Ludwigshafen
Hack-Museum: Erben fordern Gemälde zurück
Der Kulturausschuss wurde in seiner Sitzung am Donnerstag über die Rückforderung informiert. Rückblick: Vor zehn Jahren kam es zur Restitution von Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Urteil des Paris“.
Das Museum habe seinen Bestand aufgrund der Washingtoner Richtlinien von 1998 und der daraufhin erfolgten Verpflichtung der Bundesregierung, während der NS-Herrschaft unrechtmäßig entzogene Kunstwerke „zu identifizieren und gerechten und fairen Lösungen zuzuführen“, durchsucht, führte Museumsleiter René Zechlin aus. An 264 vor 1945 entstandenen Kunstwerken seien so von 2016 bis 2020 im Zuge eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanzierten Forschungsprojekts Nachforschungen nach der Herkunft angestellt worden: von einer stehenden Muttergottes in der Mittelalter-Sammlung bis zu einem Werk Alexander Archipenkos.
15 aus jüdischen Sammlungen oder Galerien stammende Werke hätten sich dabei als bedenklich herausgestellt. Nach einer Veröffentlichung im Lost Art Register, um eventuell Nachkommen der rechtmäßigen Eigentümer ausfindig zu machen oder weitere Hinweise auf Besitzerwechsel zu erhalten, habe sich seit 2020 indes niemand gemeldet. Nur in einem Fall liegt dem Museum eine Anfrage zur Rückgabe vor. Dabei handelt es sich um Max Pechsteins 79,8 x 90,4 Zentimeter messendes Ölgemälde auf Leinwand „Verschneite Gärtnerei“ aus dem Jahr 1917.
Tragisches Schicksal des Vorbesitzers
Das Bild der städtischen Sammlung sei 1955 in einer Kölner Galerie erworben worden, wo es der Stuttgarter Sammler Hugo Borst angeboten habe, führte Julia Nebenführ vom Wilhelm-Hack-Museum durch die Geschichte seiner Herkunft. Als Vorbesitzer konnte Ismar Littmann ausgemacht werden, ein Rechtsanwalt im schlesischen Breslau, der eine umfangreiche Sammlung von Gemälden und Aquarellen, überwiegend von Expressionisten, aber auch von Impressionisten besaß. Nach dem Berufsverbot aufgrund der nationalsozialistischen Gesetze unternahm der jüdische Rechtsanwalt und Notar 1933, im Jahr der sogenannten Machtergreifung einen Selbstmordversuch, dessen Folgen er im Jahr darauf erlag.
Ismar Littmann hinterließ eine Witwe und vier Kinder, die wohl, um ihren Lebensunterhalt oder ihre Flucht aus Deutschland zu finanzieren, die Sammlung von 347 Gemälden und Aquarellen sowie an die 6000 Graphiken an das damals noch jüdisch geführte Auktionshaus Max Perl in Berlin abgaben, wo sie 1935 versteigert wurde. Einige Werke reichten auch Breslauer Banken ein, darunter Pechsteins „Verschneite Gärtnerei“. Wann und unter welchen Umständen das Bild in den Besitz der Deutschen Bank gekommen sei, wie Julia Nebenführ ausführte, sei nicht in Erfahrung zu bringen gewesen. Vermutlich aber habe Ismar Littmann es bei einer Kreditaufnahme als Sicherheit hinterlegt. Dass Hugo Borst das Bild auf der Auktion erworben habe, sei nicht gesichert.
Herkunftsermittlung bei Graphiken sehr schwierig
Seit den 1960er Jahren führen die Erben Littmanns Verfahren zur Restitution von Kunstwerken der Sammlung. Lediglich 15 Werke aus der einst umfangreichen Sammlung konnten aufgefunden werden. Nach der Washingtoner Erklärung wurden acht Gemälde restituiert. Auch dem Wilhelm-Hack-Museum liege nun eine Anfrage der Erben auf Rückgabe vor, sagte René Zechlin. Das Verfahren laufe wohl auf eine Rückgabe hinaus, die sich eventuell in eine Dauerleihgabe abmildern lasse.
Im Falle von Ernst-Ludwig-Kirchners „Urteil des Paris“ hatten sich die Stadt Ludwigshafen und die in London lebende Erbin Anita Halpin auf einen Kaufpreis von sechs Millionen Euro geeinigt. Die Einigung fand in ganz Deutschland und darüber hinaus Beachtung und wurde als vorbildlich betrachtet. Die Summe kam durch eine Spendenaktion zusammen. Sie ist inzwischen vollständig abbezahlt, gab Zechlin im Ausschuss Auskunft.
Seit Jahresbeginn ist Anna Gürteler mit der Provenienzforschung von Graphiken im Wilhelm-Hack-Museum betraut. Von den 876 im Besitz des Museums befindlichen Graphiken stammten 700 aus der Zeit vor 1945, informierte sie den Ausschuss. Sie stammten von über 200 Künstlern und aus verschiedenen Erwerbsquellen, überwiegend aber auf dem deutschen Kunstmarkt erstanden. Die Provenienzforschung bei Graphiken sei besonders schwierig, betonte Anna Gürteler. Für dieses Jahr habe sie sich vorgenommen, die Herkunft von 362 Graphiken zu ermitteln. Ein Antrag auf Verlängerung ihres vorerst auf ein Jahr begrenzten Vertrages sei gestellt.