Ludwigshafen
Leichenschmaus mit lebhaften Schatten: Ruben Reniers „Requiem / Mangonkal Holi“
Sein Vater musste alleine im Krankenhausbett sterben. So haben es die Hygienevorschriften damals während der Corona-Zeit verordnet. Der freischaffende indonesisch-niederländische Choreograf Ruben Reniers erinnert sich noch daran, wie er hinter der Glasscheibe stand, und seinen Vater nicht berühren durfte. Während der Pandemie ist der heute 44-Jährige selbst Vater geworden und findet für diese Erfahrung, wie eng Geburt und Tod miteinander verwandt sind, ein starkes Bild in seiner Performance.
Einige Tänzer bedecken ihr Haupt mit einem langen schwarzen Schleier und scheinen einen Trauerzug zu formen, als unvermittelt eine Tänzerin (Melli Müller) herauskatapultiert und von einem Paar (Rebecca Jefferson und Ruben Reniers) aufgefangen wird, das sich zuvor in klassisch angehauchter Schönheit umgarnt hatte. Eine kämpfende Kette bildet das fünfköpfige Ensemble sogleich, darum ringend, das neugeborene Leben ankommen zu lassen. In einer Welt, in der sich alles ums Wachsen und Vergehen, ums Festhalten und wieder Loslassen dreht.
Scherenschnitt in Zeremonien
Immer wieder schimmert bei Ruben Reniers, der in Jakarta geboren und in Rotterdam aufgewachsen ist, die Lust an der kraftvollen, eleganten Bewegung durch, gespeist vom Ballett- und Modern-Dance-Training an der Tanzakademie Codarts, die sich auf die Fahnen schreibt, experimentierfreudige Künstler im zeitgenössischen Tanz hervorzubringen – so auch Ruben Reniers. Er arbeitet nach Stationen als Tänzer am Saarländischen Staatstheater und Pretty Ugly Tanz Köln seit 14 Jahren als freischaffender Choreograf, interessiert sich für visuelle Medien und inszeniert Tanzfilme. 2002 hat er sich mit der Papiertheaterkünstlerin Barbara Steinitz zu Rubarb dance & art zusammengeschlossen. Ihre Illustrationen für Bilderbücher, die in renommierten Verlagen erscheinen, sind erkennbar geprägt vom Scherenschnitt, der zu diesem Thema perfekt passt, stammt doch das Schattenspiel aus dem Fernen Osten und wird in Java für zeremonielle Handlungen genutzt.
Als Schatten zum Leben erweckt
Von den Anfängen der Kunstform erzählt eine Legende, in der die verstorbene Frau des chinesischen Kaisers Wu von einem Schattenspieler wieder zum Leben erweckt wurde. Auch Barbara Steinitz scheint eine Reihe von Ahnen mit tanzenden Papierfiguren auferstehen zu lassen; ihre Konturen zeichnen sich im nackten Hintergrund auf weißer Leinwand ab und werden überlagert von unschärferen Schatten der Darsteller, die bis zu zwölf Meter in den Bühnenturm ragen. Das komplexe Spiel mit Lichtquellen, Entfernungen und Perspektiven lässt dabei poetische Momente heraufdämmern. Wenn etwa Chia Ying Chiang und Yuya Fujinami fern voneinander für sich sind, im sehnsuchtsvollen Ausfallschritt, die Hand ausstreckend, wieder zum Kopf zurückführend. Begleitet werden sie überraschenderweise vom Schatten des jeweils anderen, mal im Gleichklang der Bewegungen, mal irritierend abweichend, bis die beiden leibhaftig zum Pas de deux zusammenfinden.
Die Illusion, wieder vereint zu sein, ist nicht von Dauer: Immer wieder erlascht ein Körper zum Leichnam und wird vom anderen hoffnungsvoll umarmt und aufgerichtet. Erstaunlich für diese tief berührende Szene: Die beiden Darsteller sind kurzfristig eingesprungen und hatten nur zwei Tage zum Einarbeiten.
Indonesische Klänge von der „Gender“
Hochgeschraubt wird die Emotionalität hier – und während der gesamten Performance – von einer besonderen Komposition von Konstantin Heuer, die er am Computer zu einem cineastischen Gesamtklang aufbauscht, meistens repetitiv und minimalistisch zwischen Techno und ritueller Trance changierend. Eine exotische Note bringt Bilawa Respati, der ein Metallophon aus Java, genannt Gender, Klangschalen oder einen Gong spielt. Während die Violinistin Biliana Voutchkova auf ihrer Geige wischt, hämmert und virtuos zwischen den Tönen changiert durch das Spiel in der indonesischen Tonart Pelog.
Vom barocken Hoftanz nach Sumatra
Dann vermeint man ein Cembalo zu hören und tatsächlich wird ein barocker Hoftanz aufgeführt, der laut Reniers an die europäische Tradition der Beerdigung samt festlichem Leichenschmaus erinnern soll. „Ich wollte zwei Perspektiven auf den Tod betrachten und ausloten, wo die Gemeinsamkeiten und wo die Unterschiede sind“, erklärt Reniers. Gar so weit wirkt das barocke Schreiten tatsächlich nicht von dem Tor-tor entfernt, einem heiligen Tanz aus Sumatra, mit Dorffeste der Batok gefeiert werden. Mit den sanften traditionellen Gesten und weichen Schritten beginnt die Performance meditativ im Halbdunklen, und mit ihnen endet sie, doch zuletzt werden die Menschen von einer großen Schar lebhafter Schatten begleitet und umhüllt. Wie tröstlich! „Wenn ich das Stück tanze“, sagt Ruben Reniers. „Dann habe ich das Gefühl, mein Vater ist dabei.“