Ludwigshafen Fremde Rhythmen und orientalische Tonleitern

Das Duo Doyna hat mit Klezmer Jazz den diesjährigen Creole Sommer eröffnet. Das erste Wochenende des Festivals begann in Limburgerhof auf dem Anwesen des Mehrgenerationenhauses. Mit Musik, Filmen, Speisen und Workshops zum Mitmachen ist die Veranstaltung ein Erlebnis für alle Sinne.
Langsam und gefühlvoll bewegt sich die Klarinette durch Tonleitern, die einen orientalischen Einschlag haben, dann setzt die Gitarre mit einem energischen Rhythmus ein und es klingt nach Balkan, jiddischem Städtl und Tanz. Die Klarinettistin Annette Maye und der Gitarrist Martin Schulte bewegen sich mit ihrer Musik vorwiegend in Osteuropa. Der „Freilach“, den sie als erstes spielen, gehört zur jiddischen Musiktradition. Die Klarinette klingt sehr typisch – sie weckt auch als Erstes den Gedanken an Klezmer, die jüdische Hochzeitsmusik, die vor allem zum Tanzen gemacht ist. Die Gitarre gehört bei den Juden Osteuropas zwar nicht zur Tradition – aber das Duo Doyna hat auch nicht den Anspruch, ausschließlich Klezmer aus dem Lehrbuch zu machen. So bringt die Gitarre Akkorde und Rhythmus und macht damit aus dem Duo eine richtige kleine Band. Schulte spielt meist eine Jazzgitarre, auf der er mit sehr klarem und doch warmem Sound begleitet. Später, wenn es nach Spanien zu den sephardischen Juden geht, wird Schulte auch eine elektrische Konzertgitarre spielen. Annette Maye und Martin Schulte haben sich in Köln beim Jazz-Studium kennengelernt. Der Jazz bleibt auch in der modernen Klezmer-Interpretation des Duos ein Einfluss. So gönnen sich die beiden Musiker den Raum, über die Themen der traditionellen Stücke auch zu improvisieren – was in der strengen Tradition nicht üblich war. Da begnügte man sich mit Variationen der bekannten Melodien, aber Solisten, die über die Form einen Chorus improvisieren, gab es nicht. Ebenfalls vom Jazz kommt der etwas freiere Umgang mit Klängen. Öfter gibt es Einleitungen, in denen zum Beispiel Annette Maye mit besonderen Tönen arbeitet, wie etwa Growl-Effekte oder mehrstimmige Multiphonics-Effekte. Die Klarinettistin hat vor ihrem Jazz-Studium Ostslawistik, osteuropäische Geschichte und Musikwissenschaft studiert. Sie weiß also sehr gut über Geschichte und Kultur der Musik Bescheid. Das Duo interpretiert traditionelle Klezmer-Musik, wie sie etwa Mordechaij Gebirtig im jüdischen Ghetto zu Krakau komponiert hat, oder Naftule Brandwein, der nach den USA auswanderte und dort als „King of Klezmer“ bekannt wurde. Der bekannteste Klezmer-Musiker der Gegenwart ist der Klarinettist Giora Feidman. Auch er bringt neue Klänge und Stile in die Klezmermusik. Das Duo Doyna brachte als Beispiel seinen Tango-Klezmer. Vom Balkan stellten die Musiker auch Volkstänze vor. Das Besondere an ihnen sind die Rhythmen, die Fünfer-, Siebener- und Zehner-Takte haben können oder sogar dazwischen wechseln. Das klingt sehr flott, aber wir westlichen Hörer, die wir meist nur drei und vier Viertel-Takte kennen, sind da mit dem Tanzen lieber etwas zurückhaltend. Die Atmosphäre des Konzerts war eher konzertant. Die Zuhörer hatten sich alle auf Bänke in der ehemaligen Rathausscheune gesetzt, denn am Abend hatte es leicht zu nieseln begonnen. Das tat aber der guten Laune keinen Abbruch. Zum interkulturellen Erlebnis trugen auch Asylsuchende aus Albanien bei, die die Besucher mit Spezialitäten des Balkans bewirteten. „Aus den fremden Flüchtlingen sind Freunde geworden“, sagte Michael Müller, der Leiter des Mehrgenerationenhauses über die Zusammenarbeit. Im Anschluss an das Konzert folgte der Film „Sound of Heimat“. Darin geht der neuseeländische Jazzmusiker Hayden Chisholm auf Entdeckungsreise. Frei und unbelastet schaut und hört er nach deutscher Volksmusik – nicht dem industriell produzierten Radio-Dudel, sondern tatsächlich weiterlebenden musikalischen Traditionen im deutschsprachigen Raum. Termin Der Creole Sommer geht am Freitag um 20 Uhr mit Cicinatela und Musik aus Georgien im Ludwigshafener Ebertpark an der Konzertmuschel weiter. Weitere Informationen: www.creole-sommer.de.