Ludwigshafen In Sorge um Deutschland
Ein Vorfall hat Dunja Hayali besonders erschüttert. In einer Straßenbahn, erzählte sie, beschnüffelte ein Mann eine dunkelhäutige Frau, spuckte dann vor ihr aus und ging fort. „Gucken Sie bitte nicht weg!“, beschwor Dunya Hayali in einer seit Langem ausverkauften Veranstaltung in der Buchhandlung Thalia am Paradeplatz ihre zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer. Die Autorin, die unter anderem den Verein „Gesicht zeigen!“ unterstützt, Schulklassen aufsucht, um sie zu Zivilcourage zu ermutigen, und sich gegen Rassismus engagiert, ist in Sorge um Deutschland, darüber hinaus um Europa, um die Demokratie und ihre Werte. Denn das gesellschaftliche Klima ist nach ihrer Erfahrung in den vergangenen Jahren rauer geworden. Schon Höflichkeitsfloskeln wie „bitte“ und „danke“ seien im täglichen Umgang selten geworden. Stattdessen werde eine Kassiererin im Supermarkt angeherrscht, ob sie nicht schneller machen könne, hat die in Berlin lebende Autorin bemerkt. Völlig selbstlos ist Dunja Hayalis Engagement freilich nicht. Denn auch ihre eigenen Erlebnisse haben sie motiviert, „Haymatland“ zu schreiben. Ihr Buch besteht sogar vornehmlich aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Seit vier, fünf Jahren erreichen sie Hass-Mails. Beschimpfungen wie „linke, grüne Dumpfbacke“ oder „Systemnutte des Öffentlich-Rechtlichen“ gehören noch zu den harmloseren. Auch Vergewaltigungs- und Mordphantasien sind darunter. Wenn sie dann Leute nörgeln höre, sie dürften in Deutschland ihre Meinung nicht frei äußern, könne sie nur lachen. Wenn sie nämlich diese Beleidigungen und Bedrohungen ihrem Rechtsanwalt vorlege, sage der nur: „Das wirst du wohl aushalten müssen.“ Und selbstverständlich sprechen diese meist anonymen, das heißt feigen Schreiber der Hass-Mails Dunja Hayali ab, eine Deutsche zu sein. „Ich bin hier geboren, ich bin eine Deutsche“, betonte die in Datteln bei Dortmund auf die Welt gekommene ZDF-Moderatorin, die unter anderem durch Sendungen wie „heute“, das „Morgenmagazin“ und in jüngster Zeit „Das aktuelle Sportstudio“ einem Millionenpublikum bekannt ist, bei ihrem Auftritt in Mannheim. In ihrem Buch erzählt sie, wie ihre Eltern aus dem Kriegsland Irak geflohen sind, sich in Wien kennengelernt haben und in Mainz von einem robusten, aber herzlichen deutschen Ehepaar aufgenommen worden sind, als wären sie dessen eigene Kinder. Sie betont die liberal-konservative und menschenfreundliche Einstellung ihres Elternhauses und ihrer Erziehung, der Vater ein Arzt, die Mutter eine Pharmazeutin. Sie betont ihre christliche Prägung und erwähnt bei ihrem Auftritt wiederholt, dass sie als Mädchen Messdienerin gewesen ist. Sie verschweigt aber auch nicht, dass sie nach dem Selbstmord eines guten Freundes aus der Kirche ausgetreten ist. „Biodeutsche“, wie sie sie nennt, würden nicht verstehen, was es bedeute, wenn jemand hier geboren und aufgewachsen sei und plötzlich ausgeschlossen werde. Sie habe an sich bemerkt, wie sie „ein bisschen paranoid“ geworden sei. Mit ihrem Buch verfolgt Dunja Hayali vor allem das Ziel, andere aufzurütteln und ihnen Mut zu machen. Zwar gebe es eine stets gleichbleibende Anzahl von eingefleischten, in ihrem Vorurteil unerschütterlichen Antisemiten, doch auch andere, die sich durch Argumente noch erreichen ließen, verdeutlichte sie, warum sie sich gegen Rassismus und für Demokratie engagiere und energisch denen entgegentrete, „die das Klima unserer offenen Gesellschaft vergiften“. „Das Unsagbare und Undenkbare soll nicht wieder sagbar und denkbar werden“, brachte sie ihre Haltung auf den Punkt. Herzensbildung steht für sie an erster Stelle. Diese sei jemandem zwar in die Wiege gelegt, werde aber durch das Grundgesetz befördert. „Haymatland“ ist leicht und verständlich geschrieben. Bei ihrem Auftritt wechselte Dunja Hayali ständig zwischen Lesung und Erzählung. Ihre mündlichen Ausführungen nahmen dabei weitaus mehr Raum ein als die Lesungen. Denn kaum hatte die vor Energie nur so strotzende Autorin einen Satz gelesen, fiel ihr auch schon etwas ein, das sie unbedingt erzählen musste. Drei bis vier Stunden, wie angekündigt, hat ihr Auftritt dann zwar doch nicht gedauert. Er war aber immer noch lang genug, wenn auch nicht im geringsten langweilig. Nicht zuletzt trug dazu sicherlich Dunja Hayalis Vorsatz bei, nicht den Humor zu verlieren.