Kriegsgeschichten RHEINPFALZ Plus Artikel Im Kirchturm Bombenhagel überlebt

Friedrich Kuntz vor dem Portal der Paul-Gerhardt-Kirche in Rheingönheim.
Friedrich Kuntz vor dem Portal der Paul-Gerhardt-Kirche in Rheingönheim.

Friedrich Kuntz wuchs in Rheingönheim als Pfarrerssohn auf. Der Turm der evangelischen Kirche, der zum Bunker umgebaut wurde, rettete ihm, seiner Familie und vielen Bewohnern des Stadtteils während der Angriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg das Leben.

Die Paul-Gerhardt-Kirche in Rheingönheim, die älteste protestantische Kirche der Stadt (1791/92 erbaut), hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Wie selbstverständlich läuten die Glocken wieder. Doch im Zweiten Weltkrieg war es still, denn der Kirchturm wurde zum Bunker umfunktioniert. Der offizielle Bunker des Stadtteils in der Nähe des Bahnhofs war im Notfall für viele Rheingönheimer viel zu weit entfernt von ihren Wohnhäusern. Während die Kirche im September 1943 nach einem Angriff ausbrannte und am Ende des Zweiten Weltkrieges nur noch die Außenmauer stand, „haben wir uns im Kirchturm selbst sicher gefühlt“, berichtet Kuntz.

Anstelle der Glocken wurden im oberen Bereich eine Stahlbetondecke eingezogen und die hölzerne Tür durch eine aus Stahl ersetzt. Auf drei Stockwerken verteilt harrten die Menschen während der Angriffe aus. „Bei Einschlägen hat der Turm etwas gezittert, vielleicht ist auch etwas Kalk runtergebröselt, ansonsten aber ist nichts passiert“, berichtet der 86-jährige ehemalige Studiendirektor des Theodor-Heuss-Gymnasiums.

Nachbar starb bei Angriff

Er erinnert sich noch heute an einen Nachbarn, der partout nicht in den Bunker wollte, sich im eigenen Wohnhaus direkt neben der Kirche sicher fühlte. „Bei einem der Bombenangriffe kam er in seinem eigenen Haus ums Leben“, erzählt Kuntz. Der rettende Kirchturm wäre nur einen Steinwurf entfernt gewesen.

Kuntz besuchte ab 1941 die erste Klasse in Rheingönheim, ehe er zwei Jahre später über eine private Kinderlandverschickung im thüringischen Gebesee landete. Dort unterstützte er einen Onkel in der Landwirtschaft und besuchte die fünf Kilometer entfernte Schule. „Die Strecke bin ich jeden Tag hin und zurück zu Fuß gegangen“, berichtet Kuntz. 1944 kehrte er nach Rheingönheim zurück. Doch die Lage spitzte sich mehr und mehr zu. Die Familie – mit Ausnahme des Vaters, der als Pfarrer im Ort blieb – entschied sich im März 1945 zur Flucht.

US-Truppen in Fußgönheim

Mit einem Handwagen und vier Kindern machten sie sich auf den Weg in Richtung Weisenheim am Berg. „Doch soweit kamen wir nicht. In Fußgönheim fanden wir in einer Wirtschaft Zuflucht“, erinnert sich Kuntz. „Immer wieder flogen die Jagdbomber über uns. Dann haben wir uns in die Straßengräben geworfen, um uns zu schützen.“

In der Nacht zogen in Fußgönheim die letzten deutschen Soldaten ab, die Amerikaner übernahmen das Kommando im Ort. In der Wirtschaft kamen US-Sanitätssoldaten unter, „die uns Kindern Schokolade geschenkt haben.“ Die Familie entschied sich trotz aller Gefahren zur Rückkehr nach Ludwigshafen. „Es hatte noch Artilleriefeuer der Wehrmacht aus Mannheim gegeben und etliche Blindgänger landeten im Pfarrgarten“, berichtet Kuntz. Mithilfe von langen Stöcken und einem Spaten schob der Vater diese unter die Erde.

Die Franzosen kommen

Die Amerikaner zogen ab, Ludwigshafen wurde zur französischen Besatzungszone. Die wirtschaftliche Lage in der „zone francaise d'occupation“ sei deutlich schlechter als im übrigen Teil Deutschlands gewesen, sagt Kuntz, der ab dem 2. Mai 1946 das Gymnasium in der Bismarckstraße besuchte. Während in den unteren Stockwerken das städtische Wirtschaftsamt untergebracht war, blieben für die Schüler anfänglich nur die oberen Stockwerke. „Dort hat es hineingeregnet. Glücklicherweise hatten wir noch die alten Schulbänke mit Fußbrettern, ansonsten hätten wir mit den Füßen im Wasser gestanden.“

Die Folgejahre waren geprägt vom Wiederaufbau. Die protestantische Kirche bekam schon bald neue Glocken, allerdings aus wirtschaftlichen Gründen nur aus Gussstahl und nicht aus Bronze. Die Kirche wurde in Eigenarbeit der Gemeinde, gemeinsam mit den Jugendlichen des Orts, wieder errichtet. Eine mühselige Arbeit. „Den Mörtel haben wir Schritt für Schritt in Eimern mit der Winde hochgezogen“, erzählt Kuntz, der 1962 promovierte, von 1963 bis 1999 als Lehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium die Fächer Latein, Griechisch und Geschichte unterrichtete. Über Jahrzehnte war Kuntz, der inzwischen in Haßloch lebt, zudem der Kopf der „Lebendigen Antike“, einem Arbeitskreis der Volkshochschule Ludwigshafen.

Die Serie

Der Zweite Weltkrieg endete vor 76 Jahren. Er hat das Leben vieler Menschen verändert und bis heute geprägt. In dieser Serie lassen wir Zeitzeugen aus der Region zu Wort kommen. Zuschriften an die E-Mail-Adresse redlud@rheinpfalz.de.

Ausgebombt: Nur der Kirchturm blieb stehen.
Ausgebombt: Nur der Kirchturm blieb stehen.
x