Mannheim
„Ladies of Soul und Jazz“ in der Epiphanias-Kulturkirche
Sie ist die Göttin des Jazz, die First Lady of Swing, dabei war sie eine Verstoßene: Ella Fitzgerald arbeitete in ihrer Jugend als Aufpasserin für ein Bordell, floh aus einer Besserungsanstalt, war eine Zeit lang obdachlos und tanzte für Geld auf den Straßen von New York, ehe in den Jazzclubs von Harlem ihre märchenhafte Karriere begann. Für Janice Dixon, selbst in Brooklyn aufgewachsen, ist sie ein ewiges Idol und „die beste Scatsängerin aller Zeiten“. Was das ist? Davon gibt die eigentlich als Opernsängerin bekannte und seit 1989 in Mannheim heimische Solistin eine Kostprobe: „Dibdibeldidim, schubdubeldidup!!“, reiht sie Silbe an Silbe scheinbar wahllos, aber äußerst klangvoll aneinander, und offenbart, dass weniger die Bedeutung der Wörter, sondern ihr phonetischer Sound die wahren Gefühlstransmitter sind.
Nicht nachahmen, sondern die großen Soul- und Jazzdiven bewusst zu ehren, ist das Ansinnen des Abends. „Auch Frauen haben große Songs geschrieben, und vor allem gesungen“, spricht Dixon eine Selbstverständlichkeit aus, die genau das nicht ist. Noch immer gibt es im Musikbusiness große Gender-Differenzen, in der Bezahlung wie in der Wahrnehmung. Taylor Swift hin oder her, beträgt der Frauenanteil in den US-Billboard-Charts lediglich 33 Prozent, ist die Musikindustrie also immer noch Männerdomäne.
Song der Ex-Frau gewidmet
Fast um Entschuldigung bittet da Michael Sorg, der aus Chicago, der Wiege des Urban Blues and Modern Jazz stammt. Mit „My Lady Soul“ spielt der seit 2005 in Siegburg lebende Pianist am großen Flügel einen eigenen Song, den er seiner Ex-Frau gewidmet hat. „Man darf ruhig auch die positiven, schönen Seiten einer Beziehung in Erinnerung behalten“, zeigt er auf, und legt den Herren im Raum im Sinne des Psychologen C.G. Jung das Ausleben ihrer Anima, dem weiblichen Teil im Manne, ans Herz.
Eine, die das im Grunde schon vor über 50 Jahren forderte und heute als große Feministin gesehen werden kann, ist Aretha Franklin. „Respect“, singt Dixon röhrend und kraftvoll, die Stimme vibriert und pulsiert, spielt mit den Oktaven und nimmt das ganze Kirchenschiff ein. Ganz zart und innig ist sie hingegen bei der Interpretation von „Natural Woman“. Wie in eine warme Kuscheldecke hüllt sie die Zuhörer ein, und verbreitet eine Woche vor Heiligabend mit „Mary, did you know“ von Kenny Rogers und Wynonna Judd dezente Weihnachtsstimmung bei flackerndem Kerzenschein.
Fast vergessene Songperlen
Ohnehin hat die frühere Opernsängerin, 20 Jahre war sie Solistin am Mannheimer Nationaltheater, die Gabe, eher unbekannte oder fast vergessene Songperlen aus dem Great American Songbook hervorzuzaubern. Mit „Get there“ von Oleta Adams oder „Midnight Train to Georgia“ von Gladis Knight singt sie beim Tribute viele solcher Lieder, die man zwar irgendwie kennt und verinnerlicht hat, ohne sie gleich zuordnen zu können.
Der Konzertraum, die Kirche als Bühne, ist dabei gut gewählt. „Genau da fing es an. Ob Aretha Franklin oder später Whitney Houston, sie alle begannen in der Kirche, mit Gospel“, packt Dixon die Soul-Musik an ihren Wurzeln. Nicht selten natürlich werden die gefühlvollen Balladen von Frauen gesungen, aber von Männern geschrieben: „Lush Life“, 1931 vom damals erst 16-jährigen Billy Strayhorn komponiert, wurde Jahrzehnte später von Queen Latifah veredelt. Tragisch-komisch wirkt das fast gleichaltrige „Miss Otis Regrets“ von Cole Porter. „Miss Otis bedauert, heute nicht zum Lunch erscheinen zu können“, heißt es da – sie hat ihren untreuen Liebhaber gelyncht, und muss dafür nun am Galgen büßen. „Seit treu zu euren Liebsten, sonst bekommt ihr es mit mir zu tun“, warnt Dixon, und legt die weiblichen Waffen in einer scheinbaren Männerwelt offen. Man lerne: Männer machen Witze und können vielleicht ganz gute Texte schreiben. Frauen aber haben Humor, und können dazu noch verdammt gut singen.