Ludwigshafen
Kein Intensivbett: OP eines Krebspatienten viermal verschoben
Das OP-Hemd hat er schon angezogen, am Tag vorher nur Suppe und Pudding gegessen, abgeführt und statt des Frühstücks eine Schlaftablette bekommen. Zum vierten Mal innerhalb einer Woche wartet der krebskranke Werner N. am Mittwochmorgen im Klinikum Ludwigshafen auf seine Magen-OP. Zum vierten Mal bekommt er die Nachricht, dass die Ärzte den Eingriff verschieben müssen. Der 61-Jährige bräuchte nach der OP ein Intensivbett – doch auch wegen der zahlreichen Covid-19-Patienten ist keines frei. Erst am Donnerstag konnte Werner N. operiert werden.
Vergebliches Fasten vor OP-Terminen
„Psychisch bin ich inzwischen ganz schön angeschlagen“, berichtete er am Dienstag am Telefon. „Das häufige vergebliche Fasten und Abführen in Vorbereitung für die OP tun dem geschwächten Körper auch nicht gut“, ergänzt seine Frau Jutta. Zudem habe die Chemotherapie ihre Spuren hinterlassen: „In den letzten Wochen nach der Chemo haben wir versucht, das Gewicht meines Mannes wieder aufzubauen. Er hatte stark abgenommen.“ Die Therapie habe aber immerhin angeschlagen, der Tumor sei nicht mehr sichtbar.
Trotzdem herrschte im Fall von Werner N. Zeitdruck. Nach dem Ende seiner Chemotherapie habe es ein Zeitfenster von etwa acht Wochen gegeben, innerhalb dessen die Ärzte mit der Entfernung des Magens eventuelle Reste des Tumors hätten beseitigen können. Dieses Fenster drohte sich Mitte April zu schließen – eine neue Chemotherapie wäre notwendig geworden.
Einzelfallentscheidungen
Aufseiten des Klinikums ist das Mitgefühl für den 61-Jährigen groß. „Wir haben allergrößtes Verständnis dafür, dass diese Situation Patienten und deren Angehörige stark belastet, und wir versuchen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, die Lage für die Betroffenen erträglich zu gestalten und die bevorstehenden operativen Eingriffe zeitnah durchzuführen. Es handelt sich immer um eine gewissenhaft getroffene Einzelfallentscheidung, die stets in Hinblick auf medizinische Vertretbarkeit abgeprüft werden muss“, nimmt das Klinikum über Pressesprecherin Yasemin Böhnke Stellung.
Die Vermutung von Werner N., dass das Gesundheitsamt auf die Freihaltung von Betten dränge, stellt sich als falsch heraus. Für die Organisation der Intensivbetten seien die jeweiligen Kliniken oder Krankenhäuser selbst verantwortlich, sagt Kornelia Barnewald, Pressesprecherin des Gesundheitsamts im Rhein-Pfalz-Kreis.
Regionale Unterschiede
Dass derzeit nicht alle Intensivstationen des Landes voll ausgelastet sind, darauf weisen Zahlen des Landesgesundheitsministeriums hin: „Die rheinland-pfälzischen Krankenhäuser halten insgesamt mehr als 1.600 Intensivbetten vor“, informiert eine Sprecherin. „Aktuell (Stand Montag) werden 652 COVID-19-Patientinnen und -Patienten in den rheinland-pfälzischen Krankenhäusern behandelt. 191 von ihnen werden intensivmedizinisch behandelt, davon sind 155 beatmungspflichtig,“ so die Ministeriumssprecherin weiter.
In Ludwigshafen sind die Inzidenzen, wie auch in vielen anderen Regionen, jedoch stark angestiegen – und drohen, weiter zu steigen. Um also möglichst umfangreiche Kapazitäten für die Versorgung von Covid-19-Kranken vorzuhalten, hat das Ministerium am 14. April ein Schreiben an die rheinland-pfälzischen Kliniken geschickt: Soweit medizinisch vertretbar, sollen sie alle planbaren Behandlungen zurückstellen. Ausgenommen davon sind Behandlungen, die voraussichtlich nicht zu einer Intensivpflichtigkeit führen. Die Behandlung von Notfällen sei zu gewährleisten.
LU: Aktuell ein Intensivbett frei
In Ludwigshafen (Stand Montag) versorgt das Klinikum laut einer Pressesprecherin derzeit 54 Covid-19-Patienten. Davon sind 21 Personen wegen der Schwere ihrer Erkrankung auf intensivmedizinische Versorgung angewiesen und werden größtenteils beatmet. Vier dieser 21 Corona-Intensivpatienten sind dabei auf eine sogenannte ECMO angewiesen, eine „künstlichen Lunge“, die außerhalb des Körpers die Funktionen der schwerstgeschädigten Lunge übernimmt. Am Klinikum würden darüber hinaus 29 andere Intensivpatienten behandelt. Menschen also, die wegen einer anderen schweren Erkrankung als Covid-19 oder im Nachgang zu einer OP intensivpflichtig geworden sind. Mit 50 der insgesamt 51 Intensivbetten sei das Klinikum deshalb nahezu ausgelastet.
„Mache Ärzten keine Vorwürfe“
„Da sich die Bettenbelegung in einem permanenten Fluss befindet, kann es bedauerlicherweise auch innerhalb kürzester Zeit zu Engpässen der Intensivkapazität und somit zu sehr kurzfristigen Verschiebungen des eigentlich geplanten OP-Programms kommen“, erklärt Pressesprecherin Yasemin Böhnke. Im Fall von Werner N. sei seitens der Ärzte auch geprüft worden, ob das Universitätsklinikum Heidelberg den Patienten hätte aufnehmen können. Solch anspruchsvolle, komplexe Eingriffe könnten aber meist nur hoch spezialisierten Experten in Schwerpunktzentren durchführen, so die Pressesprecherin weiter.
Nachdem am Donnerstag ein Intensivbett im Ludwigshafener Klinikum frei wurde, konnte Werner N. schließlich operiert werden. Die Nachricht seiner Ärzte: „Er ist auf einem guten Weg.“ Der 61-Jährige hatte in der ganzen Angelegenheit bereits vor seiner OP betont: „Den Ärzten mache ich keine Vorwürfe.“