Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kultobjekte unserer Zeit: Verein Industrietempel zeigt Ausstellung über Meritokratie

Quartett galt als beliebtes Spiel der Meritokratie heißt es in der Ausstellung: auch hier zählt der Leistungsgedanke.
Quartett galt als beliebtes Spiel der Meritokratie heißt es in der Ausstellung: auch hier zählt der Leistungsgedanke.

Das Mannheimer Technische Rathaus, erst vor wenigen Jahren neu errichtet und bezogen, verwandelt sich einen Monat lang in ein Denkmal. Der Verein Industrietempel präsentiert die satirische Ausstellung „Meritokratie – Mythos und Aufstieg einer sagenhaften Kultur“.

Das junge Gebäude an der Glücksteinallee sei „eines der am besten erhaltenen Zentren der Administration Europas aus der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts“, informiert der Museumsführer, der aus der Zukunft zu kommen scheint. Es regierten die „Meritokraten“, Angehörige einer weltweit verbreiteten Herrschaftsform, in der Personen aufgrund ihrer Leistung ausgewählt wurden, führende Positionen einzunehmen. Dies belegten unter anderem Grabungen, die etwa einen sonderbaren, nicht ganz begreiflichen Kultgegenstand zutage gefördert hätten, der nun noch bis 11. Januar kommenden Jahres im Foyer des Rathauses zu besichtigen ist.

Die Ausstellung und die dazu buchbare Führung, die sie noch viel anschaulicher macht, blickt aus der zeitlichen Ferne auf unsere schnöde Gegenwart, unser Leben und unsere Gesellschaft. Wie eine Schau über längst vergangene Hochkulturen besichtigen die Besucher ihr eigenes Zeitalter. Aus eigenem Erleben sollten sie es eigentlich in- und auswendig kennen, doch so wie hier hat es wohl noch niemand betrachtet. Die Führung durch die kleine Sammlung, die Arnaud Geiger übernimmt, ist im Grunde eine Science-Fiction-Performance, spielt sie doch erst irgendwann gegen Ende des fernen 23. Jahrhunderts. Das Foyer und der erste Stock des Technischen Rathauses bilden dabei nur die Bühne des Kunst- und Performanceprojekts des für ungewöhnliche Aufführungen an ungewohnten Orten bekannten Mannheimer Vereins Industrietempel.

Hometrainer als Kultgegenstand

Der erwähnte „Kultgegenstand“ im Eingangsbereich entpuppt sich dabei als gewöhnlicher Hometrainer. „Dabei wurde auf Fortbewegung vollkommen verzichtet“, erläutert staunend der Historiker. Sein Zweck war nicht die Mobilität, obwohl er doch beinahe wie ein Fahrrad aussieht, sondern allein die körperliche Ertüchtigung. „Er wurde ausschließlich stationär verwendet.“ Untersuchungen hätten gezeigt, dass in Deutschland im Jahr 2021 in jedem vierten Haushalt ein solches Objekt vorhanden sein musste, also rund zwölf Millionen Exemplare insgesamt. „Archäologen gehen davon aus, dass es den Menschen der Meritokratie wichtig war, ein großes Objekt in der Wohnung aufzustellen, das unbedingten Leistungswillen manifestieren sollte oder mit dem die eigene Leistungsbereitschaft zumindest angezeigt wurde“, unterrichtet kenntnisreich der Kurator.

Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt

Die Meritokraten, merken die Besucher, das sind wir, und die Ausstellung ein Spiegel unserer Leistungsgesellschaft. Led Zeppelins Rockklassiker „Stairway to Heaven“, begleitet von einer Performance auf der Treppe, leitet sie nach oben, wo zwischen zwei großen Stadtmodellen in mehreren Vitrinen weitere aufschlussreiche Exponate ausgestellt sind. Es fällt auf, wie viele davon besonders von der „kultischen“ Verehrung körperlicher Leistungen künden. Sehr beliebt waren in der verhandelten Jetztzeit-Epoche offenbar Wettkämpfe aller Art, wie auch filmische Fundstücke belegen, die zumindest im Rahmen einer Führung zu sehen sind. Die Menschen verspürten offensichtlich beständig den Wunsch, in einer Disziplin den ersten Platz zu erlangen. Das trieb sie dazu an, aus nahezu allem eine Sportart zu machen. Der Kreativität waren dabei kaum Grenzen gesetzt. So gab es Meisterschaften im Traktorfahren, im Angeln und selbst im Yoga.

Insgesamt zeigt sich, das Geheimnis der Meritokratie lag wohl im Mythos von der Gleichheit. Zum vielleicht ersten Mal in der Geschichte der Menschheit waren auch Bevölkerungsschichten, die in Armut lebten, der Überzeugung, dass unter allen, die sich dem Leistungsprinzip unterwarfen, Waren und Güter gerecht verteilt würden. Zum ersten Mal waren die irdischen Machtverhältnisse nicht etwa von Gott gegeben oder vom Kaiser kontrolliert, sondern ja von den Menschen selbst. So herrschten die Meritokraten bis zu ihrem Niedergang hunderte Jahre über den gesamten Erdball. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann herrschen sie noch heute.

Termin

Die Ausstellung „Meritokratie“ ist noch bis 11. Januar im Technischen Rathaus, Glücksteinallee 11, in Mannheim-Lindenhof zu sehen. Geöffnet ist von Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr. Die nächsten Führungen finden am 16. und 17. Dezember, jeweils um 17 und 19 Uhr, statt.

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