Ludwigshafen Gegen den Uhrzeigersinn
Vor über 20 Jahren überwucherten Brombeerhecken die Sitzbänke rund um die Radrennbahn. Die Fahrfläche aus großen, aneinandergereihten Betonplatten schien marode. Ein trostloser Zustand. Still und hoffnungslos lag die Bahn an der Weiherstraße, an der „Chaussee“ nach Oppau, wie sie von alten Friesenheimern genannt wurde. Viele von ihnen bekommen heute noch große Augen, wenn sie von den Glanzzeiten der Rennbahn reden. Von den End-Fünfzigern, als Rudi und Willi Altig, die „Ochsen“ aus Mannheim, tausende Zuschauer anlockten und Zusatztribünen aufgestellt werden mussten. Oder von zig Länderkämpfen gegen die großen Rad-Nationen Europas. Der letzte fand 1979 gegen Russland und die DDR statt. Was waren das für Zeiten, als die Klänge des Sechstagewalzers und der dumpfe Ton der Glocke, die die Wertungsrunden einläutete, an Sonntagen über die Bande in den Stadtteil waberten und die Freude groß war. Heute rufen Anwohner wegen Lärmbelästigung die Polizei an oder verteilen Politessen Knöllchen an Falschparker. Ja, es ist wieder was los auf der Radrennbahn. „Nächster Renntag: 03.07.“ steht verheißungsvoll draußen am Zaun. Immerhin ein zarter Hinweis darauf, dass mit der „Six-Days-Night“ und den „Silbernen Eulen“ wieder Leben in der Bude ist, die heutzutage nur noch wenige kennen. Die Jungen schon gar nicht. Wer wirklich wissen will, was sich hinter dem geheimnisvollen Zaun versteckt, hilft sich am schnellsten mit dem Anschauen eines Satellitenbilds. Er sieht ein Oval auf Beton, dass exakt 333,3 Meter lang ist. Viel mehr aber auch nicht. Die Radrennbahn passte irgendwie zur damaligen Radfahrerstadt Ludwigshafen. Wer gerne von Tradition redet, tut’s hier am liebsten. Allen voran die Idealisten und Enthusiasten, die auch das Heft wieder in die Hand genommen haben – Vereinsmitglieder des RSC Ludwigshafen, der aus dem RC 1899 Friesenheim hervorgegangen ist. Die Radrennbahn, die im Mai 63 Jahre alt wird und wirklich in die Jahre gekommen ist, gehört dem Verein, ebenso Haus und Hof. Nur das Gelände ist im Besitz der Stadt. Das Erbbaurecht wird unproblematisch fortgeschrieben. Es muss beispielsweise, wenn Anträge für Baumaßnahmen gestellt werden, noch 20 Jahre währen. Die Friesenheimer Piste ist eine von 46 Radrennbahnen in Deutschland. Es gibt also nicht wirklich viele Sportstätten dieser Art, was auch nicht verwundert. Eine Radrennbahn ist, anders als eine Turnhalle oder ein Fußballfeld, nur für Radrennfahrer und für den Sport zu nutzen, und auch nur für Räder gedacht, die keine Bremsen und kein Licht haben, keinen Gepäckträger und keine Gangschaltung. Nicht einmal einen Leerlauf. 28 der 46 Bahnen liegen unter freiem Himmel und sind damit nur eingeschränkt zu befahren. Denn wenn es regnet, geht auf nassem Beton in den sogenannten überhöhten, also schräg gebauten Kurven nichts. Die Fliehkräfte sind bei hoher Geschwindigkeit enorm, die Rutschgefahr erheblich. Außerdem nagt am Beton der Zahn der Zeit, und Talente, die in diesen schönen Sport streben könnten, sind in großer Anzahl nicht in Sicht. Dennoch sagt Dieter Schneider, einer von vier Vorständen des RSC, zur Zukunft der Radrennbahn: „Wir machen weiter!“ Der Satz steht wie eine Eins. „Sportstätten soll man, solange es geht, dort erhalten, wo sie sind.“ Ein Neubau, etwa in einer Halle, macht keinen Sinn. Die Frage, ob er sich auch Häuser oder Wohnungen auf dem Areal vorstellen könnte, beantwortet Schneider mit einem klaren „Nein“. Gefahren wird gegen den Uhrzeigersinn. Es gibt keine Ampel und keine Kreuzung. Insofern erfährt die Radrennbahn als Trainingsstätte mehr und mehr Beliebtheit. Die Triathleten des Ludwigshafener Schwimmvereins oder der TSG Maxdorf üben das Radfahren und das Wechseln auf die Laufstrecke, und natürlich keimt auch beim RSC immer wieder die Hoffnung, doch noch einmal mit Sportlern groß herauszukommen. Am Sonntag vor einer Woche hatte der RSC mal wieder einen Schnuppertag angeboten. Übrigens, eine der ersten Weltmeisterinnen bei den Frauen auf der Straße ist eine Friesenheimerin: Ute Enzenauer. Sie gewann 1981 den Titel in Prag mit 16 Jahren. Eine Sensation damals. Sie wagte die ersten Tritte auf dieser Bahn, die einst ein Prunkstück war. Berthold Enger (74) aus Ebringen, der Sieger des einzigen Sechstagerennens auf der Friesenheimer Piste, das 1966 stattfand, sagt noch heute: „Es war die bekannteste Bahn in Deutschland, und eine der besten und interessantesten.“ Die Serie Einmal wöchentlich haben wir in dieser Serie am Rad gedreht. In sieben Folgen haben wir mit verschiedenen Akteuren ein Thema, beleuchtet, das bewegt: Radfahren in Ludwigshafen.