Ludwigshafen Fürs Erste ausmarschiert

Der blaue Teppich ist auch nach knapp acht Wochen noch durchweicht, die Wände fühlen sich klamm und kalt an. Es riecht modrig im Zuhause der Heartliner, zu tiefes Einatmen scheint der Gesundheit nicht unbedingt förderlich. Nicht die Flammen der Explosion haben das Haus hauptsächlich zerstört, sondern Löschwasser. Weiße Flecken haben sich auf dem Fußboden gebildet, in den Ecken beginnt der Schimmel, sich an der Tapete hinaufzufressen. „Immerhin: Unser Vereinsheim lebt“, sagt Uwe Baum, einer der Frontmänner der erfolgreichen Ludwigshafener Marching Band, und flüchtet sich in Galgenhumor. Anders ist die Situation für die Heartliner wohl auch kaum zu ertragen. Bei der Explosion der Ferngasleitung zwischen Edigheim und Oppau im Oktober stand das Haus in der ersten Reihe – gerade auf der anderen Straßenseite des immensen, sechs Meter tiefen Kraters. Die Hitze der bis zu 60 Meter hohen Gasfackel erfasste das Musiker-Gebäude mit als Erstes. Die Fensterscheiben zerbrachen, obwohl die schweren Aluminium-Rollläden geschlossen waren. Sie schmolzen, hielten die Flammen aber davon ab, in das Innere vorzudringen und das Haus in Brand zu stecken. Erst wenige Tage zuvor wurden neue Uniformen für die Musiker geliefert, in denen sie zu ihrer Blas- und Trommelmusik in aufwendigen Choreografien marschieren. „Für ein großes Projekt“, sagt Baum. Mehr darf er nicht zu den Plänen verraten, die zwar auf Eis liegen, aber trotzdem ein Hoffnungsschimmer sind. Das Jahr 2015 ist für die Musikgruppe schon jetzt gelaufen. Die Heartliner zählen sich zu den besten Marching Bands in Europa. „Wir haben jahrelang Wettbewerbsmusiker gezüchtet“, sagt Baum. „Wir sind kein normaler Verein, bei dem es nur um das Mitmachen geht.“ Sie wollen Erfolge. Bleiben die aus, wandern die Musiker zu anderen Formationen ab. Einige haben ihren Abschied bereits angedeutet. Deswegen kündigt Baum an, dass die Heartliner im kommenden Jahr hauptsächlich regional unterwegs sein werden. Um sich über Wasser zu halten, in Form zu bleiben und Mitglieder zu werben. Für eine Band, die 2013 durch die USA tourte, ist das fast unbekanntes Terrain. Baum hatte just am Morgen des Unglücks Taylor Townsend, den musikalischen Leiter, zum Flughafen gefahren. Zur gleichen Zeit lud Baums Neffe die Instrumente für einen anstehenden Auftritt in den vereinseigenen Lastwagen. Als Townsend in Denver das Terminal betrat, sah er im amerikanischen Fernsehen, was in Ludwigshafen geschehen war. Der Lastwagen, der hinter dem Haus stand, ist Totalschaden, das gesamte Innenleben verschmort. Auch die – versicherten – Instrumente haben einiges abbekommen, mussten mindestens gereinigt, teilweise repariert werden. Die Platten der großen Xylophone zum Beispiel sind geschmolzen. Auch die Holzterrasse ist angekokelt, die Markise ebenfalls. Als „pures Glück“ bezeichnet es Baum, dass sich kein Vereinsmitglied auf dem Gelände aufhielt. Auch sein Neffe war glücklicherweise schon fertig mit dem Verladen und auf dem Weg nach Mannheim, als das Inferno losbrach. „Viele haben Schlüsselgewalt, hier ist eigentlich immer etwas los“, sagt Baum – Beisammensein, Training, Proben, Stücke arrangieren. Am Abend konnte Tom Röhr, der Heartliner-Vorsitzende, einen Feuerwehrmann überzeugen, ihn in das Sperrgebiet rund um den Krater und in das Vereinsheim zu begleiten. Beim Öffnen der Tür sah er das Ausmaß der Katastrophe, das Löschwasser stand knöchelhoch und rann die Wände herunter. Ein Teil der Decke war eingestürzt, das Dach instabil. Die neue Küche, die sich der Verein zugelegt hatte, ist nicht mehr zu gebrauchen. Eine Hausratversicherung hat der Verein nicht, er wird vorerst auf den Kosten sitzen bleiben. „Wer rechnet mit so etwas“, versucht Baum die fehlende Police zu erklären. Den Gesamtschaden können die Vereins-Verantwortlichen noch nicht beziffern. Sie nehmen Gascade in die Pflicht, es sei schließlich ihre Pipeline gewesen, die in die Luft geflogen ist. „30 Treffen waren es bestimmt schon“, sagt Röhr über den Austausch mit Gascade. Das Unternehmen bemühe sich, die Renovierung aber laufe nur schleppend. Das Haus ist momentan eingerüstet, das Dach wird erneuert. „Aber im Grunde schaut alles noch so aus wie vor zwei Monaten“, sagt Röhr, der sich auch mehr Unterstützung der Stadt wünscht. Ihr gehört das Gebäude, der Verein ist Mieter. Wochenlang wurde das Gebäude getrocknet, trotzdem schmatzt und quietscht es noch immer ein wenig, wenn Baum über den nassen Fußboden im Vereinsheim läuft. „Wie soll ich denn schauen? Traurig oder fröhlich“, fragt er, kurz bevor die RHEINPFALZ-Fotografin den Auslöser der Kamera drückt, und gibt sich die Antwort direkt selbst: „Zuversichtlich, denn das müssen wir sein.“ Inzwischen hat der Verein ein Übergangsquartier gefunden, in einem leerstehenden Kindergarten in der Pfingstweide. An der Fensterscheibe in der Küche der Heartliner hängt ein Aufkleber. „I love drumcorps“, steht darauf, in der Mitte des Satzes ein Herz. Sie lieben ihre Musik. Auch dieses Glas ist wegen der Hitze der Flammen gesprungen, durch den Schriftzug aber wandert der Riss nicht.