Mannheim
Gegen alle Erwartungen: Die ungewöhnlichen Kunstprojekte des Vereins Industrietempel
„Oh, schwierig, dieser Raum ist eigentlich nicht für Kunst vorgesehen.“ Das ist ein Satz, den Thomas Reutter und seine Mitstreiter schon oft gehört haben. Man könnte meinen, er sei entmutigend, eine Aufforderung zum Aufgeben gar. Aber im Gegenteil: Wenn sie diesen Satz hören, wird die Neugierde nur noch größer. „Lassen Sie uns mal machen“, sagen sie ihrem Gegenüber dann, „wir sind spezialisiert auf Räume, die nicht dafür vorgesehen sind.“ Manchmal klappt es dann trotzdem nicht, aus Sicherheits- oder anderen Gründen. Oft aber doch. Und seit über 30 Jahren immer wieder. Räume zu bespielen, die nicht dafür vorgesehen sind, und zwar mit Kunstaktionen, die niemand erwarten würde – das ist im Prinzip das, was der Verein Industrietempel seit 1989 macht. „Wenn es dunkel ist und voller Dreck und Staub“, sagt Reutter, „dann wird es aufregend.“
Seit über 30 Jahren sucht der heute 53-Jährige mit großer Begeisterung im Hafengebiet, unter Brücken, in Bunkern und Müllheizkraftwerken nach neuen Räumen für die Kunst. Die Geschichte des Industrietempels beginnt aber nicht in Mannheim, sondern in Amsterdam, wo Reutter von 1987 bis 1989 seinen Zivildienst absolvierte und die Tänzerin und Choreographin Beate Düvel aus Karlsruhe kennenlernte. Gemeinsam besuchten sie Performances in leerstehenden Gebäuden, sahen auf Mauern projizierte Videoaufnahmen – Mauern, die dem Abriss geweiht waren.
Kein gewöhnlicher Verein
Zurück in Mannheim gründeten die beiden mit ein paar weiteren Freunden und mit Reutters Eltern den Verein Industrietempel. Wobei das Wort „Verein“ nicht in die Irre führen sollte. Reutter ist der Vorsitzende, aber bei der Frage nach der Mitgliederzahl muss er schmunzeln. „Bei uns geht es nicht um Mitgliederlisten oder Mitgliedsbeiträge“, sagt er. „Jeder, der sagt, er macht mit, ist dabei. Bei jedem Projekt sind einfach ein paar Leute hängengeblieben.“
Vom Tanz bis zur Turmmaschine
Und von diesen Projekten gab es viele im Lauf der Jahre. Angefangen am 30. September 1989 beim „Tanz in den Strebelwerken bei Einbruch der Nacht“ im leeren Heizkesselwerk auf der Friesenheimer Insel und aufgehört bei der lebenden Installation „Die Turmmaschine“ am 1. November im – dem Abriss geweihten – Turm der Kirche St. Peter in der Mannheimer Schwetzingerstadt. Vorerst aufgehört, versteht sich. Dazwischen waren unzählige Projekte überall in der Stadt, immer wieder auch über die Stadtgrenzen hinaus, manchmal in Frankfurt, oft auch in Ludwigshafen. Erinnert sei zum Beispiel an Samuel Fleiners „Konzert für Abrißbirne und sibirische Maultrommel“ 1994 im Innenhof der Walzmühle, die Performance „Esperar“ 2000 im Hochbunker in der Valentin-Bauer-Straße oder die Performance „Der magische Jahrmarkt“ 2002 im Ebertpark. Thomas Reutter selbst bespielte 2017/2018 mit alternativen Führungen und Videoinstallationen unter dem Titel „Die Apologeten des Wachstums“ das Müllheizkraftwerk in der Bürgermeister-Grünzweig-Straße.
Spaß als einzige Motivation
In den 31 Jahren seit der Gründung des Künstlerkollektivs habe es immer wieder Überlegungen gegeben, den Industrietempel zu professionalisieren, sagt Reutter, der hauptberuflich als stellvertretender Leiter der SWR-Doku-Redaktion „betrifft“ arbeitet. Diese Überlegungen seien immer schnell verworfen worden. „Das Tolle an dem Verein ist, dass wir nie gezwungen waren, damit Geld zu verdienen. Sobald einer Geld verdienen will, ist die Idee tot.“ So lange es Spaß macht, soll es weitergehen: mit Theateraufführungen, Performances und Ausstellungen in Klärwerken und Regenrückhaltebecken. So lange werden Sound und Licht in Betonbauten inszeniert, ertönt sakrale Musik in ganz weltlichen Anlagen, sieht man ein Video-Triptychon im Waschsalon.
Inzwischen sind drei Generationen der Familie Reutter beim Industrietempel aktiv. Thomas Reutters Sohn Leander und seine Freunde gehen inzwischen selbst auf die Suche nach Orten, die diesen besonderen industrieromantischen Charme versprühen, und nennen die bespielten Locations „lost places“. Seinen Vater Gerd, einen renommierten Bildhauer, möchte der Verein zum 90. Geburtstag im Juli 2021 mit einer Ausstellung im Foyer des Herschelbades würdigen.
Auch so etwas wie einen Beitrag zum Weltfrieden hat der Industrietempel geplant. „Da überall Gräben entstehen und das Trennende betont wird“, sagt Reutter, „haben wir uns gedacht: Wir brauchen mehr Brücken.“ Als Symbol der Verbindung zwischen den Menschen soll die Mannheimer Kurpfalzbrücke, so die Idee, golden angestrichen werden. Wahrscheinlich wird bis zur Realisierung aber noch einige Male der Satz fallen: „Oh, schwierig, das ist eigentlich nicht für Kunst vorgesehen.“