Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Festival beschäftigt sich mit militärischen Schrecken

In der U-Halle auf dem Mannheimer Spinelli-Areal wird die Choreografin Reut Shemesh mit „Leviah“ eine auf der traumatischen Erfa
In der U-Halle auf dem Mannheimer Spinelli-Areal wird die Choreografin Reut Shemesh mit »Leviah« eine auf der traumatischen Erfahrung einer israelischen Soldatin basierende Tanzperformance präsentieren. Hier Szene aus einer Aufführung anno 2017 in Maribor (Slowenien).

Mit dem Festival „Wunder der Prärie“ widmet sich das Zeitraumexit in Mannheim stets einem großen Thema, das viele Menschen umtreibt. Diesmal ist es der Krieg.

Ein namibischer Gedenkmarsch, inszenierte Schweigeminuten, Ausstellungen zu Weihnachten an der Front, Gespräche mit Irak-Veteranen und Performance-Stücke, die vom Innenleben der Soldaten erzählen: Vom 25. September bis 5. Oktober werden bei dem Festival „Wunder der Prärie“ unter dem Titel „Theaters of war(s)“ die militärischen Schrecken der Gegenwart und Vergangenheit betrachtet. Irgendwo ist immer ein Krieg. Meist weit entfernt von uns, rücken die grausamen Konflikte in den vergangenen Jahren nicht nur medial immer näher und bestimmen den politischen Diskurs.

Und die Kultur? Die kann nicht nur Sorgen vertreiben, sondern sich ihnen stellen. Nachdem das im Zwei-Jahres-Turnus ausgetragene, internationale Live-Art-Festival des Vereins Zeitraumexit aufgrund des Umzugs vom Jungbusch in die Quadrate zuletzt entfallen musste, zeigt es nun mit seiner Rückkehr auf, warum Kultur nicht nur zur Unterhaltung dient.

„Krieg ist ein Thema, das man nicht wegschieben darf“, sagt die Zeitraumexit-Leiterin Johanna Baumgärtel. Impulsgeber aber war Sebastian Hirn, Regisseur und bildender Künstler aus München, der sich verstärkt mit dem Irak-Krieg und deutschen Kolonialverbrechen befasst.

Gedenkzug für Hirtenvolk zum Auftakt

Eröffnet wird die 13. Ausgabe von „Wunder der Prärie“ mit dem Gedenkzug „unwritten archives – a parade for the 21st century“. Künstler und Dichter aus Namibia – die Ovaherero, die Nachkommen des 1904 grausam ermordeten Hirtenvolkes – werden mit Mannheimer Bürgern im Untakt zu einer von Friedrich Stockmeier neu komponierten Marschmusik am 25. September ab 17 Uhr durch die Innenstadt ziehen.

„Es soll gar nicht die Schuldfrage gestellt werden. Die Frage lautet eher: Wie kann gemeinsames Gedenken stattfinden, ohne nur über Reparation zu reden“, betont Hirn. Auch die Suggestion, dass Marsch stets Gleichschritt bedeutet, solle hinterfragt werden. In Namibia schlüpfen die Nachfahren des Genozids bei Gedenkparaden in Uniformen aus der Kolonialzeit und wandeln Elemente der deutschen Blasmusik in ihre eigene Musik um. „Empowerment durch Adaptierung“, nennt es Hirn.

Zentrale Rolle von Leerstand-Bespielung

Das zehntägige, an mehreren Orten ausgetragene Festival setzt sich aus Performances und Live-Art, Installationen, Vorträgen, Gesprächsrunden und Spaziergängen zusammen. Auch die Leerstand-Bespielung spielt eine zentrale Rolle. In der ehemals militärisch genutzten U-Halle auf Spinelli wird die Choreografin Reut Shemesh mit „Leviah“ eine auf der Erfahrung einer israelischen Soldatin basierende Tanzperformance über ein emotionales Trauma präsentieren.

Dient der Soldat oder hat er Macht?

Der indische Künstler Baptist Coelho wird mit „What have I done to you?“ in partizipativen Eins-zu-Eins-Momenten solche Fragen aufwerfen, während er Teilnehmern im Zeitraumexit die Füße wäscht. Die Ausstellung „abandond positions“ im Raum S4.17 wird mit einer raumgreifenden Videoinstallation an den Irakkrieg erinnern. „Dancing Soldiers“ wird an gleicher Stelle vom sogenannten „Weihnachtsfrieden“ im Winter 1914 zwischen britischen und deutschen Soldaten erzählen und die Frage aufkommen lassen: Wo ist eigentlich der Mensch während des Krieges?

Schweigen als Raum für Reflexion

Mit „The Moment of Silence“ wird der belgische Künstler David Weber Krebs an öffentlichen Orten im Stadtraum Schweigemomente initiieren. „An Orten, wo Menschen ohnehin zusammenkommen, bei Fußballspielen oder Konzerten“, verrät Baumgärtel. Doch die kollektive Geste des Innehaltens solle nicht dem Rückblick dienen, sondern der Zukunft zugewandt sein – als Raum für Reflexion und Verantwortung für das Kommende.

Auch das an das Zeitraumexit angegliederte Ensemble Divers mit Schauspielern der Lebenshilfe Bad Dürkheim nähert sich dem Kriegsthema mit der bissigen und nachdenklichen Performance „Mensch gut / Krieg böse“. Aus absurden Kriegsspielen, Texten, Liedern und eigenen Geschichten wird eine Collage entstehen, die auch mal zum Lachen einlädt.

„Natürlich wird es kein reines Entertainment-Programm, mit dem man mal den Feierabend ausklingen lässt. Aber es gibt auch Formate, die Freude machen. Man wird spüren, dass man auch bei harten Themen nicht ohnmächtig und allein ist. Man wird der gefühlten Hilflosigkeit, die jeder mit sich herumträgt, begegnen können“, betont Johanna Baumgärtel. „Theaters of war(s)“ handelt also nicht nur von Vernichtung und Tod, Trauma und Verlust, sondern beinhaltet auch utopische und absurde Momente. „Auf einer sinnlichen Ebene kann man sich in die Perspektive anderer Personen und Länder versetzen. Denn es ist nicht damit gedient, wenn wir die Welt in Gut und Böse einteilen“, so Sebastian Hirn.

Info

Während des Festivals „Wunder der Prärie“ von Zeitraumexit wird auch der Kunstverein Heidelberg mit der Installation „Against the Grain“ von Mwangi Hutter die mediale (Kriegs-)Bilderflut beleuchten. Das Cinema Quadrat wird in dieser Zeit ausgewählte Filme präsentieren; siehe auch www.wunderderpraerie.de

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Bei seiner Performance „What have I done to you?“ wäscht der indische Künstler Baptist Coelho den Teilnehmern im Zeitraumexit di
Bei seiner Performance »What have I done to you?« wäscht der indische Künstler Baptist Coelho den Teilnehmern im Zeitraumexit die Füße. Unser Bild zeigt eine frühere Präsentation der Aktion.
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