Ludwigshafen Jugendliche in Ludwigshafen seltener straffällig
Die Anzahl der von Jugendlichen begangenen Straftaten ist in Ludwigshafen rückläufig. Mehr als die Hälfte der Delikte gehen auf das Konto von sogenannten Intensivtätern. Ihre Anzahl hat sich verdoppelt. Dies geht aus einem Langzeitvergleich über zehn Jahre hervor, den die Verantwortlichen des „Haus des Jugendrechts“ (Jurelu) gestern vorgestellt haben.
„Mehrfach- und Intensivtäter“ nennt die Polizei Jugendliche, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen. Ihren Eltern sind sie oft egal. Sie sind kaum zu Hause. Sie besuchen die Schule kaum oder gar nicht mehr, sind oft spielsüchtig, nehmen häufig Drogen und finanzieren ihr Leben durch Kriminalität. Mittlerweile gibt es in Ludwigshafen rund 70 solcher Jugendlicher. Zu ihrem Alltag gehören Diebstähle, Einbrüche und Schlägereien. Diese Tätergruppe ist stetig gewachsen. Und auch die Anzahl der Anklagen und Strafverfahren gegen sie hat zugenommen. Polizei, Justiz und Jugendhilfe haben als Reaktion darauf dieses Jahr das Projekt „Spurwechsel“ ins Leben gerufen. Die Verantwortlichen haben dabei Jugendstraftäter im Visier, die an der Schwelle zu einer Haftstrafe stehen. Wer mitmacht, erspart sich den Knast. Wer sich den Regeln des Programms nicht unterwirft, landet hinter Gittern.
Jugendhilfe mit an Bord
„Die Idee dazu ist bei einem Austauschbesuch in den USA entstanden und wurde dann an das deutsche Rechtssystem angepasst“, erläutert Kriminalhauptkommissar Martin Baumann, stellvertretender Leiter des „Haus des Jugendrechts“ (Jurelu). Mit an Bord ist die Jugendhilfe, die überforderten Eltern von kriminellen Jugendlichen bei der Erziehung hilft. Behörden und freie Träger kontrollieren, ob die Jugendlichen ihre Auflagen erfüllen, beispielsweise Drogentests oder regelmäßiger Schulbesuch. „Wir betreiben keine Kuschelpädagogik. Es ist eine letzte Chance, die Spur zu wechseln“, verdeutlicht Jürgen May, Chef des städtischen Jugendamts. Bisher sind fünf Intensivtäter beim neugegründeten Projekt „Spurwechsel“ dabei, weitere sollen im kommenden Jahr folgen. „Die Nationalität ist bei dieser Tätergruppe nicht ausschlaggebend, sondern die soziale Herkunft. Kriminalität ist das Symptom ihrer Probleme“, sagt Hauptkommissar Baumann. Die Opfer der jugendlichen Kriminellen, die oft in Gruppen unterwegs sind, seien in erster Linie Gleichaltrige oder Jüngere. Auch hilflose ältere Menschen oder Betrunkene gerieten ab und an ins Visier. Die Beute, beispielsweise teure Smartphones, wird auf der Straße oder in Kneipen für einen Bruchteil des eigentlichen Werts weiterverkauft. Bei Einbrüchen suchen sich kriminelle Jugendliche unbewachte Objekte wie Kitas oder Schulen aus, weil dabei das Entdeckungsrisiko relativ gering ist. Probleme, wie sie Mannheim mit minderjährigen Flüchtlingen als Intensivtäter hat, gebe es so in Ludwigshafen nicht.
Eltern sind dankbar
Von den 35.000 Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden in der Stadt kommt der Großteil nie mit dem Gesetz in Konflikt. Die Anzahl junger Menschen, bei denen sich das Jugendamt wegen Kriminalität eingeschaltet hat, ist gesunken, berichtet Ernst Blickensdörfer vom Stadtjugendamt. 2016 waren es 460 Jugendliche (2003: 660). In der Mehrzahl der Fälle konnten durch frühzeitiges Eingreifen weitere Straftaten verhindert werden. Ein Erfolg, den die Verantwortlichen auf das seit 2010 laufende Projekt „Fips“ zurückführen, das auf frühzeitige Intervention und Beratungsangebote setzt. Viele Eltern seien dankbar, wenn die Behörden ihnen bei der Erziehung helfen, sagt May. Ein wichtiger Baustein dabei sei auch die Schulsozialarbeit sowie die Unterstützung durch freie Träger.