Ludwigshafen Figuren voller Schönheit und Artistik

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Das Aterballetto aus Reggio Emilia zählt zu den Lieblingen des Ludwigshafener Publikums. Man liebt seine Farbenpracht, seine Opulenz, seine Dramatik: den Stil von Mauro Bigonzetti, der es 15 Jahre lang – von 1997 bis 2012 – geprägt hat; die ersten zehn Jahre als künstlerischer Leiter, danach als Hauptchoreograf. Beim jetzigen Gastspiel hat das Theater im Pfalzbau einen von Grund auf anderen Stil erlebt. Die Resonanz war erst distanziert, dann zustimmend. Für Tanzkompanien gilt nun einmal die Regel, dass Wandel sie lebendig hält.

Der Tanzabend bestand aus zwei Stücken in klassisch zeitgenössischer Länge von je ungefähr einer halben Stunde und einem siebenminütigen Duo: „Upper East-Side“ von Michele di Stefano, „Lego“ von Giuseppe Spota und „#hybrid“ von Philippe Kratz. Michele di Stefano kommt aus der Performance-Kunst, die zeitgenössischen Tanz zu ihrem derzeit wohl wichtigsten Ausdrucksmittel entwickelt hat. Giuseppe Spota befindet sich im Übergang vom Tänzer zum Choreografen. Er tanzte in verschiedenen Kompanien, zuletzt vier Jahre lang am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden. Er erhielt den renommierten Theaterpreis „Der Faust“ als bester Tänzer in „Blaubart“ von Stephan Thoss. Philippe Kratz ist Tänzer im Aterballetto. Dessen künstlerische Leiterin seit 2008, Christina Bozzolini, setzt auf junge Choreografen. Philippe Kratz, der jüngste an diesem Abend, erntete für sein Duo „#hybrid“ spontan begeisterten Beifall. Hybrid bezieht sich auf die zwei extrem gegensätzlichen Tanzstile, die er darin zusammenschmiedet. Es bezieht sich aber auch auf die gespaltene Gefühlslage, die sich darin ausdrückt und vom Zuschauer als symptomatisch für die Gegenwart empfunden wird. Spannend ist nicht nur das Was und Wie, sondern auch die innovative Synthese. Die Tänzerin Noemi Arcangeli tanzt – vielmehr bewegt sich, auf Spitzenschuhen – wobei sie ständig abzustürzen scheint. Sie wird vom Partner Hektor Budlla, der im Habitus aus dem Streetdance schöpft, gestützt, gedreht und gehoben. Dabei entstehen Figuren von eigentümlicher Schönheit und Artistik. Über das Technische hinaus anrührend ist deren Gebrochenheit, in der sich das oft schwierige Verhältnis der Geschlechter zueinander spiegelt. Bei Mauro Bigonzetti war alles opulent, wobei er oft mit bildenden Künstlern zusammengearbeitet hat: die Bühne, die Kostüme und auch die Musik. Michele di Stefanos „Upper-East-Side“ ist das gerade Gegenteil: schwarzer Aushang, Unterwäsche-Look und eine elektronische Musik von Lorenzo Bianchi Hoesch aus Geräuschen und dumpfem Wummern. Die Bewegungslinien und das Bewegungsvokabular sind abstrakt, angenehm anzuschauen, doch leicht steril. Obwohl tänzerisch untadelig fließend, wirken sie verkopft, wie das im Performance-Bereich öfter vorkommt, wo experimentell und projektbezogen gearbeitet wird. Das Tanzgeschehen konzentriert sich in der rechten – eastside – Bühnenhälfte, die linke bleibt merkwürdig leer. Die Tanzsequenzen sind kurz. Die meist paarweisen Auftritte und Abgänge finden alle von rechts statt und sind so zahlreich, dass sie das Stück optisch beherrschen. Das derzeitige Vorzeigestück ist „Lego“ von Giuseppe Spota. In farbintensiver Ausstattung und starker, manchmal schon an Gefühligkeit grenzender Emotionalität und einer Fast-Geschichte nähert es sich Altmeister Bigonzetti an. In Schwarzweiß-Projektion sieht man eine aus Linienwürfeln gebaute Stadt. Rotgekleidete Gestalten kriechen darunter hervor, lauter Einzelne, die bedeutungsvoll suchend herumirren. Ein Paar steht in einem projizierten Linienwürfel – wie in einem Modul, einer Zelle, einem Heim. Ein solches wird es nach zwei sehr schönen Duos am Ende sein. Hauptsächlich widmet sich das Stück der Menge; das gesamte 17-köpfige Ensemble ist dafür aufgeboten. Spota organisiert sie nach sämtlichen Regeln der Choreografie: Reihen, Blöcke, vereinzelte Solos (die Einsamen) und Duos (Paarbeziehungen), wechselnde Untergruppieren (Begegnungen, Antagonismen, Zusammenschlüsse). Die Musik liefert die Stimmungen, in denen sich die Bewohner der Stadt zu Tableaus zusammenfinden. Sie sind Individualisten und bewegen sich jeder auf seine Art mit gelegentlichen Parallelismen, niemals als homogene Masse. Um sie ästhetisch sinnfällig zu organisieren, greift Spota etwas zu oft zu wuchtigen Blockbildungen; überzeugender sind seine fließenden Untergruppierungen.

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