Ludwigshafen Kehl GmbH soll saniert werden
Interview: Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit baut die Kehl GmbH 40 bis 60 Stellen ab. Am Dienstag war Betriebsversammlung. Karl-Heinrich Lorenz (60), Insolvenz-Anwalt aus Mannheim, ist überzeugt vom Sanierungskonzept für den Reinigungsdienstleister.
Gut. Hinterher wurde sogar auf die Tische geklopft. Insgesamt war die Reaktion der Belegschaft positiv. Obwohl dem Traditionsbetrieb das Wasser bis zum Hals steht? Ja, aber die Nachricht, dass nur zehn bis 15 Prozent der 380 Jobs wegfallen, wird positiv gesehen. Viele hatten die Sorge, die Insolvenz wird abgewickelt und alle gehen heim. Das Konzept ist aber ein anderes. Die Firma stellt sich neu auf. Exakt. Es wird nur den Personalabbau geben, der zwingend notwendig ist. So ist auch die Einschätzung meines Kollegen Peter Depré. Er ist der vom Insolvenzgericht eingesetzte kritische Betrachter. Wir haben den Eindruck, dass auch die Arbeitnehmer mitziehen. An sie ging die klare Botschaft raus, dass die Auftraggeber weitermachen, wenn Kehl in Eigenverwaltung saniert wird. Das geht aber nur, wenn die Qualität der Arbeit unverändert stimmt. Das haben wir klargemacht. Nachdem die meisten Beschäftigten bleiben wollen, glauben wir auch, dass sie engagiert zur Sache gehen. Und der Betriebsrat ist mit im Boot? Der Betriebsrat und die Gewerkschafter teilen unsere Position. Das heißt, die unrentable Glaserei wird definitiv geschlossen? Ja. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Unter Umständen können Leute, die dort gearbeitet haben, anderweitig eingesetzt werden. Bevor der Sozialplan nicht steht, will ich mich aber nicht festlegen, wo genau welche Stellen gestrichen werden. Wie geht’s jetzt konkret weiter? Heute tagt der Gläubigerausschuss. Darin sitzen Vertreter der Arbeitsagentur, der Betriebsratsvorsitzende und ein Lieferant. Das zeigt, dass der Fokus auf den Arbeitnehmerbereich gerichtet ist. Weder Arbeitsagentur noch Betriebsrat werden in erster Linie die Interessen des Unternehmens vertreten. Und morgen starten die Verhandlungen mit dem Betriebsrat über einen Sozialplan. Was hat die Kehl-Krise ausgelöst? Die Veränderung im Markt. Früher hat etwa die BASF einfach ihre Aufträge verteilt, heute müssen diese ab einem bestimmten Volumen international ausgeschrieben werden. Da drängen Branchenriesen auf den Markt. Manche Aufträge können eben nur noch Großunternehmen kostendeckend erfüllen … … denen Kehl nicht gewachsen ist? Genau. Deswegen konzentrieren wir uns jetzt auf mittelständische Kunden und Aufträge, die Kehl profitabel gestalten kann. Bei zu großen Einheiten muss man zu viel Personal vorhalten. Die BASF interessiert sich nicht dafür, ob da jetzt drei Mann krank sind und deswegen der Hof nicht gekehrt wird. Wird er nicht gefegt, dann zahlen die nix. Bei Kehl wurden notwendige Reformen aufgeschoben und konsequente Marktanpassungen versäumt. Das hat auch mit dem Generationenwechsel zu tun. Die Glaserei ist seit Langem ein Problem. Die Schreinerei ist zwar längst geschlossen, aber die Räume sind nach wie vor da. Worin besteht Ihre Aufgabe? Ich begleite die Sanierung. Eine Insolvenzverwaltung in Eigenregie bedeutet ja, dass die Kehl-Chefetage das tun muss, was sonst ein Insolvenzverwalter machen würde. Und weil das ein normaler Geschäftsführer nicht kann, hat man einen Sanierer wie mich zur Kontrolle in die Geschäftsführung beordert. Ich organisiere etwa die Finanzierung fürs Insolvenzgeld. Die Mitarbeiter bekommen pünktlich alle drei Monate ihr Gehalt. Wir haben keine Lohnrückstände. Und ich gewährleiste, dass Lieferanten bezahlt werden. Im Frühjahr 2016 soll die Planinsolvenz vollzogen sein – klappt das? Das Konzept sieht es so vor und mein Vertrag ist bis dahin datiert. Nach der Insolvenzeröffnung Ende September/Anfang Oktober kann ich auf der Basis eines Sozialplans in einer Frist von drei Monaten Kündigungen aussprechen. Erst wenn das alles abgewickelt ist, kann ich sagen, was uns das gekostet hat, und die genaue Quote für die Gläubiger berechnen. Dafür brauche ich die paar Monate im neuen Jahr. Firmenchef Stephan Kehl (58) steht unter Druck. Wie erleben Sie ihn? Sehr angespannt, aber auch entspannt, weil er Leute um sich hat, die wissen, wie das Geschäft läuft. So eine Betriebsversammlung ist für einen gestandenen Unternehmer, dessen Vater den Betrieb gegründet hat, eine erhebliche Belastung. Sein Sohn Leander ist Prokurist. Mittelfristig wird die Sanierung für ihn gemacht, damit der Betrieb in die dritte Generation übergehen kann. Das klingt sehr zuversichtlich. Wir arbeiten ja auch seit Monaten am Sanierungskonzept, und der Antrag beim Insolvenzgericht wurde rechtzeitig gestellt. Es ist noch Geld in der Kasse. Wir haben faktisch keine Lieferanten-Verbindlichkeiten. Es gibt keine Rückstände, keine Prozesse und keine Klagen.