Mannheim / Heidelberg
Internationales Filmfestival: Jacques Audiard über seine Musical-Komödie „Emilia Perez“
Herr Audiard, einer ihrer letzten Filme „Sister Brothers“ war ein klassischer Western, jetzt haben Sie ein Musical inszeniert. Welche Rolle spielt das Genrekino für Sie?
Ich war niemals ein großer Fan das Genrekinos, kenne es aber aus meiner Zeit als junger Filmprofessor in den 70er, 80er Jahren in Paris. Ich habe damals enorm viele Filme gesehen, nicht nur von den großen Meistern Hollywoods oder aus Frankreich. Auch aus Deutschland, Osteuropa und Asien. Ich habe die klassischen Strukturen verinnerlicht. Nur, warum sollte ich sie wiederholen oder variieren? Im Unterbewusstsein schleichen sich die Vorbilder dann doch ein. Ich wollte diesen Film unbedingt mit einem Song der Metallarbeiter Mexikos beginnen. Ich hatte keine Ahnung warum. Bis mir klar wurde, dass ich mich an Werner Herzogs Film „Auch Zwerge haben klein angefangen“ orientierte.
Was sprach dafür, die Geschichte als Musical zu inszenieren?
Musicals haben mich nie wirklich fasziniert. Ich könnte Ihnen vier oder fünf Musical-Titel nennen, die ich toll fand, aber das wäre das Maximum. Ich muss daher etwas länger ausholen, wie ich zu meinem ersten Musical kam. Der erste Entwurf der Geschichte hatte die Form eines Opernlibrettos. Es waren ungefähr 30 Seiten, vier Akte, die Handlung war eher tabellarisch aufgelistet als in Szenen gefasst. Den Figuren fehlte eine eigene Psychologie. Aber dann hieß es auf einmal, zack, zack, wir machen daraus einen Film. Inhaltlich brauchte er das Unrealistische des Musical-Genres. Kein Mensch fängt doch an auf der Straße zu singen oder zu tanzen!
Traditionell wird die Musik in Musicals eingesetzt, um die Emotionen einer Figur oder die Stimmung einer Szene auszudrücken. In Ihrem Film treibt sie die Geschichte voran. Warum haben Sie diese Verantwortung den Liedern überlassen?
Das war die Prämisse von meinem Koautor Thomas Beaugoin und mir. Die Lieder sind ein integraler Bestandteil des Szenarios. Das Eröffnungslied lässt den Zuschauer zum Beispiel nicht wissen, wie sich die Figur fühlt. Es bringt eher die Wut der Menschen über die politische und gesellschaftliche Situation zum Ausdruck.
Nach welchen Überlegungen haben Sie die Musicaleinlagen platziert?
Gemeinsam mit den Musikern wurde die Entscheidung getroffen, wann der Gesang einsetzt, oder wann wir auf Sprechgesang setzen. Meist war es eine rein pragmatische Entscheidung. Es gab einige Szenen im Buch, bei denen immer klar war, sie kommen ohne Musik aus. Sie wurden gedreht und nie verändert. Von den Szenen, in denen die Musik die Handlung vorantreibt, haben wir oft mehrere Varianten gedreht, um uns im Schnitt für die passende Version entscheiden zu können. Viele gute Takes sind so leider in den Mülleimer gewandert.
Sie haben bereits in etlichen Sprachen gedreht. Warum suchen Sie diese Herausforderung?
Ich gehe an die Sprache meiner Filme relativ naiv und unschuldig heran. Ich habe einen Film auf tamilisch gedreht, „Sister Brothers“ auf Englisch, ich beherrsche keine der Sprachen. Ebenso wenig spreche ich spanisch oder chinesisch. Das ist in gewisser Weise eine Befreiung. In meiner eigenen Sprache liegen mir Akzent, Aussprache, kleinste sprachliche Nuancen am Herzen. Bei den Sprachen, die ich nicht verstehe, kann ich mich in der Szene auf die Melodie konzentrieren. Bei diesem Film erwies sich dies definitiv als Vorteil. Für ein Musikdrama brauche ich die reine Beziehung zur Musik. Je weniger ich die Sprache verstehe, desto besser kann ich mich auf die Musik einlassen.
Haben Sie bestimmte Schauspielerinnen oder Schauspieler für eine Rolle schon beim Schreiben im Kopf?
Wenn ich schreibe, habe ich nie eine Ahnung, wer spielen wird. Insofern war es ein großes Risiko, denn ich setzte darauf, eine herausragende Schauspielerin für die Hauptrolle zu entdecken, die Transgender ist. Es war auch nicht einfach, Karla Sophie Gascón zu finden. Sie und die anderen Schauspielerinnen haben den Film nochmals wesentlich verändert. Ursprünglich waren alle Figuren viel zu jung. Rita war 25 Jahre, Juan bzw. Emilia 35 Jahre alt. Epifanía war 18, das wäre gar nicht gegangen. Diesen Fehler habe ich korrigiert, nachdem ich Karla Sophia und Zoe Saldaña beim Casting gesehen hatte.
Warum blenden Sie die Verbrechen aus, die der Mafiosi Juan begangen hat?
Sie haben recht, ich müsste ein Prequel drehen. Mich interessierte schon länger, wie Menschen mit ihrem Wunsch umgehen, das Geschlecht zu wechseln und wie ihre Umgebung darauf reagiert. Dann stieß ich auf einem Roman, in dem ein Drogenboss seine sexuelle Identität wechseln möchte. Ich habe lange mit dieser Ausgangssituation gehadert, denn sie schmeißt den Zuschauer in eine schizophrene Situation. Die Geschichte blendet 30 Jahre seines Lebens aus, in denen er ein ungekrönter König der Unterwelt war. Seine Vergangenheit bleibt trübe und undurchsichtig. Über all die Kugeln, die er verschossen hat, und die Leben, die er ausgelöscht hat, wird geschwiegen. Diese Erfahrung kann sie aber nicht einfach abschütteln. Ich musste daher entscheiden, wie viel ich über seine Vergangenheit erzählen muss und wie viel ich der Fantasie und dem Wissen des Zuschauers überlassen kann, sich diese Verbrechen vorzustellen.
Solange Emilia der Mann Juan war, hat er die Welt zerstört. Als Frau versucht sie, die Welt zu retten. Ist das auch ein generellerer Kommentar?
Sie denkt zumindest, dass sie die Welt rettet. Emilia verirrt sich. Sie fühlt sich plötzlich als Heilige und erliegt einer Illusion. Es ist beinahe lächerlich, was sie sich auf diese Verwandlung einbildet. Aber vor allem kann keiner vor sich fliehen, die Welt fällt dem Menschen wieder auf die eigenen Füße. Dieser Aspekt ihres Doppellebens ist mir erst durch die öffentliche Wahrnehmung des Films bewusst geworden. Ich habe den Eindruck, als würde er sich ständig weiterentwickeln. Mir gefällt der Film jetzt besser als der, den ich im Kopf hatte, als ich mit den Dreharbeiten begann.
Dass ein Leben auf der Flucht Folgen für die Psyche hat, muss Ihnen doch bewusst gewesen sein?
Ich frage mich, ob der oder die Betroffenen ihre Verwandlung mit ihrer psychischen Gesundheit zahlen. Oder Menschen in ihrer zweiten Identität glücklicher sein können. Diese Überlegungen stützen sich auf eigene Erfahrungen. Wie Sie wissen, bin ich erst sehr spät zum Filmemachen gekommen. Ich war 42, als ich meinen ersten Film inszenierte. Ich hatte vorher viel Zeit, um über diesen einschneidenden Wechsel in meinem Leben nachdenken zu können. Ich war damals ein bisschen depressiv und selbstmordgefährdet. Ohne den Wechsel wäre ich vielleicht verrückt geworden. Das Kino hat mich gerettet, es hat meine Sozialisation völlig verändert, weil ich meine Gedanken über meine Filme mit anderen teilen konnte. Irgendwann musst du das Risiko eingehen, dein Leben zu ändern, um es wieder lebenswert zu machen. Das erzählt „Emilia Pérez“.
Hätten Sie diesen Film vor zehn oder 15 Jahren machen können?
Das Thema war damals nicht Teil meiner Überlegungen. Es mag komisch klingen, aber an einige Filme, die ich vor einigen Jahren inszeniert habe, kann ich mich kaum noch erinnern. Andere Titel würde ich heute sicherlich nicht machen. Das ist aber nicht schlimm. Das Kino hat für mich die Aufgabe, Zeuge und Beobachter der Zeit zu sein. Ich muss mich zu dieser inhaltlichen Prämisse nicht zwingen, denn ich verfolge die Nachrichten. Für die Probleme, die mich bewegen, versuche ich eine Ausdrucksform zu finden.
Zur Sache
Jacques Audiard wurde für sein Musical „Emilia Pérez“ bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, sein Ensemble Karla Sofía Gascón, Zoe Saldaña, Selena Gomez, Adriana Paz als beste Darstellerinnen. Frankreich nominierte ihn für den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Filme. Audiard erzählt die Geschichte vom gefürchteten mexikanischen Gangsterboss Juan (Karla Sofía Gascón), der sich aus dem Geschäft zurückziehen und ein zweites Leben als Emilia in Spanien beginnen will. Der Drogenboss hat sich über Jahre einen Plan zurechtgelegt. Er möchte endlich als Frau leben und sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen.
Termine
„Emilia Perez“ läuft im Rahmen des Filmfestivals Mannheim-Heidelberg am 8. November um 20 Uhr im Karlstorbahnhof Heidelberg sowie am 9. November um 15 Uhr und am 15 November um 18 Uhr im Stadthaus N1 in Mannheim.