Ludwigshafen Granaten statt Fahrräder

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Der Standort Ludwigshafen war für die deutsche Kriegswirtschaft von hoher Bedeutung. Schon kurz nach Beginn der Kämpfe stellten Betriebe ihre Produktion auf kriegswichtige Produkte um. Die künstliche Herstellung von Salpeter machte die BASF neben Krupp zum wichtigsten Unternehmen für die Armee.

Grün-gelb war die etwa sechs Kilometer breite Wolke, die sich am Abend des 22. Juni 1915 auf die französischen Soldaten bei Ypern zubewegte. Das Gas kroch in die Schützengräben, wo die Männer auf den Angriff der Deutschen warteten. Wer das Gas einatmete, wurde von wildem Husten gepackt. Wer nicht rechtzeitig flüchtete, erstickte. So fanden tausende Soldaten in der Zweiten Flandernschlacht den Tod im Schützengraben. Der Einsatz chemischer Kampfstoffe war ein klarer Verstoß gegen die Haager Konvention von 1907 und damit ein Kriegsverbrechen. Hergestellt wurde das tödliche Gas in den Fabriken der BASF. Der Chemiker Fritz Haber beschrieb seine Wirkung einmal so: „Im Augenblick hatten wir in dem Chlornebel die Orientierung verloren, ein wahnsinniger Husten setzte ein, die Kehle war wie zugeschnürt.“ Nicht nur das berüchtigte Chlorgas, das im weiteren Kriegsverlauf noch öfter eingesetzt werden sollte, wurde in der Stadt am Rhein produziert. Die Umstellung der Wirtschaft auf Produkte, die für die Fortführung des Krieges wichtig war, erfolgte rasch nach Ausbruch des Krieges. Die Maschinenbauindustrie stellte Zünderteile, Granaten und Sprengminen statt Fahrräder und Maschinen her, die Bekleidungsindustrie konzentrierte sich auf Uniformen und Militärstiefel und in der chemischen Industrie setzte man auf Sprengstoff. Zunächst war die Produktion allerdings ins Stocken geraten, weil nahezu alle öffentlichen Verkehrsmittel für Truppentransporte benötigt wurden. Kleinere Betriebe in Ludwigshafen, dessen Wirtschaft stark exportorientiert gewesen war, überlebten den Kriegsbeginn nicht. Facharbeiter wurden eingezogen, Gütertransporte waren nicht mehr möglich. Schon sehr bald stellte sich heraus, dass die BASF unter den als kriegswichtig eingestuften Betrieben, zu denen auch Giulini, Raschig und die Walzmühle zählten, eine besondere Rolle einnahm. Laborleiter Carl Bosch löste das sogenannte „Salpeterversprechen“ ein, das er der Obersten Heeresleitung gemacht hatte: Innerhalb kürzester Zeit erfolgte die künstliche Herstellung von Salpeter als Bestandteil von Sprengstoff in großem Stil. Wegen Handelsblockaden konnte es nicht mehr importiert werden. Bis Sommer 1917 wurden 90 Prozent der gesamten Ausgangsmaterialien für die Pulver- und Sprengstoffindustrie von der BASF hergestellt, vor allem in Ludwigshafen und Oppau. Vor dem Krieg hatte niemand für möglich gehalten, was das Unternehmen und der Rest der deutschen Chemie in den nächsten Jahren leisten würden. Ein Chemiker hatte dem englischen Parlament damals mitgeteilt, „dass es lächerlich wäre, an das Märchen zu glauben, dass die Deutschen in der Lage wären“, die Ausgangsstoffe für Sprengstoffe künstlich herzustellen. Die Bedeutung der „Anilin“ wurde den Westmächten aber bald bewusst, sodass sie relativ häufig das Opfer von Luftangriffen wurde (wir berichteten). Für die Mitarbeiter baute das Unternehmen auf dem Werksgelände bombensichere Unterstände und Schutzräume. Eine Scheinanlage bei Edigheim sollte feindliche Piloten auf eine falsche Fährte locken. Die Angriffe richteten allerdings nur wenig Schaden an, die Produktion wurde durch sie nicht beeinträchtigt. Ludwigshafener Betriebe trugen maßgeblich dazu bei, dass das deutsche Heer bis 1918 seine Kriegsanstrengungen aufrechterhalten konnte. Im Juni des letzten Kriegsjahres erlebte die deutsche Wirtschaft einen Höhepunkt, nur um wenig später zusammenzubrechen. Der Gewinn der BASF, die 1917 noch 33,3 Millionen Mark erwirtschaftet hatte, sank 1918 auf 14,6 Millionen.

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