Ludwigshafen
Friedrich Burschell: Vom Kriegsfreiwilligen zum Regime-Gegner
Eine kleine Straße im äußersten Westen des Stadtteils Oggersheim mit dem Namen Friedrich-Burschell-Weg ist der einzige sichtbare Hinweis auf eine Ludwigshafener Persönlichkeit, die als Schriftsteller und Übersetzer, Journalist und Schiller-Biograf in Fachkreisen seit Jahrzehnten eine Berühmtheit ist: Friedrich Burschell, am 9. August 1889 in Ludwigshafen geboren und im Alter von 80 Jahren am 19. April 1970 in München gestorben.
Auf Vorschlag des PEN-Präsidenten Erich Kästner erhielt Burschell 1969 „für seine besonderen Verdienste um den deutsch-englischen Kulturaustausch und für seine Verdienste auf literarischem Gebiet durch Biografien und Übersetzungen“ das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Der Bezirksverband Pfalz zeichnete ihn mit dem Pfalzpreis für Literatur aus. Doch seine Heimatstadt Ludwigshafen verweigerte ihm – so ist es in der Chronik der Stadt nachzulesen – sowohl die Ehrenbürgerschaft als auch die Verleihung des Ehrenrings.
Freund von Ernst Bloch
Friedrich Burschell wurde 1889 als Sohn des Uhrmachermeisters Friedrich Wilhelm Burschell geboren und wuchs am Ludwigsplatz in der Innenstadt auf – wie sein späterer langjähriger Freund Ernst Bloch (1885-1977), den er kurioserweise erst um 1910 in Berlin kennenlernte. Noch eine Gemeinsamkeit der beiden Ludwigshafener: Sie besuchten jeweils das Humanistische Gymnasium und hatten von Jugend an eine kritische Haltung gegenüber ihrer von der Industrie geprägten Heimatstadt: Bloch beschrieb sie sarkastisch als „Fabrikschmutz, den man gezwungen hat, Stadt zu werden“. Burschell erinnerte sich später an den „bitteren Geruch der chemischen Fabriken, der vom Hemshof in die Innenstadt herüberwehte“.
Burschell wollte zunächst Schauspieler werden und studierte dieses Fach an der Theaterakademie in Düsseldorf. Doch nach einem Jahr wechselte er nach München und begann dort ein geisteswissenschaftliches Studium mit Schwerpunkt Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte. 1911 machte er im Umfeld der Universität Heidelberg die Bekanntschaft unter anderem des ihn wohl stark beeindruckenden Schriftstellers und Literaturkritikers Friedrich Sieburg (1893-1964) und trat ab 1912 mit erst 23 Jahren in dessen Fußstapfen: als freischaffender Schriftsteller und Mitarbeiter von Tageszeitungen.
Umsturz in München
Burschell, der sich auch mit dem Lyriker Rainer Maria Rilke (1875-1926) anfreundete, meldete sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 als Freiwilliger. In Nordfrankreich war er zeitweise als Ballonbeobachter im Einsatz – aber vom Krieg hatte er schnell genug. Bei Kriegsende 1918 wurde er in München militärischer Adjutant von Kurt Eisner, der als USPD-Politiker und Journalist gegen die Monarchie in München revoltierte und am 8. November 1918 erster Ministerpräsident Bayerns wurde. Er erklärte in dieser Funktion König Ludwig III. für abgesetzt und rief den „Freistaat Bayern“ aus – unterstützt von Burschell, der den Umsturz begrüßte. Eisner wurde am 19. Februar 1919 auf dem Weg ins Parlament von dem Adligen Anton Graf von Arco auf Valley (1897-1945) erschossen, der damit seine „nationale Gesinnung“ beweisen wolle.
Für Burschell war danach diese kurze Episode seiner politischen Laufbahn zu Ende. Er wurde Übersetzer zunächst bekannter französischer, dann auch englischer Autoren. In Berlin arbeitete er ab 1925 für die „Literarische Welt“, das „Berliner Tagblatt“ und die „Vossische Zeitung“, wurde 1925 Mitglied des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller, ein Jahr später des internationalen Autorenverbandes PEN. Er geriet deshalb ins Visier der Nationalsozialisten. 1933 begann Burschells Flucht über Frankreich, Spanien und die Tschechoslowakei nach Großbritannien, wo er bis 1949 beim deutschen Ableger der BBC arbeitete. 1954 kehrte er wieder nach Deutschland zurück. Bis zu seinem Tod 1970 lebte er in München, wo er auch begraben ist.