Ludwigshafen Halbe Schweine und ganze Glückspilze

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Dannstadt-Schauernheim / Ludwigshafen. Riesenbovist. So lautet der Name des Pilzes, mit dem im Sommer 2014 alles begann. In Bad Dürkheim waren Hubert Kainz und seine Lebensgefährtin Friedel Fischer unterwegs, als sie auf ein wahres Prachtexemplar dieser Gattung stießen. So groß wie ein Fußball etwa und ein Glücksfund, denn laut Kainz fühlen sich Boviste in unseren Breiten eigentlich gar nicht richtig wohl. „In 50 Jahren als Pilzsammler hatte ich so etwas hier vorher noch nie gesehen“, berichtet er. Deshalb bestand Fischer auch darauf, den Pilz zur RHEINPFALZ zu bringen und ablichten zu lassen. Am 27. August erschien eine Meldung über den Riesenbovist in der „Ludwigshafener Rundschau“ – unter dem Titel „Pilzfund: Dickes Ding“. Besagtes Ding war an jenem Tag aber schon nicht mehr, es landete noch am Abend seiner Entdeckung in Kainz’ Bratpfanne. „Boviste bereitet man im Grunde wie Schnitzel zu“, erklärt der heute 80-jährige Dannstadter. Er muss es wissen, schließlich ist er sein ganzes Arbeitsleben lang Koch gewesen. Und damit – oder vielmehr: mit seiner Lehre Anfang der 50er Jahre – beginnt die eigentliche Geschichte. Der Artikel über den Pilzfund landete nämlich unter anderem in den Händen des Ludwigshafener RHEINPFALZ-Lesers Hans Hauptmann – und der stutzte. Aus zwei Gründen. „Ich habe auf dem Foto sofort die Friedel erkannt“, erzählt der Oggersheimer. Sie sei Vorturnerin in seiner Sportgruppe in Mutterstadt. Mit dem Gesicht des Mannes daneben konnte er erst nichts anfangen. Dann las er jedoch den Namen im Begleittext und bekam einen Verdacht. „Der sagte mir sofort etwas“, meint Hauptmann. Der 77-Jährige begann, erst in seinem Gedächtnis und dann auch in seinen alten Fotos zu kramen. Schließlich fand er eines aus seiner Lehrzeit am Rheinhof in Mannheim. Dort wurde er ab 1953 zum Koch ausgebildet, und es existiert ein Bild aus dem Jahr 1954, das ihn zusammen mit einem anderen Lehrling zeigt. Eben jenes Foto nahm Hauptmann zum nächsten Sportkurs mit und fragte Fischer, ob sie ihren Lebensgefährten, den Mann aus dem Riesenbovist-Artikel, wohl fragen könne, ob ihm das bekannt vorkomme. Am Ende war es sogar mehr als das: Kainz hatte bei sich zu Hause in Dannstadt einen Abzug genau des gleichen Fotos liegen, und so fanden sich zwei Freunde nach mehr als 60 Jahren Funkstille wieder. „Ich kann das bis heute nicht richtig fassen“, sagt Kainz strahlend und schüttelt den Kopf. Bereits kurz darauf sprachen die Männer zum ersten Mal miteinander – und schwelgten in Erinnerungen. „Koch werden, das war nicht gerade unser Traum“, gesteht Kainz. „Aber kurz nach dem Krieg gab es ja nichts. Da hat man das genommen, was da war.“ Die Lehre im völlig zerbombten Mannheim sei alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen. „Die Stadt war platt wie ein Pfannekuchen“, erzählt Hauptmann und Kainz ergänzt: „Man konnte vom Hauptbahnhof fast bis zum Wasserturm gucken.“ Die widrigen Umstände wirkten sich auf die Lehrlinge aus, die im zarten Alter von 14 Jahren schon halbe Schweine über zertrümmerte Straßen schleppen mussten, mit dem Stangeneis für die Vorläufer moderner Kühlschränke und widerborstigen Kohleöfen zu kämpfen hatten. An all das erinnerten sich Hauptmann und Kainz bei ihrem ersten Treffen – und an noch etwas: nämlich, dass einer fehlte. Der dritte im Bunde und quasi das Verbindungsstück zwischen den beiden. Der Mannheimer Hans Gsell begann seine Lehre im Rheinhof 1952 – also ein Jahr nach Kainz und ein Jahr vor Hauptmann. „1954 habe ich meine Abschlussprüfung in der Stadthalle in Heidelberg gemacht“, sagt Kainz und zeigt das Beweisfoto. „Anschließend bin ich erst nach Pfungstadt, dann nach Heidelberg in die Stiftsmühle, dann nach Bayern und immer weiter. Dadurch ist der Kontakt abgebrochen.“ Allein Hauptmann ist nach dem Abschluss seiner Lehre in der Region geblieben. Er verdingte sich als Koch bei der BASF, bekam vorher aber noch mit, dass Gsell einen Job in Bad Grötzingen angenommen hatte, nachdem seine Abschlussprüfung bestanden war. „Wir haben 2015 angefangen, auch nach ihm zu suchen“, berichtet der 77-Jährige. Er habe alle Mitglieder des Clubs der Berufsköche Mannheim-Ludwigshafen überprüft und bei einem Urlaub mit seiner Frau in Bad Grötzingen sogar das dortige Telefonbuch durchforstet. Als das alles nichts half, warf er schließlich auch einen Blick ins Mannheimer Telefonbuch. „Da steht nur ein einziger Gsell drin“, berichtet Hauptmann schmunzelnd, „und das ist der Hans.“ Auch Gsell, mittlerweile 79 Jahre alt, ist zu der Gruppe gestoßen und komplettiert sie damit. Aus gesundheitlichen Gründen haben sich die Herren bislang noch nicht so oft getroffen, wie es ihnen lieb wäre. Aber im Sommer 2017 soll alles besser werden. Da stehen gemeinsame Termine und hoffentlich auch Ausflüge in die Region auf dem Plan. Dabei wird es ganz sicher etwas zu essen geben, aber selbst kochen tun die Lehrlinge von einst nur noch selten. Das geben sie unumwunden zu. „Dazu kann meine Frau das viel zu gut“, meint Gsell verschmitzt. „Und wenn Familienfeste anstehen, gehen wir lieber in die Wirtschaft, das ist entspannter“, ergänzt Hauptmann. Auch Kainz schwingt nur noch zu besonderen Anlässen den Kochlöffel. Zum Beispiel, wenn seine Lebensgefährtin und er riesige Boviste finden. Von dem aus dem Sommer 2014 ist übrigens doch noch ein bisschen was übrig. „Ich habe ein paar Scheiben eingefroren und aufbewahrt“, verrät Friedel Fischer. Das hat er auch verdient, der Glückspilz.

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