Mannheim
In der Gluthitze der Zukunft: Anrührende Performance „Embers“ im Theater Felina-Areal
Eine Sprayflasche zückt die Tänzerin Lisa Bless vor dem Eingang zum Theatersaal und preist ein Wundermittel im Stil kommerzieller Dauerwerbesendungen an: „Better Air, Better Life, Better Planet“ heißt der Slogan, den sie plappernd und posierend mit Zahnpastalächeln der Zielgruppe präsentiert: bessere Luft, besseres Leben, besserer Planet. Wasser als Luxusgut, bei Sofortkauf 20 Prozent Rabatt. Hier der QR-Code scannen.
Kontakt mit verbrannter Erde
Das irritiert, amüsiert, macht neugierig darauf, wie es im Theatersaal weitergeht: Auf der Bühne liegen sieben Haufen einer rotbraunen Schüttung. Split? Blähton? Katzenstreu? Vorsichtig betreten Lisa Embers und Anand Dhanakoti die Szene. In großem Abstand loten sie ihre Vor-Rück-Balance aus. Jeder für sich beginnt mit Händen und Füßen das Material zu ertasten. Im Körperkontakt mit der verbrannten Erde erforschen sie ihre Umgebung, wälzen und kugeln sich am Boden, wirbeln umeinander. Nähe und Distanz werden ausgelotet in fließenden Bewegungen und Zeitlupen-Sequenzen bis hin zu seriellen Zwangshandlungen. Zwischendurch immer wieder bange Blicke nach oben in das fahle Orange einer imaginären sengenden Sonne (Lichtdesign: Vojtèch Brtnicky).
Soundscape der Flutkatastrophe?
Aus den Lautsprechern tröpfelt die Vergangenheit: Regengeräusche, pulsierende Beats, Herzschlag-Stakkato (Musik: Peter Hinz). Ist es nostalgische Erinnerung oder der Soundscape der letzten Flutkatastrophe? Die Tänzer glucksen, keckern, bellen, spielen und balgen sich. Animal-Farm war gestern. Kein Tier, nirgends. Die Natur als ferne Erinnerung.
Rückgriff auf die eigene Biografie, Erinnerungen an eine verlorene Welt: Unterlegt vom Ta-Ke-Ti-Na indischer Tanzsilben erzählt Anand Dhanakoti, freiberuflicher Tänzer aus Hamburg, von den Mango-Bäumen seiner Kindheit. Aus der Decke rieselt immer wieder Streugut herab. Verschärfte Bedingungen, die Hitze wird härter. Verzweifeltes Ausagieren der Tänzer, die sich ihren Ängsten und Träumen stellen. Trennung und Verbindung werden gesucht, ihre Stimmen verschmelzen miteinander, ihre Körper werden zum Knäuel.
Fußreflexzonen-Erlebnis gibt es gratis dazu
Die Performance „Embers“ ist der dritte Teil des Sci-Fi-Tanzprojekts Oxy-Gen. Ihr ging der titelgebende Film, eine Fern-Kooperation mit dem indischen Tänzer Pankaj Sihag, voraus und zuletzt die hybride Solo-Performance „Oxy-Gen/Z(8)“ der Heidelberger Tänzerin Lisa Bless. „Embers“ (Glut) bezeichnet physikalisch das Reaktions- und Temperaturgebiet eines festen Stoffes mit sichtbarer Wärmestrahlung. In ihrem vierzigminütigen Stück erforschen Lisa Bless und Anand Dhanakoti ihre Verbindung mit der Natur auf unprätentiöse, zuweilen poetische, immer aber anrührende Weise. Kein Schreien, nichts Schrilles, kein Ausdruckstanz, stattdessen choreografierte Solastalgie (Verlustangst) als Grundton der Gegenwart. Die Suche nach dem Sinn und dem Verlorenen mündet im Verlauf der Performance in die Wiederentdeckung von Sensibilität und Empathie. Immer wieder finden die Tänzer zueinander, lernen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede anzunehmen. Verstehen. Verständigung. Dystopie und kein Ende? Was sein wird bleibt selbstredend offen. Nur so viel: Zum Finale hin weisen Klangschalenklänge den Weg nach innen, und in Drehwirbeln scheint den Akteuren eine neue Zentrierung zu wachsen.
Die Premierenbesucher schienen berührt und spendeten großzügig Applaus. Zum Soundscape der Schluss-Szene durfte man das kieselig bestreute Tanzterrain dann selbst erforschen. Also Schuhe aus und siehe da: Das Schüttgut ist Kork-Granulat und pikst. So darf der Tanzabend mit einem Fußreflexzonen-Erlebnis im Selbstversuch abgerundet werden.
Termin
Das Stück „Embers“ wird am Samstag, 16. September, 20 Uhr, im Theater Felina-Areal, Holzbauerstr. 6-8, Mannheim wiederholt.