Ludwigshafen Euphorietaumel am Ende

Über 60 Bands an drei Tagen, beste Stimmung und eine hervorragende Organisation: Das Maifeld Derby zog auch bei seiner vierten Ausgabe tausende Musikbegeisterte aus ganz Europa auf das Mannheimer Maimarktgelände. Neben zahlreichen aufstrebenden Künstlern aus Indie und Pop gab es mit The National diesmal auch einen waschechten Headliner aus der ersten Liga der Rockmusik zu hören.
Ganz ohne Regen ging es dann auch in diesem Jahr nicht. Gerade als der Ire Hozier seinen bluesigen Neo-Soul anstimmte, ging das Festivalgelände für eine gute Stunde im sommerlichen Platzregen unter. Es sprach sicherlich für die fesselnden Songs des schlaksigen Songwriters, aber auch für die durchgehend entspannte und positive Haltung der Maifeld-Besucher, dass sich ein beträchtlicher Teil auch nicht durch diese Abkühlung von der Bühne vertreiben ließen. Tatsächlich zeichnete das Maifeld Derby auch bei seiner vierten Ausgabe vor allem die familiäre und lockere Atmosphäre bei allen Beteiligten aus. Tiefentspannte Sicherheitskräfte, freundliches Personal an den verschiedenen Ständen, und vor allem so gut wie keine festivaltypischen Aussetzer der Besucher. Für manch einen mögen komasaufende Halbnackte zu einer solchen Veranstaltung dazugehören, für andere zählt gerade diese Unaufgeregtheit zu den Stärken des Mannheimer Festivals. Über 60 Bands hatte Veranstalter Timo Kumpf am Wochenende auf das Maimarktgelände geladen. Vom Singer-Songwriter, über die klassische Indieband bis hin zum Elektroniktüftler war fast alles dabei, was sich derzeit in der zeitgenössischen Populärmusik so tummelt. Etwas mehr Radikalität und Experimentierfreudigkeit hätte man sich im Line-Up dennoch gewünscht. Bands wie die Schweden Johnossi beispielsweise können im Jahr 2014 eigentlich nicht viel mehr vorweisen als die Tatsache, während des Indiehypes der Nullerjahre mal ein ganz passables Album veröffentlicht zu haben, das heute höchstens noch auf WG-Parties durch die Laptopboxen tönt. Es gab daher sehr viele gute Auftritte und nur ganz wenige bis gar keine Totalausfälle zu hören. Musikalische Glanzpunkte wurden jedoch auch eher vereinzelt gesetzt. Bilderbuch aus Wien zeigten beispielsweise, wie intelligente deutschsprachige Popmusik zu klingen hat. Ganz ohne das Oberlehrerhafte und die musikalische Altbackenheit der Hamburger Schule spielten die vier Wiener Jungs durchdachte und spielfreudige Songs mit cleveren Texten und voller charmanter Ironie. Ein Gitarrensolo auf dem Rücken hat man jenseits von Top 40-Coverbands auch selten so überzeugend zu sehen bekommen. Ganz groß rockten auch die Australier von Pond, die mit verhalltem Gesang und schweren Riffs an den Psychedelic-Rock der 70er Jahre erinnerten. Wenig überraschend waren es aber dann die Headliner des Festivals, die am Sonntagabend den eindeutigen Höhepunkt und gleichzeitigen Schlusspunkt setzten. The National um den charismatischen Sänger und bekennenden Bühnenalkoholiker Matt Berninger hatten gleich ihre eigene Lichtshow mitgebracht und zeigten mit einer stadionreifen Show über zwei Stunden lang, warum sie mittlerweile in der ersten Liga des Rock mitspielen. Die notorischen Melancholiker zeigten sich dabei in hervorragender Spiellaune und sorgten routiniert dafür, dass das Publikum am Ende des Konzerts im kollektiven Euphorietaumel versank. Abwechslung vom Sound der großen Bühnen bot der Parcours d’amour, der als intime Bühne abseits der Besuchermassen im Reitstadion untergebracht war. Hier war Platz für ruhigere und ausgefallenere Klänge wie die von dem maskierten Pianisten Lambert, dem es gelang mit seinen Songminiaturen eine für Festivals ungewöhnlich private Atmosphäre zu schaffen. Schade nur, dass nicht nur bei dieser Bühne die Schallwellen anderer Spielorte oft unangenehm deutlich herüberdröhnten; ein übliches Problem von Freiluftfestivals zwar, das jedoch von anderen Veranstaltern mitunter besser gelöst wird. Pluspunkte gab es hingegen für die gesamte Rahmenorganisation, die einen reibungslosen und störungsfreien Ablauf des Maifeld Derbys erlaubt hat. Moderate bis günstige Preise für die vielfältige und leckere Verpflegung, beinahe schon blitzsaubere Sanitäranlagen, nur wenige Menschenschlangen und stets leicht einzusehende Bühnen sorgten dafür, dass sich die Besucher voll und ganz dem Musikprogramm widmen konnten. Nicht nur deshalb ist auch nach der vierten Ausgabe des Maifelds klar: Die selbst ernannte Musikstadt Mannheim kann sich auch dieses Jahr wieder glücklich schätzen, ein solch sorgfältig kuratiertes Festival beheimaten zu dürfen.