Ludwigshafen Ist das von Sebastian?

Die Passionsmusik war in der Mannheimer Christuskirche zu hören.
Die Passionsmusik war in der Mannheimer Christuskirche zu hören.

„Wenn das von Sebastian ist, so lass ich mich hängen“, sagte der Bach-Experte Felix Mendelssohn Bartholdy über die Lukas-Passion. Und doch wird das Werk unter der Nummer 246 im Bach-Werkeverzeichnis geführt. Am Karfreitag konnte man die Passionsmusik in der Mannheimer Christuskirche hören, die Aufführung leitete Kirchenmusikdirektor Johannes Michel.

Es ist Bachs Handschrift – auf dem Papier, das der Sammler Franz Hauser für teures Geld gekauft hat. Im übertragenen Sinn ist es jedoch nicht die künstlerische Handschrift des genialen Bach, die hier zu hören ist. Das meinte Mendelssohn 1838 und das meinte auch Johannes Brahms, als er die Gelegenheit hatte, das Manuskript zu sehen. Tatsächlich hört man deutlich, dass die Lukas-Passion an die Meisterwerke der Johannes- und der Matthäus-Passion nicht heranreicht – aber deswegen ist die Musik noch lange nicht schlecht. Sie mutet schlichter und etwas naiver an als die Bach-Werke. Ein Beispiel ist der Choral „Straf’ mich nicht in deinem Zorn“, dessen Melodie etwas von einem Kinderlied hat und deren Harmonisierung auch einfach gesetzt ist. Dann wiederum gibt es originelle und effektvolle Abschnitte, die auch aus künstlerischer Sicht reizvoll sind. Die Alt-Arie „Du gibst mir Blut, ich schenk’ dir Tränen“ stellt die Holzbläser nach vorne, die von einem Pizzicato der Streicher begleitet werden. Und es gibt auch anspruchsvolle Stellen für die Instrumentalisten, wie etwa bei der Begleitung der Tenor-Arie „Den Fels hat Moses’ Stab geschlagen“, wo das Fagott durch flotte Läufe flitzen muss. Viele Szenen der Passionsgeschichte sind anschaulich gestaltet. Die Soldaten, die Jesus die Augen verbinden und ihn raten lassen, wer ihn schlug, fragen das in einem heftig bewegten Chor, mit schnell hin und her wechselnden Einsätzen. Ebenso sind die Schreie des Volks „Kreuzige ihn!“ eine bewegte Fuge. Originell von der Idee und schön ausgeführt ist das Terzett von zwei Sopran- und einer Altstimme „Weh und Schmerz“, das von Holzbläsern und Violinen umspielt wird. Als fromme Gottesdienstmusik für den Karfreitag hat die Lukas-Passion durchaus ihre Berechtigung. Und genau so wird das auch Johann Sebastian Bach gesehen haben, der deshalb dieses Werk abgeschrieben hat. Der Thomaskantor hat nämlich nicht nur eigene Werke aufgeführt, sondern auch Kompositionen von Kollegen spielen lassen, wenn sie zum liturgischen Anlass passten und seinen Ansprüchen genügten. Im Vergleich zu den Bach-Passionen fällt auf, dass dieses Werk aus vielen kurzen Abschnitten besteht. Es geht zügig voran, gibt viel Abwechslung und das ist – soweit man das über eine Passion sagen kann – auch unterhaltsam. Die Ausführenden waren das Ensemble Mannheim Vocal, aus dessen Reihen auch die Solisten stammten. Besonderen Applaus bekam Tenor Sebastian Hübner, der den Part des Evangelisten, also des Erzählers, gesungen hat. Bariton Matthias Horn machte als Jesus einen sehr guten Eindruck. Tenor Martin Erhard fiel krankheitsbedingt kurzfristig aus, seine Stimme teilten sich andere Sänger. Angelika Lenter (Sopran) und Anne Bierwirth (Alt) sangen ihre Arien ausdrucksvoll. Als wichtiger Begleiter bei den vielen Rezitativen bewies Carmenio Ferrulli an der Orgel ein gutes Timing. Als Kammerorchester wirkte das Concerto Mannheim auf historischen Instrumenten. Unter der Gesamtleitung von Johannes Michel war das eine schlüssige Interpretation und von allen Beteiligten eine sehr gute Leistung. Die vergleichsweise kleine Besetzung von Chor und Orchester ergab einen ausgewogenen und transparenten Klang. Interessant ist der Beitrag des Musikwissenschaftlers Klaus Häfner im Programmheft. Er ist Kenner und Wiederentdecker des Komponisten Johann Melchior Molter, der von 1696 bis 1765 lebte und aus Eisenach stammt. Dort wirkte Johann Bernhard Bach, der freundschaftlich seinem Cousin Sebastian verbunden war, als Organist. Der Wissenschaftler findet einige stilistische Merkmale, die typisch für Molters Kompositionen sind. Eindeutig geklärt ist die Frage der Urheberschaft nicht.

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