Ludwigshafen Geschichten aus dem Nähkästchen

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Pilz statt Ei

Den Aufruf in der Rubrik „Gibt es das noch?“ im Marktplatz LU vom 11. November hat Ada Ludwig gelesen. Die 74-Jährige aus Mitte hat das Stopfei sofort erkannt, da sie selbst Löcher in der Kleidung eher ausbessert, statt die Stücke wegzuwerfen. Sie besitzt zwei Rarität: Stopfpilze aus Holz. Einen filigranen nutzt sie speziell für Handschuhe und den großen für alles andere. Mit ihren Schätzen in der Tasche hat sie der Redaktion einen Besuch abgestattet. Die beiden Gegenstände hat sie einst von ihrer Großmutter bekommen. „Sie sind ungefähr 100 Jahre alt“, erzählt die Rentnerin. Trotzdem sind die hölzernen Hilfsmittel noch gut erhalten. Lediglich den Griff des größeren Stopfpilzes hat ihr Mann repariert. „Er hat den Griff ausgetauscht, damit er nicht mehr wackelt“, sagt Ludwig. Als ihre Kinder noch klein waren, habe sie sich zum Nähen oft in den Garten gesetzt. Inzwischen muss sie nicht mehr so häufig Löcher stopfen. Doch wenn sie Kleidung repariert, kommen die guten Stücke weiterhin zum Einsatz. „Sie sind sehr nützlich, praktisch und eine Erinnerung“, sagt Ludwig. „Da steckt alles drin.“ (pua) Restauriertes Ei Von ihrer Mutter übernommen hat Gerda Hanf aus Friesenheim das Stopfei. „Mein Sohn hat es in der Zeit seiner Malerlehre restauriert und blau angestrichen“, erzählt Hanf. Auch heute benutze sie es immer mal wieder, wenn sie ein Loch in ihren selbst gestrickten Socken entdecke, sagt sie. (flor) Spielzeug nach dem Krieg Als Zwillingskind wurde Wilfried Noe 1942 in der Südpfalz geboren. 1944 wurde er mit Schwester, Mutter und deren Eltern nach Unterfranken evakuiert, da die Westfront näher rückte. Erst Monate nach Kriegsende konnte er mit der Familie in die mittlerweile von französischen Besatzern geplünderte Dienstwohnung des Großvaters zurückkehren. „Meine Schwester hatte einen Lumpenpuppe, ich hatte nichts“, erinnert sich Noe. „Wir spielten mit Kiefernzapfen, Holzspänen und wenn wir durften mit Omas Stopfei“, sagt Noe. „Das Eiern des Stopfeis faszinierte uns immer wieder, weil ja auch die Laufrichtung nicht voraussehbar war.“ Da allerdings Strümpfestopfen in der Zeit immer ein Thema gewesen sei, war die Spielzeit hauptsächlich im Winter limitiert, was sie als Kinder nie hätten verstehen können, erklärt Noe, der heute in Edigheim lebt. „Es dauerte noch gute zwei Jahre, bis meine Schwester eine richtige Puppe bekam und ich eine kleine Eisenbahn“, sagt Noe. (flor) Spielen und Stopfen Sofort das Stopfei erkannt hat Inge Mayer aus dem Stadtteil Süd. Die 78-Jährige besitzt selbst zwei Stopfeier und verbindet mit dem Utensil viele Erinnerungen an ihre Kindheit. Nach dem Krieg habe sie häufig damit für ihre zwei Geschwister und Eltern Strümpfe gestopft. „Vom Spielen rein und Strümpfe stopfen, so war das“, sagt Mayer. Schließlich sei kein Geld für neue Strümpfe dagewesen. „Die Mitarbeit der Kinder in den Familien war damals gang und gäbe und hat uns auch nicht geschadet. Wir haben auch Kleider selbst genäht.“ Mayer bedauert, dass heute kaum noch jemand Löcher in Kleidungsstücken stopft. „Viele werden gar nicht mehr wissen wie das geht, da es in der Schule oder im Elternhaus nicht gelehrt wird.“ Dabei fänden das Kinder durchaus spannend. Erst kürzlich habe sie der Enkelin eine Strumpfhose am Knie geflickt. „Sie wollte unbedingt sehen, wie das geht.“ Auch ihrem Mann stopft Mayer nach wie vor Socken. „Obwohl viele vom Material inzwischen so schlecht sind, dass es kaum mehr möglich ist.“ Eine Besonderheit hat das Stopfei, das sie von ihrer Mutter geerbt hat. Es hat eine Metallspitze. „Man hat da mit der Schere draufgeklopft, dass das Gewebe nach dem Stopfen schön flach ist“, sagt Mayer. (flor) Erfinder Adenauer Im Nähkästchen von Bernhard Gabauer aus Mundenheim fristen noch zwei Stopfeier und ein Stopfei mit einer darauf aufgedruckten Reklame für Wolle ihr Dasein. „Meine Mutter und vor allem meine Oma hat damit noch gestopft“, sagt Gabauer. Schließlich hatte die Oma häufig auch die Socken und Strümpfe gestrickt. Er selbst und seine Frau stopfen heute allerdings nicht mehr. „Keine Seltenheit“, vermutet Gabauer. „Heute wird das Loch samt Socken weggeworfen“, sagt er mit einem Schmunzeln und erinnert außerdem an eine Erfindung des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauers, die sich allerdings nie durchgesetzt hat: Das von innen beleuchtete Stopfei. (flor) Edel lackiert Von ihrer Mutter geerbt hat Gabriele Pagel ihr Stopfei. „Es ist rund 35 Jahre alt, aus Holz, hat eine edle Lackierung und ist nicht kaputt zu bekommen“, sagt Pagel, die in Ruchheim lebt. Man sehe ihm überhaupt nicht an, dass es benutzt wird. Dabei stopft die 66-Jährige noch regelmäßig. „Hauptsächlich Sachen aus Wolle, Socken oder mal einen Pullover“, sagt die gebürtige Freudenstadterin, die seit 25 Jahren in der Pfalz lebt. „Ich habe das Stopfen in der Schule gelernt.“ (flor) Sammelleidenschaft Ganze neun Stopfeier nennt Margit Kalsch, die im Hemshof lebt, ihr eigen. Acht davon liegen in einer Dekoschale im Flur. „Ich hab sie mit der Zeit gesammelt, weil sie so schön aussehen. Vor allem auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen“, sagt Kalsch. Schließlich haben die Eier zum Teil schöne Maserungen. „Ich mag generell Holzsachen“, sagt die 61-Jährige, die selbst schon lange nicht mehr stopft. „Als Kind hab ich das aber noch gemacht, meine Mutter hat mir das beigebracht, weil das Stopfen in den 1950er-, 1960er-Jahren ja so üblich war.“ (flor) Horrorfach Handarbeit Zufällig stieß Anne Schulmerig aus der Gartenstadt kurz vor dem Aufruf im Marktplatz LU in einem Nähkästchen ihrer Schwiegermutter auf ein Stopfei. „Ich hatte nach Häkelnadeln gesucht, wollte das mal wieder ausprobieren“, sagt die 62-Jährige, die in einem Bauernhof aufgewachsen ist. „Damals wurde im Winter viel gestopft, wenn draußen nicht gearbeitet werden konnte.“ Sie selbst habe allerdings Handarbeit in der Schule als Horror erlebt. „Montagmorgens die erste Stunde – das ist Schuld daran, dass ich heut noch den Montag kaum leiden kann“, sagt Schulmerig. Jetzt allerdings will es die Gartenstadterin noch mal wissen und hat sich sogar zu einem Nähkurs angemeldet. (flor) Erinnerung an Oma Selten nimmt Edeltraut Aprill aus Oggersheim ihr Stopfei zur Hand, das ihr von der Mutter oder Oma überlassen wurde, genau ist das Aprill nicht mehr in Erinnerung. „Meine Oma hatte mir das Stopfen richtig gut beigebracht“, sagt Aprill. Kürzlich habe sie sich an einem Pullover versucht. „Aber ich krieg das einfach nicht so gut hin wie sie.“ (flor) Schöpflöffel ohne Stil „Ich hab das alte Stopfei meiner Mutter aufgehoben und benutze es auch noch ab und zu“, sagt Christine Jellinek aus Oggersheim. Wenn mal wirklich etwas zu stopfen sei, sei es sehr praktisch. „Mein Mann meinte, seine Mutter hätte dazu einen Schöpflöffel genommen, aber ein Stopfei hat wesentlich mehr Stil und ist immer bei den Nähsachen.“ (flor) Die Serie In dieser Serie suchen wir nach Alltagsgegenständen, die ihre Funktion weitgehend eingebüßt haben. Wir fragen Sie, liebe Leser, gibt es das noch? Mithilfe Ihrer Erinnerungen erzählen wir die Geschichten hinter den Dingen. Haben Sie einen besonderen Gegenstand zu Hause, den wir vorstellen könnten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an stadtteilelud@rheinpfalz.de. Der nächste Aufruf erscheint am 9. Dezember.

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