Ludwigshafen Friede in der Stadt
Ich liebe den Sommer, wenn er langsam müde wird, wie zurzeit. Es ist zwar heiß – aber wenigstens keine „Tropennächte“ mit 20 Grad plus. Wenn man die Wohnung verlässt, hat man auf der Kreuzung oder auf dem Platz die Chance auf Wind. Dann muss man die Innenstadtluft nicht mehr durchkauen beim Treppensteigen. Dann lässt es sich aushalten. Ich wohne duftmäßig zwischen BASF und Schokinag und akustisch zwischen Ludwigskirche und Lutherturm, zwischen katholischem und evangelischem Geläute. Wenn da samstags um 17 Uhr die Woche und um 18 Uhr der Tag ausgeläutet wird oder umgekehrt, dann wirkt das ein wenig trotzig über dem frühabendlichen Multikulti in den Ethno-Cafés und Shisha-Bars der Bismarckstraße und rund um den Lutherbrunnen, wo sich um diese Zeit die Glocken gegen die akustische Kulisse eines Freibades durchsetzen müssen. Auf dem Lutherturm wohnte bis ins Frühjahr ein Kanadagänsepaar, jetzt gehört die Turmspitze den Falken. Die Jungen machen gerade Flugübungen. Ob es gleich regnen wird oder nicht, kann ich an der Flughöhe der Mauersegler ablesen. Wikipedia weiß über sie etwas: „Im Hochsommer sind die geselligen Vögel im Luftraum über den Städten mit ihren schrillen Rufen sehr auffällig. Bei ihren Flugmanövern können sie im Sturzflug Geschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometer erreichen.“ Auf unserem Balkon haben die Spatzen sich den Fußabstreifer zur Festtafel gemacht. Sie schleppen ihre ergatterten Bröckchen an, zerkleinern sie darauf und heben mit Futter für die Kleinen im Schnabel wieder ab. Neuerdings kommen auch die ersten Halsbandsittiche in die Grünanlage an der Fachhochschule. Freitags und samstags singen im Anbau die afrikanischen Studenten ihre manchmal schwermütigen Gospels. In der kaputten Lagerhalle, die abseits von der Straße wie vergessen vor sich hin gammelt, gackern Hühner. Werktags ist morgens um sechs im Hof dahinter Arbeiterappell. Neulich mit Polizeikontrolle. Die Meldungen aus dem Polizeipräsidium mit dem täglichen Dutzend an Einbrüchen und Überfällen lasse ich nicht mehr auf mein Smartphone tickern. Denn im Großen und Ganzen, finde ich, herrscht Friede in der Stadt. Der Autor Stefan Bauer, 54 Jahre, ist Pfarrer der Jona-Kirchengemeinde.