Ludwigshafen Kletterwand, Penthouse, Museum
„Ich bin für jede Umgestaltung dankbar, die keinen Abriss bedeutet“, sagt Klaus Jürgen Becker, als er darauf angesprochen wird, was inzwischen mit einigen Bunkern in der Stadt passiert ist. Auf dem in der Saarlandstraße in Süd ist eine Penthousewohnung entstanden, der Spitzbunker nahe des Hauptbahnhofs wird erklettert und am Bunker in der Karl-Müller-Straße (Hemshof) wird gebaut: Die BASF will auf das historische Gebäude, das bislang als Archiv genutzt wurde, einen zwei-etagigen Kubus setzen. Dort sollen BASF-Designer gemeinsam mit auswärtigen Kunden Projekte entwickeln. Man könnte meinen, solch moderner und kreativer Firlefanz stört den Historiker Becker, der im Juni 2017 gemeinsam mit sechs anderen Interessierten den Verein „Arbeitskreis Bunkermuseum“ gegründet hat. Doch im Gegenteil: Er begrüßt es, wenn die Gebäude stehen bleiben – am besten aber möglichst nah am Originalzustand. Der Wunsch von Klaus Jürgen Becker und Mitstreiterin Lucia Taglieber ist es, einen der Bunker dauerhaft zugänglich zu machen: als eine Art Museum. Dafür haben sie das Gebäude in der Valentin-Bauer-Straße in West im Auge. Es wird ohnehin schon häufig für Führungen genutzt – etwa am Tag des offenen Denkmals. Im Februar 2017 hatte es im Soziale-Stadt-Büro nahe des Bunkers eine Anwohnerversammlung gegeben, bei der die Idee vorgestellt wurde (wir berichteten). Das Problem: Damit regelmäßig Menschen hinein können, müsste einiges umgebaut werden, etwa wegen Brandschutzauflagen. Der Verein „Arbeitskreis Bunkermuseum“ hatte schon damals angeboten, sich um ein wissenschaftliches Konzept zu kümmern. Für Umbau und grundsätzliche Öffnung sei aber zunächst die Stadt zuständig, betont Becker immer noch. Doch er sagt: „Die Gespräche sind wesentlich weiter als vor einem Jahr.“ Eine Stadtsprecherin teilt auf Anfrage mit, dass derzeit ein Brandschutzkonzept erstellt werde. „Darüber hinaus sollen die Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen und Hinweise zu einem möglichen Nutzungskonzept für den Bunker einbringen können.“ Geplant sei das bei einem Workshop am 1. September beim Stadtteilfest, so die Sprecherin. Für Becker und Taglieber sind solche scheinbar kleinen Schritte ein Erfolg. Das Bewusstsein für die Bunker und ihre Bedeutung sei sowohl in der Bevölkerung als auch bei der Verwaltung gewachsen, sagen beide. Neben dem Projekt in West hat es sich der Verein zur Hauptaufgabe gemacht, alle vorhandenen Bunker zu dokumentieren. „Im Moment sind wir beim Würfelbunker dabei“, sagt Lucia Taglieber. Dokumentieren heißt: Sie und ihre Mitstreiter fotografieren alle Räume von innen. „Im Keller hat man eine Taschenlampe gebraucht. Da war es stockdunkel“, erzählt sie über den Klotz, der beim Abriss der Hochstraße Nord weichen muss. Die Treppenhäuser hingegen seien indirekt beleuchtet. Um die Räume in den sechs Stockwerken genau zu vermessen, sei ein Experte vom Verein zur Erhaltung der Westwall-Anlagen gekommen. Dokumentiert werde immer in enger Absprache mit dem Denkmalamt. „Sieben Bunker haben wir bislang schon von innen besichtigt und fotografiert“, erzählt die 27-jährige Historikerin und hat einige besondere Entdeckungen parat. In dem Betonkoloss in der Valentin-Bauer-Straße etwa haben sie einen Entbindungsraum gefunden – samt Beschriftung über dem Eingang. „Es gibt die Geschichte, dass in dem Bunker tatsächlich ein Kind auf die Welt gekommen ist“, erzählen die beiden Vereinsgründer. Jeder noch so kleine Fund könne wichtige Hinweise geben. „Darauf, wie die Menschen diesen schrecklichen Krieg überlebt haben“, erklärt Klaus Jürgen Becker. Bevor die Vereinsmitglieder in die Bunker hinein können, sei das erste Problem allerdings herauszufinden, wem der Bunker überhaupt gehört. „Es sind wesentlich mehr im Privatbesitz als in städtischem“, sagt Becker. Manchmal gebe eine Telefonnummer am Gebäude einen Hinweis, dann wieder komme ein Tipp aus der Bevölkerung. Alle Bunker, die sie bis jetzt von innen gesehen haben, seien in einem guten Zustand. „Die sind stabil, die sind trocken“, bilanziert Becker. Und sie seien in der Regel nicht so groß wie ursprünglich geplant. Stahl und Beton seien während des Kriegs knapp gewesen, weiß der Stadtarchivar. In der „Bunker-Szene“ kennt man sich. Es gibt einen regen Austausch zu anderen Vereinen bundesweit (Zur Sache). Dabei stellen Becker und Taglieber fest: „Die Kollegen haben alle die gleichen Probleme.“ Etwa Auflagen zum Brandschutz, um die historischen Gebäude begehbar zu machen oder Vandalismus. „Der größte Schutz vor Vandalismus ist es, die Bunker zu öffnen“, sagt Becker. Auch Müll werde vor allem dann achtlos vorm Bau verteilt, wenn das Gebäude leer steht. Ein Grund mehr, sich für den aktiven Erhalt einzusetzen, finden Becker und Taglieber und ergänzen: Nicht in vielen Städten gebe es so viele Bunker wie hier. „Ludwigshafen ist etwas Besonderes.“