Die Mutter muss an über 30 Tagen im Jahr arbeiten, während in Rheinland-Pfalz Schulferien sind. „Ohne Hortplätze wären gemeinsame Ferien für uns gar nicht mehr möglich.“ Auch Funda Sayginsoy (39) weiß nicht, wie sie und ihr Mann Familie und Beruf unter einen Hut bringen sollen, wenn sie im Sommer keinen Hortplatz für ihr ältestes Kind bekommen. Die Edigheimerin arbeitet im Mannheimer Kinderhospiz und ist zurzeit noch wegen ihres Babys in Elternzeit. Dass Hortplätze Mangelware sind, hätten auch die Kinder schon mitbekommen, schildert die Mutter. „Meinen älteren Sohn beschäftigt das“, erzählt sie. Die Kinder seien bisher zusammen in die Krippe und in die Kita gegangen und wollten weiterhin zusammenbleiben. „Jetzt wird die Clique auseinandergerissen“, sagt die 39-Jährige. Für Familie Sayginsoy gilt ebenso wie für Familie Karch: „Wenn der Junge keinen Hortplatz bekommt, können wir keinen gemeinsamen Urlaub mehr machen.“ Eine Betreuung nur bis 14 Uhr reicht für sie nicht aus. Funda Sayginsoy kann bei ihrer Arbeit im Hospiz nicht nach der Uhr alles stehen und liegen lassen. Auch ihr Mann sei als Projektleiter für islamische Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge sehr eingespannt, teils auch an Wochenenden. Bauleiterin Marianne Herzer (42) hat zwei kleine Töchter. Ihr Mann ist Chemiker bei der BASF. Die Familie lebt gerne in Edigheim. Ohne einen Hortplatz für ihre Älteste jedoch kann sie sich den Familienalltag nicht vorstellen. Die 42-Jährige sitzt morgens schon um sieben am Schreibtisch. Ihr Mann bringt dann die Mädchen in die Kita und demnächst auch in die Schule. Die Mama kann die Kinder aber erst nachmittags ab 16 Uhr wieder abholen. Außerdem müssten ohne Hortplatz ja noch rund 60 Ferientage pro Jahr abgedeckt werden, sorgt sich Herzer um die Zukunft. Nicht nur in Edigheim, sondern in der ganzen Stadt fehlen Hortplätze und Ganztagsschulen. Insgesamt stehen laut Verwaltung nur 950 Plätze in Horten und Schultagesstätten zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es zwar die Betreuende Grundschule. Nachhilfe oder Hausaufgabenhilfe werden hier jedoch nicht erteilt. Häufig endet die Betreuung bereits um 14 Uhr, in den Ferien und an unterrichtsfreien Tagen bleiben die Einrichtungen geschlossen. Es ist zu erwarten, dass sich die Probleme nicht nur in Edigheim in naher Zukunft noch weiter verschärfen werden. Denn die Verwaltung strukturiert dort die beiden städtischen Kindertagesstätten wegen der großen Nachfrage neu, um 25 zusätzliche Kita-Plätze zu schaffen. Zusätzliche Hortplätze sind jedoch nicht geplant. Die Verwaltung hat die betroffenen Familien unterdessen auf die Mannheimer Familiengenossenschaft aufmerksam gemacht, die private Betreuungsinitiativen mit Personal unterstützt. Der Knackpunkt ist jedoch, dass die Eltern zunächst geeignete Räume für einen privaten Hort suchen müssen. Und das ist nicht so einfach, wie die Mütter Funda Sayginsoy und Marianne Herzer derzeit feststellen. Sie suchen nach Räumen in der Nähe der Edigheimer Grundschule, in denen fünf bis zehn Hortkinder betreut werden sollen. Möglicherweise werden es auch noch ein paar mehr, glauben die Frauen. Sie haben in den Kitas Listen aufgehängt, um auf die Engpässe bei der Hortbetreuung aufmerksam zu machen. „Viele Eltern wissen noch gar nicht, was ab Sommer auf sie zukommt“, meinen die zwei Frauen. Kontakt Eltern, die sich der Initiative für Hortplätze anschließen wollen, können sich per E-Mail an M_Herzer@web.de wenden. Marianne Herzer freut sich auch über bezahlbare Raumangebote für einen privaten Hort.

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