Ludwigshafen „Kein Hund wird aggressiv geboren“
«Böhl-Iggelheim.» Aufgeregt kläfft es über den Übungsplatz. Hunde ziehen kräftig an ihren Leinen, sobald sie ihre Artgenossen erblicken. Manche Vierbeiner machen es ihren Hundeführern nicht leicht. Etwas entspannter ist da Ruby, die Greyhound-Dame von Andreas Gemmel, Vorsitzender des VdH Iggelheim. Und das, obwohl die Hündin in Irland viel zu früh an Rennen herangeführt wurde, die illegaler Weise mit lebenden Hasen durchgeführt wurden. Zierlich, fast zerbrechlich wirkt die Hündin. Doch hinter den treuen Augen steckt ein ziemlicher Sturkopf, das erste – recht halbherziges – „Sitz“ wird ignoriert. Nach mehreren Kommandos mit mehr Nachdruck sortiert sie doch ihre langen Hinterbeine und setzt sich. So einfach macht es leider nicht jeder Hund seinem Zweibeiner an diesem Tag auf dem Übungsplatz. Manche Tiere seien regelrechte „Problemhunde“, auch wenn Gemmel das gar nicht gerne hört. „Kein Hund wird aggressiv geboren. Hunde, die artgerecht gehalten und entsprechend ihrer Fähigkeiten gefördert und beschäftigt werden, neigen nur in Notfällen zu aggressivem Verhalten. Das Problem ist am anderen Ende der Leine zu suchen“, erklärt der Hundetrainer. Er hat selbst Hunde, die von ihren Vorbesitzern nicht artgerecht oder gar gequält wurden, darunter auch Ruby. „Solche Tiere sind regelrechte Wundertüten, denn man weiß nie, was das Tier erlebt hat“, sagt er. Wenn die Hunde unterfordert und unausgelastet sind, „kommen sie auf dumme Gedanken“. Und dann komme es eben zu unerwünschten Verhaltensweisen. Das könne harmlos anfangen, wie etwa mit dem Ziehen an der Leine. Was bei kleinen Tieren noch nicht wild sei, stelle bei großen und schweren Hunden aber einen Risikofaktor im Straßenverkehr dar. Auch ständiges Bellen, ein ausgeprägter Jagdtrieb, ängstliches, hyperaktives oder überaggressives Verhalten könnten vorkommen. Im Training werden aus diesem Grund spezielle Situationen gestellt, damit der Hund lernt, dass die nicht bedrohlich sind. Also gehen an diesem Tag die Teilnehmer mit ihren angeleinten Hunden aufeinander zu. „Sitz!“ Ruby gehorcht. Ihr Hundeführer kann entspannt sein Gegenüber begrüßen und ihm die Hand geben. Ruby und die anderen Hunde sollen dabei lernen, dass fremde Menschen, die auf sie zukommen, keine Gefahr sind. Wichtig für Hundehalter sei es, Probleme ernst zu nehmen und sich Hilfe zu suchen, empfiehlt der Trainer. „Wer ein verhaltensauffälliges Tier hat, muss fast immer bei Null anfangen. Das geht nur mit professioneller Unterstützung.“ Man sollte nicht aus falschem Scham darauf verzichten. Viele Hundebesitzer hätten Probleme mit ihren Tieren, und nicht immer sind sie schuld. Beim VdH wird je nach Schwere der Unart zunächst in Einzeltrainings gearbeitet, um die Bindung zwischen Hund und Mensch neu aufzubauen. „Nur mit einer liebevollen, aber konsequenten Führung durch den Halter fasst der Hund Vertrauen und beide wachsen als Team zusammen“, weiß Gemmel. Hundetraining sei auch immer Menschentraining. Zu Beginn müssen aber die Gründe für das Verhalten herausgefunden werden, denn die können ganz unterschiedlich sein. „Wir hatten mal einen Hund, der hatte Angst vor Autotüren, die zugeschlagen wurden. Erst später haben wir herausgefunden, dass er eigentlich Angst vor aufflatternden Vögeln hatte, die durch die Tür aufgeschreckt wurden“, erinnert er sich. Oft fehle die Bindung zum Menschen, möglich sind auch schlechte Erfahrungen oder eine unentdeckte Verletzung oder Erkrankung, die dem Hund Schmerzen bereiten. Ist die Ursache gefunden, muss das Verhalten Schritt für Schritt geändert werden. Das sei mitunter sehr schwer. „Das weiß jeder, der mal eine Diät gemacht hat oder sich eine Angewohnheit abtrainieren wollte“, sagt Gemmel. Die Erziehung sei heute zum Glück anders als vor 20 Jahren. „Es gibt kein richtig oder falsch, jeder Hund ist individuell, man braucht nur den Mut etwas auszuprobieren.“ Von der Betonung der Unterordnung gehe der Trend hin zur Einordnung, integrativen Arbeit und dem Teamgedanken. Diesen Weg findet Gemmel besser als eine gesetzliche Regelung, wie den Hundeführerschein. Auch im Straßenverkehr hielten sich nicht alle an Regeln - trotz Führerscheins und Strafen. Ruby hingegen hat sich an jenem Tag an viele Regeln gehalten. Zur Belohnung gibt es Käsewürfel als Leckerli. Dann fängt es an zu regnen und selbst die geduldige Greyhound-Dame hat keine Lust mehr.