Kriegsgeschichten RHEINPFALZ Plus Artikel „Kind, es ist Krieg“: Milka Stark über Fliegerangriffe und Aufenthalte im Bunker

Milka Stark erinnert sich: „Wir kamen aus den Kleidern nicht mehr raus, mussten sogar angekleidet schlafen, um zum Bunker zu ren
Milka Stark erinnert sich: »Wir kamen aus den Kleidern nicht mehr raus, mussten sogar angekleidet schlafen, um zum Bunker zu rennen.«

„Es war eine Zeit des Schreckens, der Angst und Entbehrungen“, erinnert sich die 1936 in Engers im Kreis Neuwied geborene Milka Stark an den Zweiten Weltkrieg. Noch heute denkt sie zurück an die Fliegerangriffe, an die schrecklichen Aufenthalte im meist überfüllten Bunker – und an Momente voller Panik.

Als sie neun Monate alt wurde, erzählt Milka Stark, bekam sie ihr Schwesterchen Sonja. Um ihre in Köln lebenden Eltern, Walter und Irma Weiß, zu entlasten, holten die Eltern der Mutter, Johann und Elise Kellner, die kleine Milka nach Ludwigshafen und zogen sie zunächst in Friesenheim in der Lagewiesenstraße auf. Ihr Vater sei als Polizeibeamter der Reichsbahn vom Wehrdienst verschont geblieben. „Der Beginn des Kriegs war mir gar nicht bewusst“, sagt die heute 83-Jährige. „Oma rief mir von oben zu ,Kind, es ist Krieg’“. Ich merkte, dass das etwas Schlimmes sein musste, aber als Dreijährige wusste ich nicht, was das bedeutete.“

Sie erinnert sich aber, dass schon für Kinder eine gedrückte Stimmung geherrscht habe. Erschreckend seien die fürchterlichen Gasmasken gewesen. Sie habe sich geweigert, so ein Ding aufzusetzen. Und sie denkt an ein Erlebnis mit einem Nachbarn auf dem Weg zur Schule. „Wir Kinder wurden erzogen, die Leute höflich zu grüßen, und so grüßte ich den Mann in seiner hässlichen Uniform mit einem freundlichen ,Guten Morgen’. Da nahm er mich bei den Schultern und schnauzte mich an ,Das heißt Heil Hitler, weißt du das nicht?’.“ Die Erstklässlerin war so erschrocken, dass sie davonrannte. Nach dem Krieg aber sei der Mann „nie ein Nazi“ gewesen.

„Draußen hat es geknallt“

Stark weiß noch, dass man bei Fliegerangriffen anfangs den Keller aufsuchen, später in den Bunker in der Hohenzollernstraße flüchten musste. „Ich denke noch an die Entlüftungsrohre in der Wand, da haben wir die Ohren drangehalten und gehört, wie es draußen geknallt hat!“ Ihr fällt ein, dass sie bei einem Fliegeralarm im Dunkeln allein zum Bunker rennen musste. Vor dem überfüllten Bunker, in dem wegen der Enge kleine Kinder wie sie auf den Arm oder die Schulter genommen werden mussten, habe sich ein langer Stau gebildet, und die Christbäume seien schon vom Himmel gefallen. Sie sei vor lauter Angst so in Panik geraten, dass sie auf der Stelle stehen blieb und nur noch schrie. Irgendjemand habe sie dann einfach aufgelesen und in den Bunker mitgenommen.

Milka Stark sagt, dass Verwandte ihrer Großmutter in der Wachenheimer Straße ein Haus hatten und wegen der ständigen Fliegerangriffe aufs Land geflohen waren. Dort war es sicherer. Das Haus überließen sie samt Einrichtung der Familie von Milka Stark. Sie erinnert sich, dass ein Nachbar eine Eisenbahnschiene in einen Baum gehängt hatte. Er hörte den englischen Feindsender, und wenn er von Angriffen hörte, schlug er mit einem Hammer darauf Alarm, der weit zu hören war.

Kein Grab für den Opa

Die 83-Jährige schluckt und schüttelt sich, als sie an den Tod ihres Großvaters denkt. Der sei 1944, wahrscheinlich durch schlechte Ernährung, krank geworden und musste ins Krankenhaus. Es habe aber keine Ambulanzen mehr gegeben. „Mutter und Oma haben dann einen Holzhandwagen mit Bettzeug ausgepolstert und ihn darauf zum Marienkrankenhaus gebracht. Er ist gestorben, lag mit anderen Toten in der Trauerhalle auf dem Hauptfriedhof.“ Und darauf sei nachts eine Bombe gefallen und nichts sei mehr übrig geblieben. Es sei dann auch von vielen offenen Gräbern erzählt worden, und dass viele Leichenteile verstreut herumlagen und sogar in den Bäumen hingen. Alles sei in einen Sarg gelegt und bestattet worden, niemand habe ein Grab für sich gehabt. „Das war so schrecklich für uns Hinterbliebenen!“

Ab etwa 1943 habe es zu allen Tages- und Nachtzeiten sehr viele Fliegerangriffe gegeben. „Wir kamen aus den Kleidern nicht mehr raus, mussten sogar angekleidet schlafen, um schnell zum Bunker in der Maudacher Straße zu rennen.“ Stark denkt an den Bunker nur mit Schaudern. „Wir hatten unsere Plätze mit sieben Personen in einem Vorraum der Toilette. Es herrschte aber Disziplin. Wenn einer mal seinen Platz eingenommen hatte, behielt er den immer.“

Tödliche Stille

„1945 kamen wir mal zwei Tage gar nicht aus dem Bunker raus, die Tür blieb zu. Luft kam nur durch die Röhren, teilweise mit Schwefel- und Brandgeruch. Es gab keine Verpflegung, nur das Wasser lief zum Glück. Das Schlimmste war, dass wir uns nicht waschen konnten. Es gab Läuse und Wanzen, und es herrschte Gestank durch die vielen ungewaschenen Menschen. Auch durch die Toiletten. Da konnte man damals nichts runterspülen.“ Zum Glück hatten ihre Mutter, die mittlerweile mit ihrer Schwester von Köln nach Ludwigshafen gekommen war, und Oma genug Proviant mitgenommen.

Als dann die Amerikaner in Ludwigshafen einzogen, habe im Bunker tödliche Stille geherrscht. Viele hatten panische Angst davor, es könnten die Russen sein. Irgendwann verbreitete sich die von Etage zu Etage die Nachricht des Bunkerwarts, die Amis seien schon in Mundenheim. Lange sei nichts zu hören gewesen, plötzlich hätten GIs unter der Tür gestanden. „Wie ich es heute noch sehe, deren entsetzte Gesichter, mit sowas hatten sie nicht gerechnet. Sie drängten sich durch alle Räume und suchten nach Soldaten.“ Es seien aber fast nur Frauen und Kinder dort gewesen. Später hätten alle den Bunker verlassen dürfen. „Beim Rausgehen später hörten wir, dass die Amerikaner den Bunkerwart aufgefordert hatten, die weiße Fahne zu hissen, also den Bunker zu übergeben. Der weigerte sich standhaft, deshalb haben sie aus allen Rohren auf unseren Unterschlupf geschossen. Bis vor Kurzem, bis der Bunker verputzt und gestrichen wurde, konnte man die Einschüsse noch sehen, sagt Stark.“ Und man habe erzählt, ein Soldat in Zivil habe schließlich seine Waffe auf den Bunkerwart gerichtet und gedroht, er würde ihn erschießen, wenn er den Bunker nicht sofort übergeben würde.

„Alles verloren“

Die spätere Verwaltungsangestellte seufzt: „Nun, der Krieg war aus, aber noch viele Jahre lang litten wir an Hungersnot und Entbehrungen. Für die, die noch Geld hatten, ging der Schwarzmarkt los. Es wurde gehamstert. Wer noch Wertvolles hatte, konnte tauschen, aber die meisten waren ausgebombt und hatten alles verloren.“ Einen Tag nach der Währungsreform habe es in den Geschäften alles zu kaufen gegeben. Sogar Waren, die man noch gar nicht kannte. „Die Preise waren zwar niedrig, trotzdem war alles zu teuer.“

Das Geld, das man hatte, habe gerade für das Allernötigste gereicht und sei fast ausschließlich in Lebensmittel investiert worden. Die Zeitzeugin erinnert sich an ihre Zeit im heutigen Geschwister-Scholl-Gymnasium. Im Winter habe jeder täglich einen Brikett und Feuerholz zum Heizen der hohen Klassenräume mitbringen müssen. „Aber das nützte bei den Kanonenöfen nichts, wir haben trotz warmer Kleidung furchtbar gefroren. Schreiben war nur mit Handschuhen möglich, und ich hatte nur Fäustlinge“, erinnert sie sich lachend.

Ergriffen denkt sie an die fünf wunderschönen Märchenbuden, die vor Weihnachten 1945 gegenüber dem damals zerstörten Hauptbahnhof aufgebaut waren. Da seien alle mindestens einmal hingegangen. „Man hat damals alles geschätzt, und es gab untereinander einen großen Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft.“

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Zweite Weltkrieg hat ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Über 60 Millionen Menschen starben weltweit. So etwas darf sich nicht wiederholen. Darum wollen wir in unserer Serie Ihre ganz persönlichen „Kriegsgeschichten“ erzählen. Möchten auch Sie uns Ihre Erlebnisse rund um die Kriegsjahre schildern, dann schreiben Sie uns eine E-Mail an redlud@rheinpfalz.de.

Milka Stark am Tag ihrer Einschulung.
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