Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Hebamme werden: Zwischen Hörsaal und Kreißsaal

Im Kreißsaal des Marienkrankenhauses: Jasmin Berg studiert Hebammenwissenschaft.
Im Kreißsaal des Marienkrankenhauses: Jasmin Berg studiert Hebammenwissenschaft.

Geburten in Ludwigshafen begleiten: Im Kreißsaal erlebt die angehende Hebamme Jasmin Berg die Herausforderungen und Schönheiten ihres Berufs.

Von der Decke hängt ein meterlanges graues Tuch. Jasmin Berg schlingt sich den dicken Stoff um den Arm, macht eine Schlaufe und zieht die Enden hindurch. Der mehr als faustgroße Knoten baumelt über dem Bett. Auf der anderen Seite des Raums: eine Badewanne, ein Gymnastikball, ein Hocker. Eine blaue Wand, gelber Boden und ein Raumtrenner in Holzoptik, der das Bett von der Tür abschirmt – ungefähr so sehen alle Kreißsäle im dritten Stock des St. Marienkrankenhauses in Ludwigshafen aus.

An diesem Ort lernt Jasmin Berg den Beruf, der sie schon lange begeistert. Die 22-Jährige studiert seit 2023 Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft (HWG) in Ludwigshafen. Die Theoriephase in diesem für sie vierten Semester hat Berg hinter sich. Zurzeit arbeitet sie im Kreißsaal.

Zerrissene Hemden

Das Tuch mit dem Knoten ist zum Festhalten. „Die Frauen haben ein Haltebedürfnis“, erklärt Isabell Schubert, leitende Hebamme. Auch an den Hebammen dürfen sich Gebärende festhalten und selbstverständlich an ihren Angehörigen, meist dem Partner. Damit der nicht allzu sehr leidet – Schubert kann sich an einen Ehemann erinnern, dessen Hemd nach der Geburt zerrissen war – gibt es das Tuch aus festem Stoff.

Im Liegen oder im Sitzen: Jasmin Berg (rechts) und Isabell Schubert demonstrieren, welche Gebärpositionen das Bett anbietet.
Im Liegen oder im Sitzen: Jasmin Berg (rechts) und Isabell Schubert demonstrieren, welche Gebärpositionen das Bett anbietet.
Die angehende Hebamme zeigt an Puppe Lisa, wie die U1 abläuft.
Die angehende Hebamme zeigt an Puppe Lisa, wie die U1 abläuft.
In der Gebärbadewanne: Um sich in Gebärende hineinversetzen zu können, begeben sich die Studentinnen auch mal in deren Position.
In der Gebärbadewanne: Um sich in Gebärende hineinversetzen zu können, begeben sich die Studentinnen auch mal in deren Position.
Jasmin Berg (links) und Isabell Schubert. Die Lichterkette im Kreißsaal war ursprünglich Weihnachtsdekoration, durfte aber bleib
Jasmin Berg (links) und Isabell Schubert. Die Lichterkette im Kreißsaal war ursprünglich Weihnachtsdekoration, durfte aber bleiben.
So funktioniert der kinästhetische Handgriff: Er hilft Gebärenden beim Pressen.
So funktioniert der kinästhetische Handgriff: Er hilft Gebärenden beim Pressen.

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Auch sonst ist der Raum ganz für die Bedürfnisse werdender Eltern ausgelegt. Auf dem Geburtshocker können Frauen ihr Kind im Sitzen auf die Welt bringen – vorne hat er eine große Aussparung. „Auf dem Rücken zu liegen, ist für viele unangenehm. Die Schmerzen der Wehen strahlen in den Rücken“, erklärt Berg. Der Gymnastikball kann den Geburtsfortschritt unterstützen, ein Bad in der „Entspannungswanne“ Schmerzen lindern. Vor dem Fenster steht der „Papa-Stuhl“. Der Liegestuhl ist weich gepolstert – falls es mal länger dauert.

Ziehen und schieben

Neben den Kreißsälen liegen Patientinnenzimmer, ein Kinderzimmer, ein Stillzimmer. An den Wänden hängen große Leinwände mit Fotos: runzelige Füße, verschlafene Augen, kuschelige Mützen auf kleinen Köpfen und andächtige Geschwisterkinder. Durch die Türen dringt gedämpft das Weinen eines Neugeborenen in den Flur. Neben dem Kreißsaalbereich liegen die Gynäkologie, die Frühchenstation und die Wochenbettstation.

Der dritte Stock wirkt etwas verwinkelt mit seinen vielen Gängen, Türen und Aufzügen. Aber Berg kennt sich aus: Als Studentin lernt sie alle Bereiche der Geburtshilfe kennen. Die meisten Handgriffe sitzen schon – wortwörtlich. Gemeinsam mit ihrer Chefin demonstriert sie den kinästhetischen Handgriff. Dazu legt sich Schubert ins Bett, und die beiden fassen sich gegenseitig an den Handgelenken. Dann ziehen sie. „Frauen wissen manchmal nicht, wo sie hinschieben müssen“, erklärt Schubert. Der Handgriff soll ihnen dabei helfen. „Wegen solcher Dinge haben wir mehr Kraft, als die meisten denken“, sagt die erfahrene Hebamme amüsiert.

Es geht um die Frauen

An der Hochschule hat Berg hingegen einen klassischen Vorlesungsalltag. Da geht es zum Beispiel um die weibliche Physiologie oder Rechtliches. Zusätzlich üben die Studentinnen in einem Skills-Lab, was später im Kreißsaal passiert. Sie machen Atemübungen – wie im Geburtsvorbereitungskurs – oder testen Gebärpositionen: „Damit wir wissen, wie sich das für die Frauen anfühlt“, so Berg.

Ist die Theoriephase geschafft, kann Berg ihr Wissen direkt im Krankenhaus anwenden. „Ich habe eine Hausarbeit über das Stillen geschrieben“, erzählt sie. „Es gibt total viele Arten, wie eine Frau das Kind anlegen kann.“ Jede Frau und jedes Kind seien anders. Die Aufgabe der Hebamme ist es, die Frau zu beraten und mit ihr Lösungen zu finden, sollte das Stillen nicht klappen. Um die Frauen dreht sich der Job. Und Berg liebt die Arbeit mit ihnen.

Vom Serien-Fan zur Hebamme

Ihre Leidenschaft fing etwas ungewöhnlich an: mit einer Serie, in der es um junge Mütter ging. „Das habe ich total gern geschaut“, sagt Berg. So habe sie den Beruf kennengelernt und sich entschieden, Praktika bei freiberuflichen Hebammen zu machen. „Ich war direkt Feuer und Flamme für die Babys“, erzählt die Studentin rückblickend.

Immer mehr habe sie dann gemerkt, wie viel Spaß ihr die Arbeit mit den Mamas macht. Bei einem Praktikum durfte sie mit den Leopold-Handgriffen bei einer Schwangeren ertasten, wie das Baby im Uterus lag. „Da habe ich das erste Mal ein Baby im Bauch gespürt. Das war sehr besonders.“ Der Moment war für Berg so wichtig, dass sie sich an jedes Detail erinnern kann: „Ich weiß noch genau, wie die Wohnung der Frau eingerichtet war.“ Nachdem sie die ersten Geburten erleben durfte, gab es kein Zurück mehr.

Großes Vertrauen

Bei den Geburten hat die 22-Jährige gelernt: Kommunikation ist das Wichtigste. Man müsse das Vertrauen der Frauen gewinnen und vor allem selber ruhig bleiben, erklärt sie. „Man muss ganz viel mit der Frau sprechen – damit sie sich sicher fühlt.“ Eine Geburt sei mit viel Körperkontakt verbunden. „Man muss Schritt für Schritt auf sie zugehen und erklären, was man macht“, so Berg. Dabei sei es auch wichtig, die Körpersprache der Frauen zu lesen: Ist das gerade in Ordnung für sie? Kommt sie mit den Schmerzen noch klar?

Mittlerweile kann die angehende Hebamme die Betreuung einer Geburt komplett übernehmen – begleitet von einer ausgebildeten Hebamme. „Es ist total schön zu merken, wie selbstständig ich werde und wie sicher ich mich dabei fühle“, sagt Berg. Jede Geburt bringe sie dabei weiter.

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