Ludwigshafen Geheimtipp mit Potenzial

Michelle Cheung und Michael Bronczkowski in dem Tanzstück „4Less“ von Catherine Guerin, das beim Festival gezeigt wird.
Michelle Cheung und Michael Bronczkowski in dem Tanzstück »4Less« von Catherine Guerin, das beim Festival gezeigt wird.

Noch mag das Festival „Freier Tanz im Delta“ ein Geheimtipp sein. Doch in der freien Szene brodelt es mächtig. Im Mannheimer Felina-Areal ist ein Kreativort entstanden, der Tänzer und Choreographen anzieht. Von dem vorhandenen Potenzial können sich die Zuschauer an den kommenden zwei Wochenenden selbst überzeugen: Im Felina gibt es 32 Stücke, bei denen man bekannte Gesichter aus der früheren Kevin O’Day-Kompanie sehen und Überraschungen erleben kann.

Während sich viele an Himmelfahrt feiertagsentspannt zurücklehnten, schwitzten andere im Tanzstudio: Die wenigen Probenräume in Mannheim waren von 10 Uhr morgens bis 22 Uhr abends belegt, weil an den Stücken für das Festival im Felina-Areal gefeilt wurde. Zwei Drittel der Werke sind Premieren, viele der Choreographen schöpfen aus dem zeitgenössischen Tanz, andere wurzeln im gesellschaftskritischen Tanztheater wie Christina Liakopoyloy oder der Straßentheaterszene wie Janna Schimka. Sogar Streetdance vom Locking-Weltmeister David Kwiek ist im Programm und eine Stepptanznummer zu Kontrabass von Michael Bronczkowski. Einen Schwerpunkt hat der künstlerische Leiter Sascha Koal an keinem der sechs Abende gesetzt, sondern auf den Mix geachtet. „Abwechslungsreich wird es“, verspricht Koal. „Und bei einigen Sachen, weiß ich selbst nicht, was ich da bekomme. Aber ich vertraue den Leuten. Es geht ja nicht um meinen Geschmack. Ich gehe da sehr spielerisch heran.“ Das Schöne an der Tanzszene im Rhein-Neckar-Dreieck ist die Vielfalt und das hohe Niveau. Nur Underground-Experimente sucht man vergeblich. „Das kann ja noch kommen, aber das kann man nicht steuern“, meint Koal. Er hat in den vergangenen Jahren gezielt eine Szene aufgebaut und deshalb das Felina-Theater mit Tanzboden und Scheinwerfern ausgerüstet. Dort hat seit sechs Jahren Éric Trottier mit seinem Kollektiv einen Platz zum Wirken gefunden und mit seinen anspruchsvollen Arbeiten weitere Tänzer angezogen – wie Tobias Weikamp aus Köln. Das Festival bietet seit sieben Jahren „eine Art Marktplatz“, so Koal, auf dem Kontakte zu Künstlerkollegen geknüpft werden können. Allmählich stellt sich dazu ein neugieriges Publikum ein, das nach dem Ende der Kevin O’Day-Kompanie hier zudem die Gelegenheit hat, geschätzte Tänzer wieder auf der Bühne zu erleben oder ihre Choreographien zu sehen: Brian McNeal, Nadège Cotta, Veronika Kornová-Cardizzaro, Tyrel Larson und natürlich Michelle Cheung und Julie Pécard, die sich schon länger der freien Szene zugewandt haben. Die ehemalige Tanzintendantin am Nationaltheater Dominique Dumais steuert ebenso ein Werk bei wie Stefano Giannetti, bis 2015 Tanzchef am Kaiserslauterer Pfalztheater. Daneben dürfen auch Studenten von Dance Professional ihre Arbeiten zeigen, weil Sascha Koal das 2012 gegründete Berufskolleg unterstützen will. „Die Schule ist auf einem richtigen Weg“, meint Koal. „Da muss man so etwas mal wagen.“ Der ehemalige Absolvent Kirill Berezovski habe sich sehr gut etabliert, sei permanent gebucht und wird als einziger ein Stück mit fünf Leuten auf die Bühne bringen. Ein neuer Schwung an freien Tanzschaffenden tummelt sich derzeit in der Metropolregion. Doch nur wenn sie genügend Projektgelder erhalten und Räume finden, werden sie weiter hier kreativ arbeiten können. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn die Stadt Mannheim hat die Bedeutung der darstellenden Künste erkannt und setzt auf den Ausbau. „In einer internationalen Stadt wie Mannheim ist Tanz eine großartige Sprache, die viele Leute mitreißt“, sagt Nicole Libnau vom Kulturamt. „Viele Tänzer stammen selbst aus anderen Ländern und haben erlebt, wie es ist, woanders gelandet zu sein.“ Die Kulturförderung soll bis 2018 anwachsen von 320.000 Euro (im Jahr 2009) bis auf 605.000 Euro. Mehr als die Hälfte der Tanzproduktionen werden laut Libnau von der Projektförderung unterstützt. Das zieht auch Kreative aus der Region an. „In Mannheim schlägt das Herz der Szene“, sagt Libnau. Finanziert werden die nun beim „Freien Tanz im Delta“ gezeigten Produktionen aus Sascha Koals Festivalbudget mit 6000 Euro von der Stadt und 7000 Euro vom Land. Das ist nicht viel, jeder Tänzer und Choreograph erhält lediglich 250 Euro pauschal, dazu gibt es Fahrtkosten, Probenräume und Technik. Was am Ende fehlt will Koal aus seinem Jahresetat von 100.000 Euro ausgleichen. Dennoch will Koal die Tanzregion weiter unterstützen. Über Bekanntschaften in der Branche reisen Kulturschaffende inzwischen aus Genua, Porto oder San Francisco an. „Das hat den Nebeneffekt, dass man von außen mehr wahrgenommen wird.“ Dass die Szene sichtbarer gemacht werden muss, meint auch Libnau vom Kulturamt. Ein Flyer soll beispielsweise bündeln, an welchen Häusern überall Tanz und Performances gezeigt werden. Neu hinzukommt im September das Eintanzhaus in der Trinitaskirche. Mit dem Konzept von Éric Trottier und Daria Holme geht der Traum von einer großen Bühne für die freie Tanzszene endlich in Erfüllung. Termine Festival „Freier Tanz im Delta“ im Theater Felina-Areal in Mannheim, Holzbauerstraße 6-8. Tanzabende heute um 19 Uhr, Samstag, 3. Juni, 19 Uhr; Sonntag, 4. Juni, 18 Uhr; Freitag, 9. Juni, 19 Uhr; Samstag, 10. Juni, 19 Uhr; Sonntag, 11. Juni, 18 Uhr. Infos im Netz: www.theater-felina-areal.de.

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