Mannheim
Kunstverein Industrietempel entwirft dystopisches Schauspiel
Wir schreiben das Jahr 2228. Der ganze Planet ist eine einzige Badewanne. Nach einem steten Anstieg der Meeresspiegel, der sich über Generationen angekündigt hatte, ist aus Deutschland ein neuer Staatenbund geworden: Die Vereinigten Deutschen Inseln. Die meisten Menschen leben auf gewaltigen Kreuzfahrtschiffen, die andauernd den Stürmen des Meeres ausweichen müssen. Sie nennen sich „Passagiere“, die an Bord jedoch auf nichts verzichten müssen. Wenn da nicht die ewige Sehnsucht nach dem Archaischen wäre, das in ihre DNA geschrieben scheint: Das Leben an Land.
Der Mannheimer Kunstverein „Industrietempel“ hat sich dieser Dystopie angenommen und sie mit einem ironischen Augenzwinkern in seine aktuelle Inszenierung eingebettet. „Final Coal Sparkling“ (Regie: Antje Reinhard) lautet der Titel des Schauspiels, das einen Hauch von Science-Fiction atmet. Wirklich? Tatsächlich schwang ein satirischer Unterton, der den Werken, die aus der Feder von Thomas Reutter stammen, eigen ist, auch bei der Premiere dieses Stücks mit. Doch hielt das Divertimento der Reise, auf die das Ensemble sein Publikum mitnahm, auch Momente der Nachdenklichkeit bereit.
Besucher schlüpfen in die Rollen der Passagiere
Die Geschichte, die den vielsagenden Untertitel „Die Reise zum Ring“ trägt, basiert nämlich auch auf Recherchen, die der Journalist Thomas Reutter im Vorfeld angestellt hatte. Und die lassen das Futuristische zwischen den Zeilen wie einen validen Blick in die Zukunft erscheinen. Humorvoll überhöht in vielerlei Aspekten, doch am Ende des Tages ernst. Wie war das mit der Klimaerwärmung möglich? Der Antwort auf diese Frage sind die Teilnehmer einer Entdeckungstour im 23. Jahrhundert und ihre engagierten Reiseleiterinnen auf der Spur. Das Besondere: Die Besucher der ausverkauften Premiere schlüpften im Laufe der Vorstellung selbst in ihre Rollen und erlebten als „Passagiere“ die Faszination hautnah, wie es im Jahr 2228 ist, an das letzte Ufer zu gehen.
Zwei Busse holten die Reisegruppen dazu am frühen Abend vor dem Gebäude des Mannheimer Kunstvereins an der Augusta-Anlage ab und beförderten sie zum „Ring“. Gemeint war damit der Hockenheimring, der mit seiner kühlen Silhouette und im Licht der flackernden Feuer, die auf dem Areal entzündet wurden, ein archaisches Ambiente ausstrahlte, das man schon mal auf der großen Leinwand gesehen haben mochte. Mad Max ließ grüßen. Ein wenig zumindest.
„Natürlich führen wir hier ein Science-Fiction-Schauspiel auf, aber mit echten Schauplätzen“, machte Thomas Reutter deutlich und ergänzte, dass die Inhalte zum Teil gar nicht so weit hergeholt seien. So erfuhren die Reisenden während der Hinfahrt, dass Mannheim schon heute mit einem Wert von 66 Prozent an zweiter Stelle in der Rangliste der am meisten versiegelten Städte Deutschlands steht. Nur noch übertroffen von Ludwigshafen. Mit all seinen Folgen für das Klima.
Der inszenierte „Landgang“ war ein leicht satirischer Rückblick auf die Ära der fossilen Brennstoffe, in der das Wissen um solche Dinge mit religiösem Eifer ignoriert wurde und die von einem schier unbändigen Glauben an die Unendlichkeit der Rohstoffe geprägt war. Ein Glaube, der sich wohl als eine Utopie erwiesen habe. Im Grunde müsse man sich nur die Gegenwart anschauen, um ein Fenster in die Zukunft aufzumachen.
Dadaistische Antworten auf die Klimafrage
Während ihrer Fahrt zum Ring, der mystischen Kultstätte, an der die Kurpfalz-Insulaner, wie die indigenen Völker auf der Insel Mannheim genannt werden, bis heute ihre Rituale pflegen, wurden die Teilnehmer über all das Kuriose informiert. Diese „Eingeborenen“ halten demnach unbeirrt am Glauben ihrer Ahnen fest, indem sie Kerosin, Benzin und andere Brennstoffe rituell verfeuern. Ein Akt berechnender Sinnlosigkeit, der eine Verbindung zu einer im wahrsten Sinne des Wortes abgesoffenen Welt herstellen soll.
In Mannheim, das in dieser Version der Zukunft die „Stadt der tausend Dämme“ ist, bekommt man dadaistische Antworten auf die Frage, wie es den Menschen gelingen konnte, die Atmosphäre bis zur Sintflut aufzuheizen? Da müsse eine kraftvolle religiöse Praxis im Spiel gewesen sein, die den Gläubigen half, das Augenscheinliche zu ignorieren. Die Besucher des Rings wurden ermuntert, in Kontakt mit den freundlichen Indigenen zu treten, die ihnen Souvenirs verkauften. Kinder boten kleine Automodelle und echte Zündkerzen an. Andere Gäste kosteten echte Früchte. Das war etwas anderes als die Weltraumnahrung, die man auf den Kreuzfahrtschiffen serviert bekam.
Zeitalter fossiler Brennstoffe erlebt Renaissance
Die Kurpfalz-Insulaner stimmten mit ihrem Schamanen Gesänge an – in Szene gesetzt von dem Chor der „Kurpfälzer Madrigalisten“, die den Song „Ring of Fire“ sangen – um das Feuer zu ehren, das auf dem Areal brannte. Animistische Tänze wurden aufgeführt. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe erlebte in dieser Dystopie noch einmal eine Renaissance, ehe es wieder zurück zu den Bussen ging. Dabei nahm man die eine Frage mit, die man sich jenseits der Groteske, die die Besucher zum Schmunzeln brachte, vielleicht stellen mochte: Soll das wirklich unsere Zukunft sein?