Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Klarinettistin Rebecca Trescher und ihr Tentett Sieger beim Neuen Deutschen Jazzpreis

Sieger beim Solistenpreis: Wanja Slavin.
Sieger beim Solistenpreis: Wanja Slavin.

Die Wahl war nicht einfach. Zwei sehr unterschiedliche Ensembles konkurrierten im Finale des Neuen Deutschen Jazzpreises, und dass am Ende die Klarinettistin Rebecca Trescher und ihr Tentett den Sieg davontrugen, lag vor allem daran, dass sie es ihrem Publikum leicht machten, ihre Musik zu mögen. Warum der angesehene Wettbewerb für Jazzbands in Mannheim zum letzten Mal ausgetragen wurde, hat vielfältige Gründe.

Dass dies eine Erfolgsgeschichte werden würde, war nicht unbedingt zu erwarten. 2006 hatte eine Mannheimer Musikerinitiative die etwas waghalsige Idee, einen Jazzpreis auszuschreiben, deutschlandweit, stilistisch offen, 10.000 Euro Preisgeld. Selbstbewusst nannte man das Ganze Neuer Deutscher Jazzpreis und heckte gleich noch ein mehrstufiges Auswahlverfahren aus mit Vorjury, wechselndem Kurator und einem Finale mit Zuschauervotum. Das alles klappte dann überraschend gut, teilweise mehr als 200 Jazzbands wollten dabei sein, und auch die Alte Feuerwache wurde bei den Wettbewerbskonzerten mit den drei Finalisten immer voller. Dass nun Schluss sein soll, wird allseits bedauert.

Finanzkräftige Konkurrenz

Die Gründe sind vielfältig. In den letzten Jahren wurde es immer schwieriger, einen Sponsor für das Preisgeld zu finden, bei der veranstaltenden IG Jazz haben jüngere Musiker mit neuen Ideen die Leitung übernommen, und dann war da noch der von der Kulturstaatsministerin im vergangenen Jahr ins Leben gerufene Deutsche Jazzpreis, Nachfolger des Jazz Echo. Gegen die mit einer Million Euro und viel Medienglamour ausgestattete Konkurrenz waren die Mannheimer chancenlos. Der 15. Wettbewerb wird also wohl der letzte gewesen sein, im kommenden Jahr veranstaltet die IG Jazz das Landesjazzfestival Baden-Württemberg, die weitere Zukunft ist offen.

Der erste Abend gehört dem Kurator

Das Jubiläum des Neuen Deutschen Jazzpreises wurde nun aber noch einmal angemessen mit zwei Konzerten gefeiert. Der erste Abend gehörte wie gewohnt dem Kurator. Der schwedische Kontrabassist Lars Danielsson hatte sich dazu den aus Martinique stammenden französischen Pianisten Gregory Privat dazu geholt, der auch Mitglied seiner erfolgreichen Gruppe Liberetto ist. Im Duo klangen die Kompositionen dieses Ensembles konzentriert und kammermusikalisch intim. Das Spiel der beiden ist ein intensiver Dialog, bei dem man aufeinander hört, sich Raum und Zeit gibt oder sich flirtend umkreist. Geblieben ist die elegante Melodik, die Lust an Spiel und Ornamentik und natürlich die virtuose Improvisationskunst. Eine aus dem Barock stammende Passacaglia haben die beiden auch im Programm, statt im Dreiviertel- im Viervierteltakt. Nicht nur hier macht es dieser zeitgenössische Jazz dem Publikum leicht, ihm zu folgen.

Bildhafte Tonerzählungen und eine fiebrig-urbane Soundtour führen zum Erfolg

Letzteres kann man auch über die Klarinettistin und Komponistin Rebecca Trescher sagen. Die aus Tübingen stammende, seit ihrer Studienzeit in Nürnberg heimische Musikerin liebt die große Form, edel schimmernde Klangflächen der Bläser, zum Flirren gebracht durch im Jazz ungewohntes Instrumentarium wie Cello und Harfe, aufgebrochen von intensiven solistischen Momenten. Das schafft weitläufige Klangräume und bildhafte Tonerzählungen, zu denen die Bandleaderin bereitwillig die Stichworte liefert. Inspirieren ließ sie sich von den alten Eichen vor ihrem Studio oder einer an der Wand krabbelnden Spinne genauso wie von der Stadt Paris, wo sie als Stipendiatin der renommierten Cité des Arts ein paar Monate verbrachte. In diesem Paris-Zyklus nimmt uns das mit zehn Musikern besetzte Ensemble dann mit auf eine fiebrig-urbane Soundtour durch die Welt zwischen Gare de l’est und Kaufhaus Lafayette. Wer hier die Titel der Stücke hört, weiß, wohin die Reise geht. Das Publikum schätzte dies und wählte Rebecca Trescher zum Sieger.

Solistenpreis geht an Altsaxophonist Wanja Slavin

So einfach ist die Sache bei Felix Henkelhausen nicht. „Plastic Plants and Random Events“, „Tag brechen“ oder „Tom has a Big Brain“ heißen die Stücke auf seinem Debütalbum „Misanthropic Tendencies“. Der 27-Jährige Oldenburger, der seit ein paar Jahren gut vernetzt zur Berliner Jazzszene gehört, hat offenbar einen schrägen Humor und nicht unkomplizierte Ansichten zur Welt und zur Musik. Für letztere hat er ein wunderbares Quintett zusammengestellt, in dem besonders die beiden Bläser herausragen, Tenorsaxophonist Uli Kempendorff und der am Ende mit dem Solistenpreis bedachte Altsaxophonist Wanja Slavin. Eingängige Melodien gibt es hier nicht, dafür Unisono-Signale der Bläser, freie Akkordrückungen des Pianisten Valentin Gerhardos und nervös-treibende Schlagzeugarbeit von Leif Berger. Omnipräsent dahinter und dazwischen agiert der jederzeit Richtung und Temperament bestimmende Bandleader am Kontrabass. Fünf radikale Einzelstimmen fügen sich hier zu einem pulsierenden Klangkorpus, die Improvisationsfreiheit ist jederzeit unter Kontrolle, Chaos und Ordnung kein Gegensatz. Preiswürdig wäre auch dies gewesen.

Dass nur zwei Bands am Start waren, lag erneut an Corona, das ja bereits 2020 und 2021 den Wettbewerb verhindert hatte. Die seit langem in Leipzig lebende russische Pianistin Olga Reznichenko und ein Musiker ihres Trios waren erkrankt. Das zwischen Jazz und klassischer Musik angesiedelte Ensemble hätte noch mal eine ganz andere Note in den Abend gebracht, der aber auch so zeigte, wie vielfältig die Jazzszene in Deutschland ist. Leider zum letzten Mal.

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