kriegsgeschichten
Johannes Bosch berichtet von Bombenangriffen und einer Not-OP unter der Stehlampe
„Wir haben das alles so genommen, wie es kam. Wir hatten nichts und wir haben auch nichts vermisst“, sagt Johannes Bosch ernst. Er erinnert sich noch gut an sein Elternhaus in Annweiler, an die Hausbewohner, an den kleinen Hof und die Bauschlosserei seines Vaters, der 1939 zu den Pionieren der Wehrmacht eingezogen und in Norwegen und in Frankreich eingesetzt war. Der 84-Jährige erinnert sich auch an das Köfferchen mit wichtigen Dokumenten. Bei Fliegeralarm musste es immer mitgenommen werden in einen der zwei Eiskeller. „Aber das war für uns alles Normalität,“ sagt der Zeitzeuge und zuckt mit den Schultern.
Bombenangriff auf Ludwigshafen
Mitte 1944 habe man nach einem Bombenangriff auf Ludwigshafen den Feuerschein der brennenden Stadt sehen können. Beim Anflug auf das Ziel waren zwei Bomber abgeschossen worden und einer bei Schwanheim, einer bei Birkweiler abgestürzt. „Dort sah ich zum ersten Mal verbrannte Menschen. Die Besatzung. In Erinnerung blieben die mir wie schwarze Säcke.“ Bei diesen Gedanken schüttelt es den Zeitzeugen noch heute. Der Rentner lebt seit 1960 in Ludwigshafen.
Einen sehr schlimmen Tag erlebte Bosch auch Ende November 1944. Die Hausbewohner hatten es vor einem Tieffliegerangriff knapp in den Keller geschafft. Plötzlich wirbelten Staubschwaden durch die Luft und man konnte den Raum nur noch durch den Hinterausgang verlassen. „Vom Nachbarhaus war nichts mehr zu sehen und unser Haus war diagonal eingestürzt mit freiem Einblick in die Zimmer.“ Johannes Bosch war als Einziger verletzt. Am schlimmsten waren Glassplitter in beiden Augen. Die Operation fand im Vinzentius-Krankenhaus in Landau statt: eine Not-OP im Flur unter einer Stehlampe.
Das Haus war nun unbewohnbar, weshalb sich die Familie bei der Schwester des Vaters in Annweiler einquartierte. Anfang Dezember folgte ein Umzug zu Verwandten in Ochsenwang bei Kirchheim unter Teck. Im Januar dann kam eine schlechte Nachricht aus der Heimat. „Von der Verwandtschaft wurde Tochter Elfriede bei einem Bombenangriff getötet und unsere restliche Habe durch Volltreffer auf die Scheune vernichtet.“
Anfang April 1945 kam Vater Oskar nach Ochsenwang. Nach einer Verwundung des Beines war er aus dem Krankenhaus in Kirchheim/Teck entlassen worden, sollte zu seiner Einheit zurückkehren. Seine Uniform und Ausrüstung wurden versteckt, zivile Kleidung wurde besorgt. Am 21. April hörte die Familie lautes Motorengeräusch und Artilleriebeschuss auf Ochsenwang. Dann Ruhe. „Wir alle aus dem Keller nach oben, vor der Tür stand ein riesiger Panzer! Die schwarze Besatzung gab uns Kindern Schokolade und Kaugummi. Den kannten wir nicht und wir mussten uns erst damit anfreunden“, erzählt Bosch lachend. Die US-Soldaten durchsuchten das Haus nach deutschen Soldaten.
„Nun war Überleben angesagt“, erinnert sich der gelernte Bau- und Kunstschlosser. „Die Lebensmittelkarten wurden zum wichtigsten Papier.“ Darauf gelistet war die wöchentliche Zuteilung an Lebensmitteln. Nach Annweiler zurück ging’s im August 1945: von der amerikanischen Besatzungszone in die französische. Mit dem Zug von Kirchheim/Teck nach Kornwestheim, im offenen Güterwagen weiter nach Mannheim. Dort übernachteten sie dann alle einem halb zerbombten Uni-Gebäude.
Entlausungsschein gebraucht
Am nächsten Tag: Entlausung. „Da wurde ein Rohr in den Kragen gesteckt und weißes Pulver reingeblasen, das dann an den Hosen unten wieder rauskam. Für den Entlausungsschein, mit dem wir dann über die Rheinbrücke in die französische Zone durften!“ Von Ludwigshafen ging es mit dem Zug nach Landau, wo der Großvater mit dem Ochsenfuhrwerk wartete. Alles, was am eingestürzten Haus verwertbar schien, wurde gereinigt. Von den alten Backsteinen wurde der Speis abgeklopft, um sie zum Wiederaufbau des Hauses zu verwenden. „Dank der tatkräftigen Hilfe von Verwandten und Bekannten konnten wir kurz vor Weihnachten 1945 in das Haus einziehen“, berichtet der spätere Maschinentechniker.
Nach Kriegsende erinnert sich Bosch an sehr magere Zeiten. Neben üblichen Tauschgeschäften gegen Lebensmittel ging er mit Freunden in den umliegenden Orten betteln. Es gab kaum Materialien und die Werkstatt seines Vaters, bei dem er seine Ausbildung absolvierte, lief nicht besonders gut. „Erst mit der Währungsreform 1948 wurde schlagartig alles besser, die Läden waren gefüllt und mit der D-Mark konnte man alles kaufen. Der Aufschwung in Deutschland nahm mit großen Schritten seinen Anfang“, erzählt er.
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