Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Galerie Zimmermann: Zwei Beobachter der Natur

„Tulpe“ heißt diese Arbeit von Steffen Diemer aus dem Jahr 2020, die im Nassplatten-Kollodium-Verfahren entstanden ist.
»Tulpe« heißt diese Arbeit von Steffen Diemer aus dem Jahr 2020, die im Nassplatten-Kollodium-Verfahren entstanden ist.

„Im Frühling, die neue Blüte“ ist nicht nur ein schöner Titel. Die Ausstellung von Hannah Schemel und Steffen Diemer in der Mannheimer Galerie Zimmermann ist eine Einladung in eine Stille, in der sich die Gedanken klären und die Seele in turbulenten Zeiten zur Ruhe kommt.

Peter Zimmermann ist mutig. Während die meisten Galeristen allenfalls für einen kleinen Kreis ihre Räume öffnen, hat in der Mannheimer Oststadt endlich wieder die Saison begonnen. Bei der Ausstellungseröffnung war es in der Leibnizstraße nicht nur voll, nein, es war rappelvoll. Als seien alle auf einmal wie befreit losgezogen, um Kunst zu gucken. Dass die Fotografen Hannah Schemel und Steffen Diemer sozusagen heimische Gewächse sind, mag ein Grund dafür gewesen sein. Der wichtigere andere liegt in der Qualität ihrer Arbeiten, die sie seit etwa drei Jahren gemeinsam ausstellen. Jetzt also bei Peter Zimmermann und zum ersten Mal in ihrem engeren Lebensumfeld.

Von den Krisenregionen der Welt zur Natur

Steffen Diemer, 1966 in Grünstadt geborener Pfälzer, hat jahrelang die Krisenregionen der Welt für Blätter wie den „Spiegel“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „National Geographic“ und den „Guardian“ bereist. Zwischen 1994 und 1998 lebte er überwiegend in Japan. Mit Mitte 40 vollzog er dann die 180-Grad-Volte. Aus dem Chronisten des Bösen in der Welt wurde der Beobachter der Natur, der bescheidenen Dinge, die er in ihrem Werden und Vergehen begleitet. Er hielt Mohnkapseln und Tulpen fest, das Messer der Großmutter, auf langen Spaziergängen gebrochene Zweige und zeigte Chrysanthemen beim Vergehen.

Diemers Nahblick weiß um die Vergänglichkeit alles Irdischen. Das macht seine Arbeit im Atelier aus. Schließlich nutzt er das aus den Kindertagen der Fotografie stammende Nassplatten-Kollodium-Verfahren. Für die so entstandenen Fotografien ist die Erkenntnis des Vergänglichen zwingend. Neben dem Rückgriff auf eine Technik aus dem 19. Jahrhundert und dem Beharren auf die klassische Schwarz-Weiß-Fotografie ist die tiefe Vertrautheit mit der Kultur des alten Japan prägend für das von äußerster Konsequenz geprägte Denken und Tun des Künstlers.

Das sind alles Eigenschaften, die es möglich machen, eine Arbeitsgemeinschaft mit der fast 30 Jahre jüngeren Hannah Schemel einzugehen. Die aus dem badischen Bühl stammende Fotografin hat an der Hochschule Mannheim Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie studiert und ziemlich schnell ihren Platz in der Fotoszene gefunden. Reisen nach Namibia, Frankreich und Italien haben ihr den Weg bereitet. 2020 erhielt Schemel den Förderpreis der Heinrich-Vetter-Stiftung für ihre mit einer analogen Großbildkamera vor Ort aufgenommenen und in einer Palladium-Mischtechnik zu Papier gebrachten Kunst der äußersten Verknappung.

Einzelner Zweig in subtilen Grautönen

In der Galerie Zimmermann stehen zwei dem Erlebnis Japan geschuldete Werkgruppen im Zentrum. Zum einen „umi“, das Meer, dessen unendliche Veränderungen Schemel immer wieder auf Reisen nach Quiberon in der Bretagne nachspürt, zum anderen „kigen“, der Ursprung. Der Begriff meint den heimatlichen Schwarzwald und die melacholisch-blassen, seltsam sanften Geschichten, die ihr dort die Bäume erzählen oder auch nur ein einzelner Zweig in subtilen Grautönen, kaum sichtbar.

In dem nach japanischen Traditionen zum Wohn-, Atelier- und Ausstellungshaus umgebauten alten Schulhaus in Enzklösterle im Schwarzwald wird, vom Sommer diesen Jahres an, Diemer-Schemels wie aus der Zeit gefallenes Denken seine materielle Entsprechung finden. Das alte Japan im Schwarzwald, was für eine wundervolle Vorstellung! Und es bedarf wohl eines solchen Schutzraumes, um diese in vorsprachlichen Bereichen siedelnde Kunst zu hüten. Diemer-Schemels den festgehaltenen Augenblick feiernden Bilder reden, indem sie schweigen. Ein Wagnis? Nicht doch. „Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist Repräsentant einer ganzen Ewigkeit“, lässt Eckermann Goethe sagen. Gut 200 Jahre ist das her. Und wo der Alte Recht hat, da hat er Recht.

Noch Fragen?

Die Ausstellung „Im Frühling, die neue Blüte“ in der Galerie Peter Zimmermann in Mannheim (Leibnizstraße 20) ist bis Samstag, 23. April, zu sehen.

Platin-Palladium-Mischtechnik: „Tanzaku“ stammt aus Hannah Schemels Reihe „umi“.
Platin-Palladium-Mischtechnik: »Tanzaku« stammt aus Hannah Schemels Reihe »umi«.
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