Ludwigshafen Gewaltiger Klang

Christiane Michel-Ostertun an der Orgel.
Christiane Michel-Ostertun an der Orgel.

Ein Stummfilmklassiker flimmert morgen, Mittwoch, 19 Uhr, im Mannheimer Technoseum über die Kinoleinwand: Friedrich Wilhelm Murnaus expressionistisches Meisterwerk „Faust – Eine deutsche Volkssage“. Das Besondere an dieser Aufführung, für die das Museum mit dem kommunalen Kino Cinema Quadrat kooperiert: Sie wird musikalisch live begleitet. Die Mannheimer Organistin und Chorleiterin Christiane Michel-Ostertun improvisiert auf der historischen Welte-Kinoorgel im Technoseum.

Zur Zeit, in der Murnaus Film gedreht wurde – unter anderem mit dem gebürtigen Ludwigshafener Wilhelm Dieterle –, verfügten viele größere Lichtspielhäuser über eine solche Kinoorgel. In den Pionierzeiten des Stummfilms wurden die Filme noch ganz bescheiden nur von einem Pianisten begleitet. In den Vereinigten Staaten wurden dann große Orgeln gebaut, um den Filmen einen voluminösen, quasi orchestralen Klang zu geben. Von den USA aus verbreiteten sich die Kinoorgeln auch in Europa in vielen Kinos, nicht nur großstädtischen. Mt dem Aufkommen des Tonfilms ging ihre Ära zu Ende. Nur wenige spielfähige Exemplare gibt es noch in Deutschland, eine davon im Mannheimer Technoseum. Ursprünglich stand die Orgel im schweizerischen St. Gallen und wurde 1982 gekauft, um gelegentlich bei Filmvorführungen eingesetzt zu werden. Gebaut wurden die Orgeln von eigens darauf spezialisierten Herstellern. Die Mannheimer Orgel stammt aus der Werkstatt der Firma Welte und Söhne, die auch das bekannte „Welte-Mignon-Reproduktions-Klavier“ gebaut hat. Die Kinoorgel unterscheidet sich von der klassischen Kirchenorgel in vielen Details. Weil die Orgeln oft mitten im Kinosaal standen, damit der Organist den Film auch sehen konnte, hatten sie weniger Platz als eine Kirchenorgel. Um trotzdem viele verschiedene Register abrufen zu können, wurden die Kinoorgeln im sogenannten Multiplexsystem gebaut. Dabei werden in einer Pfeifenreihe, die eigentlich ein Register darstellt, durch die unterschiedliche elektropneumatische Ansteuerung der Ventile verschiedene Oktaven oder „Zusatzregister“ erzeugt. De facto unterscheiden sich diese Register in der Klangfarbe kaum. Der Klang wird auch dünner, wenn beim Akkordspiel die Register alle auf einer Pfeifenreihe liegen, aber für das Kino reicht das aus. Das Besondere an einer Kinoorgel sind vor allem die Effektregister, wobei es die tonalen Effektregister wie Xylofon und Glockenspiel und Schlagwerkregister wie Trommeln, Gong und Schlittenglocken gibt. Dazu kommen die besonderen Effektregister für Alltags- und Naturgeräusche: Donnergrollen, Telefonklingeln, Hupen. Repetierende Register können den angeschlagenen Klang wiederholen. Dem Spieler stehen also eine Menge Klangmöglichkeiten zur Verfügung, den Film suggestiv zu untermalen. Das Spiel auf einer Kinoorgel ist nicht einfach. Der Organist muss sich damit intensiv beschäftigen. Wer die Kinoorgel bedient, muss aber nicht nur das Instrument beherrschen, sondern auch gut zu den jeweiligen Filmszenen improvisieren können. Christiane Michel-Ostertun ist Professorin für Improvisation an der Musikhochschule Herford und kann das. Bei der Aufführung muss sie immer exakt auf die Filmhandlung reagieren. Zweimal hat sie sich den ganzen Film angeschaut und unzählige Male einzelne Szenen, erzählt sie im Gespräch. Nur so ist sie in der Lage, sich Themen und Motive sowie deren Weiterführungen zu überlegen, passende Szenenabschlüsse und -anschlüsse zu finden und auch die Effekte richtig einzusetzen. Ein sehr anspruchsvolles, höchste Konzentration forderndes Unterfangen, weswegen man eine Kinoorgel im Einsatz heute nur noch selten hört. Termin Stummfilm „Faust“ mit Orgelbegleitung, morgen, Mittwoch, 19 Uhr, Technoseum Mannheim. Alexander Diglen, Kurator am Technoseum, führt in den Film ein.

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