Mannheim
Jean-Philippe Bordier im Club Ella & Louis
Drei Viertel des Quartetts kommen aus Paris, Schlagzeuger Andreas Neubauer ist Deutscher, hier unter anderem bekannt als Perkussionist von Tango Transit. Pascal Bivalski spielt Vibraphon und Guillaume Naud eine Hammond Orgel. Zusammen mit der Gitarre sind also drei Harmonie-Instrumente am Start. Da kann man sich sehr leicht gegenseitig ins Gehege kommen.
Einzeln genommen, sind die Kombinationen der zwei Instrumente mit Gitarre nicht neu: Es gibt tolle Trios mit Drums, Gitarre und Orgel. Vorneweg zu nennen natürlich der Jazzgitarre-Superstar Wes Montgomery, der mit Melvin Rhyme an der Orgel sein legendäres Trio gründete und mehrere Platten aufnahm, die Jazzgeschichte schrieben. Andere Gitarristen, etwa John Abercrombie und John Scofielt, knüpften immer wieder mal an diesen Sound an. Meist wurde daraus grooviger Jazz, in Richtung Hardbop gehend. Der Bebop-Gitarrist Tal Farlow spielte mit Vibraphonist und Bandleader Red Norvo zusammen, auch das wurde ein besonderer Sound, aber meistens mit anderem Groove und Tempo.
Extrem „tight“
Damit das immer gut zusammenklingt, wenn Harmonie-Instrumente gleichzeitig spielen, müssen die Musiker sich gut verstehen. Gerade wenn einer die Akkorde, wie im Jazz üblich, ausschmückt und erweitert, kann sich die unterschiedliche Auslegung der Harmonien hörbar deutlich „beißen“. Im Bordier-Quartett war das sehr gut gelöst. Die Stücke dieses Abends stammten alle aus der Feder des Bandleaders. Vibrafonist Bivalski spielte die Melodien mit und das klang sehr effektvoll. Auffällig war, wie extrem „tight“ die beiden zusammenspielten. Das war so präzise, dass man meinen konnte, nur einen einzigen, besonderen Klang zu hören. Das Vibraphon setzte funkelnde Glanzlichter auf die Gitarrentöne.
Bordiers Gitarrenton war im besten Sinne „klassisch“: Er spielte eine traditionelle Archtop-Jazzgitarre mit F-Löchern, ein japanisches Modell, das den amerikanischen Gitarren nachempfunden ist. Der Ton wirkte warm und rund, mit luftigem Anschlag. Darauf stellte sich der metallische Klang des Vibrafons sozusagen „auf Zehenspitzen“ und krönte die Töne mit seinem „Ding!“ – ein sehr schöner Effekt. Klassisch war auch die Spielweise von Guillaume Naud, der mit der linken Hand die Basslinien spielte und damit für durchweg guten Groove sorgte. Er spielte keine alte originale Hammondorgel. Die sind zwei bis drei Zentner schwer und ihre elektromechanische Tonerzeugung ist anfällig für Ausfälle. Der elektronisch erzeugte Klang, den auch Naud verwendete, lässt heutzutage aber nichts mehr zu wünschen übrig.
Kluge Sparsamkeit
Stilistisch bewegte sich das Quartett meist im Bereich Hardbop – also dem stärker Groove-orientierten Jazz, der sich auch mit Soul und Funk stellenweise überschneidet. Und wie haben die drei „Harmoniker“ ihr Zusammenspiel geregelt? In erster Linie durch Zurückhaltung und kluge Sparsamkeit. Das Vibraphon hat praktisch nie Akkordfunktionen übernommen, höchstens mal sparsam ein paar Klänge hie und da dazu getupft. Die Orgel hat sich immer zurückgenommen, wenn Bordiers Gitarre Rhythmusfunktionen übernommen hat.
Gitarrist Bordier hat seinen eigenen Stil gefunden. Weder folgt er Montgomerys Oktaven und Blockakkorden, noch flitzt er wie Farlow durch lange Bebop-Linien. Bordier ist seit 30 Jahren im Geschäft und gehört zur Pariser Jazzszene. Seine Stücke haben einige Finessen, die Melodien sind elegant und nehmen interessante Wendungen. Rhythmisch greift er auch mal Latin-Elemente auf. Solistisch kann der Franzose auch richtig Gas geben und astreinen schnellen Bebop spielen – aber das macht er nur gelegentlich. Viel wichtiger sind ihm Melodik und guter Groove. Das alles zusammen ist leicht und angenehm zu hören, vor allem weil es richtig gut und groovend gespielt ist. Allerdings wirkte das über den ganzen Abend betrachtet vielleicht etwas zu gleichförmig. Dramaturgisch betrachtet, hätte hier und da ein besonderer Höhepunkt für etwas mehr Spannung sorgen können.