Ludwigshafen Im Schacht der Erinnerung

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Jáchymov, auf deutsch Joachimsthal, ist ein Städtchen am Südhang des Erzgebirges nicht weit von Karlsbad entfernt. Vom Silberbergbau über Uranabbau bis zum Thermalbad verlief seine 500-jährige von Glanz und Elend geprägte Geschichte. Der Choreograf Karel Vanek und der Dramaturg und Musiker Guido Preuß haben versucht, Jáchymov ein „Tanzmonument“ zu errichten. Im kooperierenden Theater Felina Areal in Mannheim ist die Produktion der Tanzwerke Vanek Preuß vorgestellt worden.

Aus Erinnerungen gebaut, soll es der Erinnerung dienen. Das Hauptdarstellungsmittel ist Tanz. Wie funktioniert Erinnerung? Was hält sie fest und in welcher Form? Was lässt sie fallen und warum? Wie zum Beispiel die bedeutende Rolle, die das Bergbaustädtchen Jáchymov in der Geschichte Europas gespielt hat. Sie ist total vergessen; auch von denen, die heute Kuren in Jáchymovs schicken Thermalhotels buchen. Erinnerung ist im Tanz, wie derzeit in allen Künsten, ein aktuelles Thema. Aber Erinnerung an Vergangenheit und Gegenwart einer Stadt? Dies hat jedenfalls noch keiner versucht. Auch die beiden Macher Guido Preuß und Karel Vanek, erklären frei heraus: „Wir wissen nicht, was ein Tanzmonument ist“. Sie schlagen einen experimentellen Entwicklungsprozess vor. Der Dialog zwischen Preuß auf der Bühne und Vanek unsichtbar im Hintergrund ist ein zwischen Theorie und Ironie pulsierender Leitfaden, eine Form und Sinn gebende Struktur. „Jáchymov – die Macht aus der Tiefe“ ist die zwölfte Zusammenarbeit der beiden Künstler, die sich zur Gruppe „Tanzwerke Vanek Preuß“ zusammengeschlossen haben. Die aus Leuchtröhren und Scheinwerfergehäusen schlicht gestaltete Bühne erinnert an tschechische Grafik. Guido Preuß beschwört „tschechische Melancholie“ nicht nur verbal, sondern mit Chopin und Brahms auch am Klavier. Melanie Riester hat die schwarzen Kostüme, zu denen die Tänzerinnen feine weiße Spitzeneinsätze tragen, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angesiedelt, in der Epoche also, in der Jáchymovs Uran-Geschichte beginnt. Tänzerisch hat es eindrucksvolle Passagen. Bergbau als skulpturale Metapher. In einer Reihe hintereinander liegend, schieben sich vier Körper in geraden Linien vor, zurück und rechtwinklig abbiegend über den Boden. Die verschränkten abgewinkelten Arme und Beine gehen maschinenartig auf und nieder. Es entstehen Bilder von Lorenbahnen, die das Erz durch die Stollen transportieren; von Menschenketten, die sich raupenartig ins Gestein fressen. In dieser Szene tragen alle rote Socken zum schwarzen Dress. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Uranabbau von der Sowjetunion forciert und als Gulag betrieben. Rund eine viertel Million Zwangsarbeiter sind hindurchgegangen; wohl kaum die Hälfte hat überlebt. Ein dunkles Grauen liegt über der avantgardistischen Tanzperformance. Ironie, Groteske, morbides Fin-de-Siecle-Feeling sind als komische Lichter eingesprengt. Es ist lustig anzuschauen, wie die roten Socken im schwarzen Getriebe auf- und niedergehen: rot wie Freude, rot wie Blut. Erinnerung und Tanz leben von starken Gefühlen. Der emotionale Performance-Mix wird vom Dialog zusammengehalten und ironisiert. Für Dialog und Musik ist Guido Preuß zuständig, die anderen drei auf der Bühne zeigen ihre individuellen Spezialitäten. Michelle Cheung in einer entfesselten Groteske, die sich aus verbaler und körperlicher Artistik zusammensetzt. Tobias Weikamp in furios expressiven Sprüngen. Beide sind Mitglieder des Mannheimer La_Trotier Dance Collective. Iorhanne Da Cunha aus Paris gibt mit ihrem Geigenspiel dem Lyrischen einen eigenen Ausdruck. Kopfstehend spricht sie eine Marie Curie, die zwischen Gut und Böse balanciert. Deren Entdeckung des Radium hat auch den Joachimsthaler Uranboom ausgelöst: todbringenden Gulag und heilende Radonkuren. Das dunkle Tanzmonument ist ein strahlendes Grabmal. Termine Theater Felina Areal in Mannheim, Holzbauerstraße 6-8, nächste Vorstellungen am 17. und 18. Februar, 20 Uhr. Kartentelefon: 0621/3364886.

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