Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Gegen das Vergessen: Liederabend „Als wäre es gestern gewesen“ am Nationaltheater

Antoinette Ullrich, Regisseurin Ayşe Güvendiren, Leonard Burkhardt, Larissa Voulgarelis und Multiinstrumentalist Torsten Knoll (
Antoinette Ullrich, Regisseurin Ayşe Güvendiren, Leonard Burkhardt, Larissa Voulgarelis und Multiinstrumentalist Torsten Knoll (von links) haben großen Wert auf die korrekte Aussprache bei ihren Liedvorträgen gelegt.

In der mit Informationen übersättigten Mediengesellschaft geraten Tagesnachrichten oft schnell wieder in Vergessenheit. Wer erinnert sich schon noch an die zahlreichen Anschläge auf Asylbewerberheime, an die Opfer und die Hinterbliebenen? Die Regisseurin Ayşe Güvendiren möchte dem entgegenwirken und gleichzeitig der Opfer gedenken. „Als wäre es gestern gewesen“ heißt ihr Liederabend am Mannheimer Nationaltheater.

Ayşe Güvendiren war schon einmal zu Gast im Nationaltheater. Angelehnt an Jonathan Frakes Fernsehsendung „X-Faktor: Das Unfassbare“, ein Ratespiel über Wirklichkeit und Fiktion paranormaler Phänomene, hat sie ihr Stück „R-Faktor: Das Unfassbare“ über alltägliche rassistische Vorkommnisse konzipiert. Anders als in der amerikanischen Serie, in der es zu entscheiden galt, ob die vorgestellte Erscheinung wahr oder erfunden ist, beruhten alle ihre Fälle auf Tatsachen – wenn auch vielleicht auf unglaublichen Tatsachen. Mit ihrer Abschlussarbeit an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule gab die junge Regisseurin außer in Mannheim Gastspiele in Hamburg, Hannover, an den Münchner Kammerspielen und in anderen Städten.

„Als wäre es gestern gewesen“ hat wiederum Rassismus zum Thema, denn auch nach den eigenen Erfahrungen der in Deutschland aufgewachsenen Tochter eines kurdischen Vaters und einer türkischen Mutter ist dieser alltäglich. Bei der Konzeption hat sie sich gefragt, wie eine würdevolle Erinnerung an Opfer rassistischer Gewalt aussehen sollte und ist auf die ausgefallene Idee gekommen, Angehörige nach Liedern zu fragen, die den Toten viel bedeutet haben. Auf diese Weise, so hofft sie, werde nicht nur das Andenken bewahrt, sondern zugleich den Hinterbliebenen Trost bei der Bewältigung ihrer Trauer gespendet. Ihr Liederabend wird also nicht tränenreich und rührselig ausfallen, im Gegenteil soll er eher Lebensfreude ausstrahlen.

15 Lieder in sechs Sprachen

Mit einigen Verwandten der Toten ist die in Wien geborene und in München aufgewachsene Ayşe Güvendiren durch ihre Theaterarbeit in Kontakt gekommen. Weitere sind hinzugekommen, als sich ihr Vorhaben herumgesprochen hat. Aus 15 Liedern in sechs Sprachen besteht „Als wäre es gestern gewesen“: Englisch, Türkisch, Griechisch, Jiddisch, Vietnamesisch und Wolof, das im Senegal gesprochen wird. Da ist die Eigenkomposition „Nothing“ von Sammy Baker, der ausgerechnet an seinem Geburtstag auf einem Ausflug nach Amsterdam bei einem Übergriff der dortigen Polizei ums Leben kam, zählt die Regisseurin auf. Sımıya Şimşek, die Tochter des durch den selbst ernannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) ermordeten Enver Şimşek, hat sich im Gedenken an ihren Vater „Sağim Yalan Solum Yalan“ (Umgeben von Lügen) der türkischen Volksliedsängerin Zara gewünscht. Dass die NSU ihre sich über Jahre hinziehenden Attentate auf Ausländer gleichsam unter den Augen des Verfassungsschutzes ausüben und fortsetzen konnten, auch die Vertuschung dieser Verwicklung durch Aktenvernichtung und Indizienmanipulation wird nicht thematisiert, aber eine deutsche Übersetzung wird während der Liedvorträge eingeblendet.

An die vor zwei Jahren gestorbene Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano erinnert, auf Wunsch ihres Sohnes Joram, „Mir leben ejbig“ von Lejb Rosenthal. Und zwei Vietnamesen, die 1980 bei einem Anschlag auf ein Flüchtlingsheim in Hamburg ihr Leben verloren haben, ist Phuong Vys Lied „Sài Gòn Dҿp Lӑm“ (Saigon ist so schön) gewidmet. Ein anderes Lied stammt von der in der Türkei sehr beliebten Sängerin Sezen Aksu, die vor ein paar Jahren durch die Gastspiele des Theaters Bielefeld mit „Istanbul“ im Ludwigshafener Theater im Pfalzbau und am Mannheimer Nationaltheater, auch einem deutschen Publikum bekannter geworden ist. Das Lied in Wolof stammt von dem senegalesischen Sänger, Komponisten und Politiker Youssou N’Dour.

Vietnamesische Lied als Herausforderung

Die ausführenden Schauspieler aus dem Ensemble des Nationaltheaters, Antoinette Ullrich und Larissa Voulgarelis, Leonard Burkhardt und der Multiinstrumentalist Torsten Knoll, haben gemeinsam mit der Regisseurin großen Wert auf die korrekte Aussprache bei ihren Liedvorträgen gelegt. Für das Jiddische haben sie den Kantor der jüdischen Gemeinde in Mannheim hinzugezogen. Die übrigen Berater, allesamt Muttersprachler, wurden ihnen vom Interkulturellen Zentrum vermittelt. „Am schwierigsten war das vietnamesische Lied, weil es keinen assoziativen Anhalt in der Sprache gibt“, sagt Leonard Burkhardt, Absolvent der August-Everding-Schule in Mannheim und seit April 2021 Mitglied des Mannheimer Schauspielensembles. Vier Stunden habe ihre vietnamesische Beraterin mit ihnen geübt.

Die näheren Umstände des Todes durch rassistische Gewalt stehen bei den kleinen Porträts der Toten weniger im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, anhand von Video- oder Audio-Aufnahmen, mit dem Verlesen von Briefen oder Zitaten das Leben der Toten in Erinnerung zu rufen und sich so dem anzunähern, was sie ausgemacht hat.

Termin

„Als wäre es gestern gewesen“ hat Premiere am Samstag, 2. Dezember, um 20 Uhr im Studio Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters. Weitere Vorstellungen am 10. und 29. Dezember jeweils um 20 Uhr.

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