Ludwigshafen Glänzende Fernsehwelt und hungrige Realität

So gut erholt wie heute habe ich diese Kolumne selten geschrieben. Kürzlich hatte ich mehrere Wochen am Stück Urlaub. Ziemlich lang, fand ich. Offensichtlich zu kurz, fand ein Kollege. Er ist der festen Ansicht: Wer nach viereinhalb Wochen Abwesenheit noch das Passwort für den Computer weiß, hat sich nicht wirklich entspannt. Eine Tour in der freien Zeit führte mich nach Köln. Genau genommen nach Hürth. Früher gab’s in diesem Stadtteil ziemlich viel Braunkohle. Kohle gibt’s da immer noch. Allerdings in anderer Form, für die Kandidaten einer beliebten Quizshow, die seit bald 18 Jahren erfolgreich im Privatfernsehen läuft. Zuschauerkarten hatten meine Begleitung und ich für das Prominenten-Special der von Günther Jauch moderierten Sendung. Wir fuhren von Köln-Zentrum aus mit der Straßenbahn zum Studio. Alle anderen kamen mit dem Auto. Warum, wurde uns erst nach der langen, einsamen Wanderung durch ein Hürther Gewerbegebiet klar. Das Studio – nahe eines Reifenhändlers und einer Kiesgrube – haben wir dann aber noch rechtzeitig erreicht. Glanz und Schein im Fernsehen verblassen eben schnell in der Realität. Auch von den trist-kargen Hallen, in denen die Besucher vor Sendungsbeginn warten und eine Portion Kartoffelsalat löffeln, bekommt der geneigte TV-Zuschauer nichts mit. Das mit dem Kartoffelsalat haben die besonders intelligenten und erfahrenen Studiobesucher gemacht. Die wussten, dass so eine Aufzeichnung auch mal locker über vier Stunden lang dauert und die Pause gerade dazu reicht, um ins Gebäude nebenan aufs Klo zu hetzen. Um zwischendurch den gröbsten Hunger zu stillen, gab’s immerhin ein Hustenbonbon. Das hatten die Studio-Mitarbeiter eigentlich vorbeugend gegen Hustenreiz verteilt. Im Fernsehen waren wir übrigens nicht zu sehen – vermutlich, weil wir uns nicht genug Gedanken über ein auffälliges Outfit oder eine neue grelle Haarfarbe gemacht hatten. Die genauen Sitzplatzkarten werden nämlich erst vor Ort verteilt, nachdem drei bis vier Mitarbeiter jeden einzelnen der rund 200 Gäste kritisch beäugt haben. Den Attraktivitäts-Privat-TV-Optik-Check haben wir nicht bestanden. Wir saßen ganz am Rand, außerhalb der Kamerareichweite. Spaß gemacht hat der Ausflug trotzdem. Vor allem wegen der Dinge, die es nicht auf den TV-Bildschirm geschafft haben. Zum Beispiel den zwei Fragen, die wieder gestrichen und durch neue ersetzt wurden. Einmal war das Publikum Schuld. Trotz mehrfacher Hinweise vor Sendungsbeginn, konnten wir uns ein laut-entsetztes „Oooohhh“-Stöhnen nicht verkneifen, als der Kandidat die ganz offensichtlich falsche Antwort gab. Das galt als Vorsagen. Beim anderen Mal konnte der Kandidat der Regie glaubhaft versichern, dass die Frage missverständlich formuliert war. Im Fernsehen bekommt davon anschließend niemand etwas mit. Auch nicht vom Animateur, der vor Aufzeichnungsbeginn unsere Stimmung anheizen sollte – und dies mit eher zum fremdschämenden Reimen auf den Namen des Moderators tat. Kurz bevor er auch noch einen Stepp-Tanz hinlegen wollte, ging es zum Glück los. Viel Kohle gab es dann auch wieder in Hürth: Komikerin Anke Engelke hat 500.000 Euro erspielt. Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.